1 ...7 8 9 11 12 13 ...22 »Ich kann dir ein bisschen falschen Hasen aufwärmen«, tönte es aus der Tiefe des Kühlschranks, wo Laura Tupper-Dosen untersuchte. »Willst du frisch gebackenes Roggenbrot oder geschmorten Weißkohl dazu?«
»Roggenbrot.« Er sah, wie sie mit einer geübten Bewegung ein paar gebackene Hackfleischscheiben auf einen Teller wippte, ihn mit einer Schale abdeckte und in die Mikrowelle stellte. Innerhalb von drei Minuten zauberte sie außerdem zwei Scheiben Roggenvollkornbrot, einen Löffel Rotkohl und ein großes Stück Butter hervor. Als Getränk entschied er sich für fettarme Milch. Laura goss ihm ein großes Glas ein, stellte alles auf ein Tablett, wischte den Küchentisch hinter sich ab und überließ es ihrem Vater, das Tablett in den jetzt leeren Speisesaal zu tragen.
»Falscher Hase mit geschmortem Weißkohl oder Rotkohl? Ich dachte, ihr bevorzugt vegetarisches oder thailändisches Essen. Ihr esst ja wie im Altenheim.« Er schnitt den ersten Bissen ab, steckte ihn in den Mund und kaute mit einem seligen Gesichtsausdruck.
»Ich dachte, du bist Lifestyle-Experte? Junge Leute mögen am liebsten die althergebrachten Gerichte«, erklärte sie in einem belehrenden Tonfall.
»Ja, ja … solange es sich nicht um Hering, weiche Zwiebeln, Leber, Sagosuppe oder Rosenkohl handelt.« Er lächelte sie an, als sie beleidigt die Arme über der Brust verschränkte. »Jetzt werd nicht gleich sauer, Laura. Erzähl mir lieber von der armen Ursula Olesen, während ich esse. Wann musst du in den Unterricht?«
»Eigentlich in einer Viertelstunde. Aber Gitte hat mir erlaubt zu schwänzen, wenn es mit dir länger dauert.«
»Gitte? Die Schulleiterin? Sag mal, wissen eigentlich alle, dass ich heute komme?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nur Gitte, Helle und ich. Helle, das ist die Alte aus der Küche.«
»Die Saure?«
»Sie ist nicht sauer. Sie ist Ursulas beste Freundin und kreuzunglücklich über die ganze Geschichte. Außerdem ist sie ein bisschen verlegen, weil du ja ziemlich bekannt bist.«
Na ja. Das vergaß er ständig. »Was ist mit Ursula? Ist sie gewarnt?«
Laura nickte.
»Okay, dann schieß los!«
Laura erzählte die lange und traurige Geschichte mit allen Details, die ihr bekannt waren. Dan hörte aufmerksam zu, während er die einfache, aber wohlschmeckende Mahlzeit verzehrte. Als er Messer und Gabel beiseitelegte und sich auf dem Stuhl zurücklehnte, tauchte plötzlich und unerwartet eine Hand auf seiner rechten Seite auf. Sie stellte eine Tasse heißen Kaffee auf den Tisch und räumte den leeren Teller ab. Dan drehte sich um und sah, dass die Hand der weißhaarigen Küchenchefin gehörte.
Er erhob sich und streckte die Hand aus. »Vielen Dank fürs Essen, Helle. Es ist selten, dass man einen falschen Hasen bekommt, der auf die richtig gute alte Art zubereitet ist. Herrlich! War der Rotkohl hausgemacht?«
Ihre Augen huschten über sein Gesicht, und sie murmelte etwas, das er nicht richtig verstand. Dann zog sie ihre Hand zurück und griff noch nach dem leeren Milchglas, bevor sie wieder in der Küche verschwand.
Laura kicherte. »Du hast die Damen im Griff, oder, Papa?«
»Ach, hör schon auf.« Er setzte sich und schnupperte an dem Kaffee. »Aber da wir gerade von Frauenverstehern reden … Wie war er eigentlich?«
»Jakob?«
Dan nickte. »Nur dein ganz persönlicher Eindruck?«
Sie zog die Brauen zusammen und biss sich auf die Unterlippe, während sie einen Augenblick nachdachte. »Na ja, du wirst es mir nicht glauben, Papa, ich konnte ihn tatsächlich nie leiden. Auch nicht, als er ständig hier wohnte und Ursula so glücklich war. Und das sage ich nicht, um hinterher alles besser gewusst zu haben. Ich habe Zeugen! Alle andern sind bald in Ohnmacht gefallen und fanden ihn wunderbar, aber ich … Ich weiß nicht. Mir fehlte irgendetwas an ihm. Ich glaube, besser kann ich es nicht erklären.«
»Wenn du sagst ›die anderen‹, wen meinst du damit? Deine Freundinnen hier auf der Schule? Oder die anderen Lehrer?«
»Alle. Also … er sah einfach super aus, obwohl er schon ein bisschen alt war. Groß, muskulös, schmale Hüften, sexy Augen. Außerdem war er immer wahnsinnig höflich und sehr hilfsbereit.« Laura platzierte ihre Ellenbogen auf den Tisch und stützte das Kinn auf ihre Fäuste. »Vielleicht lag es daran, er war so höflich und korrekt, als hätte er sich ständig hundertprozentig unter Kontrolle. Ich meine, jeder normale Mann guckt doch auch mal jungen Mädchen hinterher, oder? Vor allem, wenn die so supergut aussehen wie ich.« Sie legte den Kopf zurück und lachte schallend. Wieder erinnerte sie ihn an ihre Mutter, die auch immer herzlich über ihre eigenen witzigen Bemerkungen lachte. »Alle Männer, auch wenn sie glühend in ihre Frauen oder Freundinnen verliebt sind, schenken einer Sahneschnitte wie mir doch zumindest einen Blick, oder?«
Wenn du wüsstest, Mädchen. Wir sind durch und durch alte Ferkel, dachte Dan. Aber er hielt die Maske aufrecht und beließ es bei einem Nicken.
