1 ...6 7 8 10 11 12 ...22 Kuss von Laura
Oh, verflucht! Dan las die Mail noch einmal. Er hatte überhaupt keine Lust, gegenüber einer klimakterischen, selbstmordgefährdeten Kunstlehrerin den ›halben Polizisten‹ zu spielen. An Ursula Olesen konnte er sich gut erinnern, er wusste, dass Laura sehr an ihr hing, seit sie aufs Internat ging. Letzten Herbst, als Dan unter Stress zusammengebrochen war und sich krankmelden musste, war es für seine Tochter bestimmt nicht leicht gewesen. Soweit er wusste, war es besonders Ursula gewesen, die ein Ohr für die Sorgen ihrer Schülerin gehabt hatte. Und eine Schulter für ihre Trauer, als der alte Hund der Familie vor einigen Monaten eingeschläfert werden musste. Er schuldete Ursula Olesen in vielerlei Hinsicht großen Dank, das wusste er. Aber sollte er eine Menge Zeit vergeuden, um die Frau davon zu überzeugen, ihre Demütigung den Behörden zu präsentieren? Und vermutlich auch der Boulevardpresse und damit der gesamten dänischen Bevölkerung? Dan verstand ausgezeichnet, warum Ursula Olesen nicht zur Polizei gehen wollte, und er hatte überhaupt keine Lust, derjenige zu sein, der sie davon abbrachte.
Auf der anderen Seite … Er wollte jederzeit alles tun, um Laura glücklich zu machen, die so freundlich und loyal denjenigen gegenüber war, die sie liebte. Dan spürte, dass seine Tochter in dieser Sache ganz entschieden war. Sie würde sich mit der erschreckenden Hartnäckigkeit darin verbeißen, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Und sie würde nicht lockerlassen, würde sich mit ihren hübschen weißen Zähnen in ihm verbeißen, bis zuerst er und dann Ursula aufgegeben hatten. Er konnte ebenso gut gleich alle weiteren Skrupel fahren lassen und tun, worum sie ihn bat. Irgendwie hatte das Mädchen ja recht; ein Mann wie Jakob musste aufgehalten werden, bevor es ihm gelang, die Bankkonten weiterer Frauen zu melken.
Dan schaute auf die Uhr des Computers. Kurz nach zehn. Er könnte noch vor zwölf in Egebjerg sein, mit seiner Tochter zu Mittag essen und am Nachmittag mit Ursula Olesen reden. Er schrieb Laura eine SMS, erhielt umgehend eine Bestätigung und legte Marianne eine Nachricht hin, bevor er zum zweiten Mal an diesem Morgen das Haus verließ.
5 / Donnerstag, 22. März 2007, mittags
Das Internat von Egebjerg war auf einem ehemaligen Herrenhof untergebracht, dessen drei überdimensionierte Gebäude eine parkähnliche Anlage mit Bänken, Beeten und Bäumen umschlossen. Die große viereckige Rasenfläche mitten auf dem Platz war umgeben von einem weiß lackierten Zaun, drei Weißdornbäume spendeten Schatten. Eine kleine Herde verblüffend zahmer Schafe wurde im Sommerhalbjahr auf dem Rasen gehalten, und erst kürzlich war das erste Lamm dazugekommen. Ein blökender Chor in zwei Tonhöhen empfing Dan, als er aus dem Auto stieg. Er trat an den Zaun und bückte sich, um ein ehrwürdig kauendes Gotlandschaf am Rücken zu kraulen, bemerkte aber sofort, dass dessen dicke Wollschicht für Klapse und Streicheleinheiten eher nicht geeignet war. Die Wolle war hart, fettig und total verfilzt. Da muss jemand aber dringend mal zum Friseur, dachte er und belächelte den kleinen, eifrig wedelnden Lämmerschwanz, der unter dem grauen Massiv des Mutterschafs hervorlugte.
Dan ließ den Wagen auf dem Gästeparkplatz stehen und lief den Rest des Wegs zum Hauptgebäude. Die Schüler wohnten im ersten und zweiten Stock; Küche, Speisesaal und der Gemeinschaftsraum lagen im Erdgeschoss, in dem hohen Keller waren die Klassenräume untergebracht. Weitere Unterrichtsräume und Werkstätten waren auf die beiden anderen Gebäude verteilt, ebenso die Privatwohnungen der Lehrer – klugerweise in einigem Abstand zu den Zimmern der Schüler.
