Sextner Pionier: Hans Innerkofler (1833-1895) wurde nicht umsonst „Gamsmandl“ genannt.
Mit der Zahl der Touristen wächst also jene der Bergführer und mit jener der Bergführer auch die der Touristen. Diese stammen indes nicht nur von den Britischen Inseln, auch wenn John Ball den Startschuss gibt. Er steht 1857 auf dem Monte Pelmo und 1860 auf der Marmolata di Rocca. Schon in diesen ersten Jahren mischen aber auch Mitteleuropäer bei der Erschließung der Berge der Alpensüdseite kräftig mit. 1863 etwa kommt der Wiener Paul Grohmann zum ersten Mal in die Dolomiten und besteigt bis 1869 als Erster die Tofane, den Sorapiss, die Marmolata, den Cristallo, die Dreischusterspitze, den Langkofel, die Große Zinne und den Antelao. Oft vergessen wird dabei, dass auch Grohmann – wie seine englischen Vorgänger – nie allein am Berg unterwegs ist. Die Dreischusterspitze etwa erkundet er im Schlepptau der besten Sextner Gamsjäger und auch bei deren Erstbesteigung steht mit Franz Innerkofler ein einheimischer Führer mit dem Wiener auf dem Gipfel.
Grohmann leistet nicht nur in alpinistischer Hinsicht Pionierarbeit. Mit seinem Buch „Wanderungen in den Dolomiten“ (so klingt Bescheidenheit!) öffnet er weiten Kreisen den Blick auf die bis dahin im deutschen Sprachraum kaum wahrgenommenen Dolomiten. Noch einen zweiten Effekt hat die publizistische Tätigkeit Grohmanns: Er wird als Erstbesteiger, als Erschließer, bekannt, während seine Begleiter, die ersten großen Dolomitenführer, in seinem Schatten bleiben. Bis heute. Dabei sind sie es, die das Klettern Schritt für Schritt weiterentwickeln und ganz neue Schwierigkeitsgrade erschließen. So wird Ende der 1870er an der Torre dei Sabbioni in der Marmarolegruppe erstmals im III. Grad geklettert. Und 1881 folgt die Erstbesteigung der bis dahin als unbezwingbar gehaltenen Kleinen Zinne durch die Sextner Führer Michl und Hans Innerkofler.
Bergführer mit Brief und Siegel
Nicht nur alpinistisch leisten die Bergführer in den Anfangsjahren Großes. Sie sind auch als touristische Pioniere gefragt und – wie man im Mai 1870 im „Boten für Tirol und Vorarlberg“ liest – „vorzugsweise geeignet, Touristen in die bisher wenig begangenen, an Naturschönheiten und romantischer Abwechslung reichen Berggegenden zu ziehen, diese allmälig mehr bekannt und zugänglich zu machen“. Letzteres bezieht sich vor allem auf die damals noch von Bergführern übernommenen Aufgaben des Wege- und Hüttenbaus, um „dem gerade in Tirol gegenüber andern Alpenländern sehr vermißten Comfort in den Alpengegenden einigermaßen Fürsorge tragen zu können“. Zwar überlassen die Bergführer schon nach wenigen Jahren diese Arbeiten mehr und mehr dem Alpenverein, trotzdem sind sie aber weiterhin zentrale Figuren im touristischen Angebot Tirols.
Das bleibt selbstverständlich auch den Behörden nicht verborgen, die Ende der 1860er-Jahre in vielen Orten und ganzen Tälern vor einem Problem stehen: dem Mangel an Bergführern. Von der k. k. Bezirkshauptmannschaft in Innsbruck ergeht daher die Aufforderungen an die Magistrate, aktiv nach geeigneten Leuten zu suchen, um diese als Bergführer anzuwerben. So werden Kandidaten direkt von Beamten und Ortsvorstehern angesprochen, zudem setzt man auf die Breitenwirkung von Plakaten: „Bergführer gesucht“.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird der Alpintourismus zu einem wichtigen Standbein – auch in den Seitentälern (im Bild der Hochgall).
