1 ...8 9 10 12 13 14 ...22 Laura nickte. »Sie nannte ihn ihr Mirakel.«
»Da siehst du’s. Ein Mirakel. Man erwartet nicht, dass es jeden Tag passiert. Jedenfalls nicht, wenn man gut und gern die Hälfte seines Lebens hinter sich hat.« Dan leerte die Tasse und schob sie beiseite. »Wenn ich raten sollte, würde ich sagen, Ursula verbrachte die meiste Zeit der letzten Monate damit, sich in den Arm zu kneifen, um herauszufinden, ob sie vielleicht doch träumt. Garantiert hat sie gewaltige Angst davor gehabt, sich lächerlich zu machen. Vor euch Schülern, den Kollegen und ihrer Tochter gegenüber. Am meisten Angst hatte sie sicherlich davor, sich vor Jakob lächerlich zu machen; davor, dass er sie tief in seinem Inneren eklig fand, sie für alt, verbraucht und schlaff hielt, und sich irgendwann in eine andere, eine jüngere Frau verlieben würde.«
»Wir wissen nicht, ob nicht das vielleicht sogar der Fall ist.«
»Wir wissen offenbar so gut wie nichts. Aber von Ursulas Seite aus betrachtet, ist etwas geschehen, was all ihre Sorgen bestätigt hat, egal, wie die Erklärung lautet: Er hat sie verlassen, er hat ihr Geld mitgenommen, er hat sie nicht geliebt. Das ist die totale Demütigung. Es ist enorm, dass sie überhaupt mit mir spricht. Mehr kannst du meiner Ansicht nach nicht erwarten.«
6 / Donnerstag, 22. März 2007, Nachmittag
Wie langsam kann man gehen, ohne dass es auffällt? Diese Frage ging Dan durch den Kopf, als er sich im Schneckentempo durch den Sonnenschein bewegte, am Schafpferch vorbeiging und eine Schwalbe beobachtete, die aussah, als hätte sie Stress beim Nestbau. Er näherte sich dem Ostflügel, in dem Ursula Olesens Wohnung lag. Er hatte überhaupt keine Idee, wie er das Gespräch anpacken sollte, obwohl er noch vor wenigen Minuten versucht hatte, Laura mit seiner blendenden psychologischen Analyse zu beeindrucken. Das eigentliche Rätsel dieses Falles faszinierte ihn, dennoch fürchtete er sich in Wahrheit bei dem Gedanken, mit der armen, betrogenen Ursula allein zu sein. Würde sie die ganze Zeit weinen? Würde sie darauf bestehen, ihm intime Details über ihre Beziehung zu diesem Wunderknaben zu erzählen? Oder ihn zwingen, ihre banalen Liebesbriefe zu lesen? Erwartete sie, dass er sie umarmte und tröstete? Dan schauderte. Er musste darauf achten, eine gewisse professionelle Distanz zu wahren und sich auf das Praktische zu konzentrieren, sagte er sich. Für alles andere hatte sie einen ganzen Haufen Freundinnen und Kolleginnen.
Was dann folgte, bewies einmal mehr, wie gründlich man sich irren kann, wenn man seinen Vorurteilen nachgibt und versucht, sich von vornherein eine bestimmte Situation in all ihren Details auszumalen. Erstens war er nicht allein mit Ursula. Als er an der Tür klingelte, an der zwei leere Schraubenlöcher die einzige Spur des Türschilds waren, öffnete eine junge Frau. Ein wenig unerwartet, doch die Situation wurde erst recht verwirrend, als die Frau sich als Anemone vorstellte, Ursulas Tochter. Die in Berlin wohnte. Die Künstlerin. Hätte Dan vorher jemand gebeten zu beschreiben, wie ein Mädchen mit einem derart lyrischen Namen wohl aussähe, hätte er mit Worten wie ›langes blondes Haar‹, ›schwebender Gang‹, ›ein bisschen hippieartig‹ oder ›feminin‹ geantwortet. Vergiss es. Die Frau an der Tür war der lebende Beweis dafür, dass man bei der Auswahl der Namen seiner Kinder sorgfältig nachdenken sollte. Anemone war eine durch und durch unromantische Erscheinung mit einem großen, kantigen Männerkörper und den Schultern einer professionellen Schwimmerin. Ihr dichtes, mittelbraunes Haar rahmte ein blasses ovales Gesicht ein. Das Lächeln war zurückhaltend und entblößte eine Reihe regelmäßiger weißer Zähne. Ein fester Händedruck, nicht länger als nötig.