Auf der Treppe kam Dan eine Gruppe siebzehnjähriger Jungen entgegen. Keiner von ihnen hatte seine Hose bis zur Taille hochgezogen; sie saß mitten auf dem Hinterteil und wurde von einem überdimensionierten Gürtel und hin und wieder – in aller Diskretion – von einer hilfreichen Hand fixiert, wenn der Besitzer sicher war, dass niemand es sah. Die gewünschte Wirkung war möglicherweise eine Illusion von Schwerelosigkeit: kräftige Jeans, die trotz des zusätzlichen Ballasts von Nietengürteln, Schlüsselbunden, Mobiltelefonen und Kleingeld auf der Hälfte eines schmalen Jungenarschs in der Schwebe blieben. Vielleicht hatten sie einen Klettverschluss an der Unterhose? Dan begriff die Mode dieser hängenden Hosen nicht, er hatte sie nie verstanden und sie würde ihm wohl auch nicht mehr klar werden. Plötzlich fühlte er sich alt.
»Hej!« Der größte der Jungen lächelte breit.
»Hej!«
Einer der anderen drehte sich um. »Du bist Lauras Vater, oder?« Als Dan nickte, fügte der Junge mit einem verlegenen Grinsen hinzu: »Der kahlköpfige Detektiv.«
»Eben der!« Dan griff nach der Türklinke, aber der große Bursche kam ihm zuvor. Er hielt die Tür auf, bis Dan eingetreten war. Sehr freundlich, dachte Dan, aber nicht gerade das, was einem erwachsenen Mann das Gefühl gibt, jünger zu sein.
Es war halb eins, und Dan hatte das deutliche Empfinden, dass das Mittagessen bereits vorbei war. Ein durchdringender Geruch nach Schweinefleisch und gekochtem Kohl hing in der Luft, und die klappernden, scharrenden, kichernden Geräusche aus der Mensa klangen eher nach Aufräumen und Abwasch als nach Essensvorbereitungen. Außerdem waren überall auf den Fluren und Treppen junge Leute – mit oder ohne sichtbare Unterwäsche. Einige schrieben SMS, andere unterhielten sich in kleinen Grüppchen, wieder andere trugen Tabletts mit benutzten Gläsern heraus oder beschäftigten sich mit Handfeger und Kehrblech. Das übliche Gefühl der Desorientierung überkam ihn. Es müsste eine topgeführte Rezeption oder zumindest ein klares und eindeutiges Beschilderungssystem in so einem Internat geben, dachte er. Vielleicht könnte man eine Tafel erfinden, auf der sich zu jeder Zeit die Position eines Schülers ablesen ließe; oder so eine geheime Karte wie in den Harry-Potter-Büchern. Er wurde hier noch regelrecht konfus.
»Hej, Papa!« Laura hatte die Arme um ihn geschlungen, bevor er sie überhaupt entdeckte. Er sog den Duft ihres Shampoos ein, während sie sich umarmten. Shampoo und …
»Verdammt noch mal, Laura! Hast du angefangen zu rauchen?«
Perplex versuchte sie sich loszureißen, gleichzeitig hielt sie die Hände vor den Mund. »Du sagst doch nichts Mama, oder?«
»Deiner Mutter? Du machst dir Sorgen wegen deiner Mutter? Und was ist mit mir? Bin ich hier etwa der Blödmann?«
»Du weißt, was ich meine …«
»Nein, bei allen guten Geistern, das weiß ich nicht. Ich bin doch der Nichtraucher bei uns zu Hause. Ich hasse Zigarettenrauch. Und ich habe den größten Teil meines Lebens damit verbracht, mich mit deiner Mutter über genau dieses Thema zu streiten. Jetzt hat sie endlich aufgehört, und du hast am meisten Angst vor ihrer Reaktion?«
Laura ließ die Schultern hängen. »Ach, Papa …«
Dan bemerkte plötzlich, wie still es um sie herum geworden war. Mindestens acht junge Menschen verfolgten den Auftritt mit ernsten Mienen, und Dan wurde klar, dass er gerade definitiv sein neues Image als altes, mürrisches Arschloch zementierte. Wie konnte er seine Tochter nur in aller Öffentlichkeit so herunterputzen … »Entschuldige, Schatz«, sagte er und berührte sanft ihre Schulter. »Wir reden ein andermal darüber, ja?«
Sie blickte zu ihm auf. »Und Mama?«
Dan schüttelte mit der Andeutung eines Lächelns den Kopf.
Laura machte sofort ein fröhlicheres Gesicht. »Hast du Hunger?«
»Ein bisschen«, gab er zu. »Und Durst.«
Sie ging in die Küche voraus und manövrierte ihn gekonnt um die Horden von Schülern, die offensichtlich zur Küchenmannschaft gehörten. Zwei Frauen, gut und gern im mittleren Alter, leiteten den Aufmarsch, Laura wandte sich an die ältere der beiden. Ein paar Worte reichten, dann nickte die Frau, öffnete den Kühlschrank und klapperte auf ihren ausgelatschten weißen Clogs davon, ohne Dan auch nur eines Blickes zu würdigen. Laura schien die unhöfliche Attitüde nicht bemerkt zu haben, daher vermutete Dan, dass es sich lediglich um den normalen Umgangston in der Schulküche handelte.
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