»Jakob aber nicht. Nicht ein einziges Mal. Auch die anderen Mädchen oder die Lehrerinnen guckte er nicht an. Nur Ursula. Als wären seine Augen an ihr festgeleimt. Als hätte er beschlossen, nie wieder wegzusehen. Sie fand das natürlich toll, und die anderen meinten, es sei süß, mir war es eher unheimlich.« Sie lehnte sich zurück. »Hilft dir das?«
»Sehr.« Dan trank einen Schluck Kaffee. Auch der war mehr als okay. Sein Respekt vor Helle aus der Küche stieg mehr und mehr. »Du warst der Ansicht, dass Jakobs totale Fokussierung auf Ursula etwas Konstruiertes hatte.«
»Genau. Er hat’s übertrieben; er hat so getan, als sei er vollkommen verrückt nach ihr, als müsse er sie ständig berühren, sie küssen und ihr klebrige Komplimente machen.«
»Klebrig?«
»Na ja, andeuten, wie fantastisch sie im Bett ist und so. Also hör mal … in ihrem Alter! Das mit anzuhören, war eklig!«
Dan vertiefte dieses Thema nicht weiter. Er wusste nicht so genau, ob er sich anhören wollte, wo Lauras Meinung nach die Altersgrenze für die sexuelle Ekelschwelle lag. Wenn Jakob ›schon ein bisschen alt‹ und Ursula in ihrer Rolle als Liebhaberin direkt ekelerregend war, dann hatte Dan das hässliche Gefühl, sein eigener Zustand könnte auch schon bald einen kritischen Punkt erreichen.
»Na, Prinzessin«, sagte er stattdessen. »Soll ich dir sagen, was ich glaube, bevor wir mit der armen Frau überhaupt geredet haben?«
Sie nickte.
»Ich glaube, es wird sehr, sehr schwer werden, sie zu überreden, damit zur Polizei zu gehen.«
»Ja, sicher, Papa, aber könntest du nicht wenigstens …«
»Natürlich werde ich einen ernsthaften Versuch wagen, zaubern kann ich jedoch nicht. Sie ist eine erwachsene Frau, und wenn sie nicht will, kann niemand sie zwingen.« Dan legte ein paar Fingerspitzen auf Lauras Handrücken. »Hör mal, Laura, möglicherweise ist dir das ja auch schon passiert, irgendein Idiot hat dich sitzen lassen und war nicht imstande, es auf anständige Art und Weise zu beenden. Du musstest selbst herausfinden, dass es vorbei ist, und dich dabei vor deinen Freundinnen blamieren …« Sie nickte. »Die möglicherweise obendrein noch herumgelaufen sind und deine Geheimnisse weitergetratscht haben, zum Beispiel, was dir gefällt oder nicht gefällt, wenn ihr allein seid, wenn du verstehst, was ich meine.« Sie verstand. Und wandte den Blick ab. »Was ich dir sagen will, ist, derartige Situationen … es wird mit den Jahren nicht einfacher, sie zu ertragen. Nein, nicht um deine Gefühle kleinzureden«, fügte er hastig hinzu, als er sah, dass sie protestieren wollte. »Selbstverständlich kann man tief verletzt sein, auch wenn man jung und hübsch ist, und doch, in all dem Ärger weißt du tief in deinem Inneren genau, dass es noch eine Unmenge anderer Männer auf der Welt gibt und du es schaffen wirst, jedenfalls besser als dieser Vollidiot, der dir in einer bestimmten Situation so wehgetan hat.« Sie blickte auf. Dan hatte offenbar einen blanken Nerv getroffen, er entschied sich aber, es zu ignorieren. »Stell dir vor, du bist Ursula. Sie steht am anderen Ende des Laufbands und stellt sich allmählich darauf ein, mit all dem, womit du gerade anfängst, aufzuhören. Höchstwahrscheinlich empfand sie Jakob als ihre allerletzte Chance für eine Liebesbeziehung.«
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