»Kommen Sie rein«, sagte sie mit einer verblüffend hellen, melodischen Stimme. »Wir sitzen auf dem Balkon und genießen die Sonne.«
Balkon? Genießen? War das hier nicht ein Haus des Kummers und der Sorgen? Dan folgte Anemone durch das kleine, vollgestellte Wohnzimmer, an dem es keinen Quadratzentimeter freie Fläche mehr an der Wand gab. Die Bilder hingen eng nebeneinander, so dicht wie bei einer Collage. Aquarelle, Kupferstiche, Postkarten, Ölgemälde. Ein enormes karamellfarbenes Samtsofa mit ganzen Haufen von bunten selbst gehäkelten Kissen nahm einen großen Teil des Platzes ein, auf dem niedrigen Tisch davor lagen sorgfältig gestapelt Kunst- und Einrichtungszeitschriften aus der ganzen Welt.
Am Ende des Wohnzimmers führte eine schmale Tür in ein Schlafzimmer, das ebenso voller Bilder hing wie das Wohnzimmer. An der Längsseite des kleinen Zimmers verlief ein winziger Balkon, es gab gerade genügend Platz für drei schmale Stühle. Ein mikroskopisch kleiner Klapptisch war an die Mauer unter den Balkonkästen geschraubt, in denen sich eine Menge Stiefmütterchen der Sonne zuwandten. Auf einem der Stühle saß eine weitere Überraschung. Ursula Olesen hatte nichts mit seiner Vorstellung von einer tief betrübten Frau zu tun. Sie sah nicht aus wie jemand, der gerade einen Selbstmordversuch überlebt hatte, sondern weit besser, als er sie in Erinnerung hatte. Das hennafarbene Haar wurde von einer Lederspange im Nacken zusammengehalten, sie hatte ein sorgfältiges, aber diskretes Make-up in braunen und goldenen Tönen aufgelegt. Ihr gestreiftes, figurbetontes Hemd hing locker über ein Paar Jeans, und über der Schulter trug sie einen dunkelgrauen Cardigan. Sie sah ernst und ausgeglichen aus, und als sie ihn willkommen hieß, war ihre Stimme fest und ruhig. Unglaublich, was man mit modernen Medikamenten alles erreichen kann, dachte Dan, der nur allzu gut deren Wirkung kannte.
»Ich vermute, Sie haben die Geschichte bereits gehört«, sagte sie, nachdem sie eiskaltes Mineralwasser in drei Gläser gegossen hatte. Anemone hatte sich auf den mittleren Stuhl gequetscht.
»Soweit sie Laura bekannt ist, ja.«
»Was Sie nicht wissen, ist, dass Mone und ich den Vormittag damit verbracht haben, ihn übers Internet zu suchen. Und er … es gibt ihn einfach nicht.« Ihre Stimme zitterte plötzlich. Ihre seelischen Bollwerke hatten nicht lange standgehalten. Sie schaute ihre Tochter an, die mit dem Bericht fortfuhr.
»Seine Farbenfirma gibt es auch nicht. Wir wussten schon, dass er keine Homepage hat, aber das hat uns nicht überrascht, er hatte ja gerade erst begonnen, Farben zu produzieren. Sie sollten ja noch gar nicht verkauft werden.« Sie zog eine Plastiktüte unter ihrem Stuhl hervor. »Das hier ist sein Produkt.« Sie gab Dan einen weißen Plastikbehälter mit Schraubverschluss und einem sehr hübschen, romantischen Etikett mit dem Bild eines Waldsees, umgeben von knorrigen Eichen. »Ich weiß es natürlich nicht, aber mein Gefühl sagt mir, dass er in die sauberen Behälter mit den vornehmen Etiketten ganz gewöhnliche Acrylfarbe gekippt hat. Ich bin ein bisschen durch Googles Bildarchiv gesurft, und nach einer Stunde hatte ich’s gefunden …« Sie reichte ihm den Farbausdruck eines von Hand gezeichneten Etiketts, das jenem auf dem Farbeimer zum Verwechseln ähnlich sah. »Es stammt von einem kanadischen Öko-Reiniger. Er musste bloß die Schrift austauschen und sich so viele Etiketten ausdrucken, wie er benötigte.«
»Haben Sie auch seinen Namen überprüft?«
Die beiden Frauen nickten gleichzeitig. »Das Schlimmste ist«, sagte Ursula, »dass ich es vor langer Zeit hätte herausfinden können. Ich wusste doch nichts über ihn. Ich hätte ihn überprüfen müssen, ich hätte …«
»Hör jetzt auf, Mutter.« Anemone nahm ihre Hand. »Deine Selbstvorwürfe kannst du dir für später aufheben. Sie sind jetzt nicht unser Thema.«
Ursula zog die Hand zurück und richtete ihren Blick auf die Felder vor dem Fenster. Ihr Gesicht hatte sich verschlossen.
»Entschuldigung, aber was ist denn das Thema?«, fragte Dan.
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