So rücken die Bergführer in den späten 1860er- und frühen 1870er-Jahren immer mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit. Weil man um ihre Bedeutung weiß, kümmert sich etwa der Österreichische Alpenverein (OeAV) immer aktiver um die Führer – auch finanziell. So liest man 1870 erstmals von einer „Gratifikation“, die besonders bewährten Führern vom OeAV zuerkannt und über den Bezirkshauptmann ausgezahlt wird. Es sind 30 Gulden, heute immerhin etwa 400 Euro, über die sich ein Bergführer aus Neustift und einer aus Gschnitz freuen können. Noch wichtiger als die finanzielle Unterstützung ist die rechtliche, die – immer im Jahr 1870 – zunächst im politischen Bezirk Innsbruck festgeschrieben wird: in Form der ersten Bergführerordnung und des ersten Bergführertarifs in Tirol, erlassen von der k. k. Bezirkshauptmannschaft.
Tüchtig = autorisiert
„Jedenfalls mögen nur solche Führer genommen werden, welche mit den behördlichen Führerbüchern versehen sind, und da Excursionen in diesem Theile der Alpen keine einfachen Spaziergänge sind, möge sich Niemand andere als anerkannt tüchtige, also behördlich auto- risirte Führer aufdringen lassen.“
„Der Ortlerführer“, 1876
Sie wird zur Vorlage für die nur ein Jahr später erlassene einheitliche Bergführerordnung für ganz Tirol und Vorarlberg, die über weite Strecken deckungsgleich mit der Innsbrucker Ordnung ist. Einige interessante Abweichungen gibt es allerdings und diese lassen sich aus der Vorgeschichte der Regelung und mit der zentralen Rolle, die der Alpenverein darin spielt, erklären. Schon 1870 beauftragt die Generalversammlung des Deutschen Alpenvereins (DAV) „die bekannten Alpenfreunde“ Johann Stüdl, Kaufmann in Prag, und den Venter Kuraten Franz Senn damit, eine Bergführerordnung für ganz Tirol und Vorarlberg zu entwerfen, um diese der kaiserlich-königlichen Statthalterei in Innsbruck zur Verabschiedung vorzulegen. Stüdl und Senn kommen ihrem Auftrag nach, nicht ohne dem Alpenverein eine wichtige Rolle in der künftigen Regelung des Bergführerwesens zuzuschreiben. So räumt der Alpenverein seinen Sektionen schon in § 1 des Entwurfs das Recht einer „speciellen Prüfung, Ueberwachung, Kontrolle der Führer“ ein, macht also deutlich, dass man der Entwicklung des Bergführerwesens nicht untätig zuschauen wolle. Zugleich wird der mediale Druck auf die Behörden erhöht, dem Alpenverein einen Zugriff auf das Bergführerwesen zu eröffnen und die Auswahl der Führer nicht allein den politischen Vertretern vor Ort zu überlassen.
Bitte (nicht) lächeln: Wohl in den 1890er-Jahren posieren Ridnauner Bergführer in voller Montur vor dem Hotel Sonklarhof für den Fotografen.
Sie wissen alles besser …
„Die Gemeindevorsteher erhalten von der k. k. Bezirkshauptmannschaft den Auftrag, zum Bergführerdienste taugliche Individuen namhaft zu machen […]. Was thun nun die Berg- und Gletscherkundigen Vorsteher? Sie heften eine Aufforderung zur Anmeldung zum Fremdenführerdienste an die schwarze Tafel bei der Kirche und warten in ihrer Kanzlei auf die sich Meldenden. An dem einen Orte kommt Niemand, am anderen zwölf, aber mit Ausnahme eines Einzigen, alle unkundige oder nichtsnutzige Leute. Diese sollen nun als Führer autorisirt werden und von der k. k. Bezirkshauptmannschaft vidirte Führerbücher erhalten. Damit ist die Organisation des Führerwesens beendet. […] Löset euch auf ihr Sektionen des deutschen Alpenvereins in Tirol und Vorarlberg und leget, ihr Alpenfreunde, eure mühsam gesammelten Erfahrungen und Kenntnisse über Berge und Gletscher, gute oder schlechte Führer, deren nothwendige Eigenschaften u.s.w. bei Seite; die Gemeindevorsteher in ihren Kanzleistuben wissen Alles viel besser.“
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