„Vermutlich“, stimmte Christian zu, doch er hatte ein ungutes Gefühl. Also nahmen sie den Roboter samt Ei auf und begaben sich auf den Rückweg.
Hätten sie nur in das Ei hinein sehen können. Dann hätten sie ein Wesen, das wie eine graue Schlange aussah, gesehen, das lächelte, denn es hatte den ersten Schritt zur Erfüllung seines Schicksals geschafft.
4. Kapitel – Erbarmungslose Wüste
Westen der Sahara (Menschenreich)
Mitternacht des zweiten Tages nach dem Fall von Erlin
Das Erste, was Erwin fühlte, nachdem er zu sich kam, war Sand. Feiner, weicher Sand. Erwin lag auf dem Rücken und hatte mächtige Kopfschmerzen. Er versuchte langsam aufzustehen, was ihm auch gelang. Dann blickte er sich um. „Wo im Namen des Lichts bin ich?“ Egal wohin er blickte, er sah nur Sand und Sanddünen in der Nacht. Er hatte noch nie so viel Sand gesehen. Er überlegte, wo er sein konnte. Dann fand er eine Antwort, doch diese gefiel ihm nicht: In einer Wüste. Leanus hatte ihn schon immer viel über diese gefährliche Gegend erzählt. Leanus … Der Gedanke an seinen toten Meister schmerzte ihn. Doch was ihn im Moment noch mehr schmerzte und ihm eiskalt den Rücken herunter lief, war die Erkenntnis, dass es nur eine Wüste in Locondia gab: Das Menschenreich. Das Schicksal spielte ihm übel mit. ‚Was soll ich nur machen? Ich bin in der Wüste und laufe Gefahr zu verdursten oder getötet zu werden. Erlin ist erobert und mein Meister tot.‘, dachte Erwin verzweifelt. Er sah sich um und entdeckte einen Krater, der in der Mitte noch glühte. Erwin trat näher heran und rutschte beinahe aus, denn die Ränder waren aus Glas. Er konnte das Gleichgewicht gerade noch halten und sah sich nun an, was in der Mitte war. Erwin erkannte das blaue Ei. „Wie kommt das hierher?“, fragte er sich, während er es aufhob. Es fühlte sich warm an. Und es pulsierte. Erwin starrte es an. Er fühlte tatsächlich einen Herzschlag. „Hier lassen kann ich es nicht. Doch wie soll ich es am besten transportieren?“ Erwins Blick fiel auf den Sandboden. Wenig später war mit Lichtmagie weiße Sandseide gesponnen, sodass wiederum mit Magie ein Rucksack genäht werden konnte. Erwin verstaute das Ei und begann Richtung Norden, beziehungsweise wo er den Norden vermutete, zu ziehen.
Langsam kam die Sonne hervor und es wurde heiß. Erwin, der nichts zum Trinken hatte, war bereits nach einer Stunde in der Hitze der Hals ausgedörrt. Nur dank seines Sonnenhaares, welches das Licht von der Sonne einfing, bekam er noch genug Kraft für seine Schritte. Doch auch so würde er nicht mehr lange aushalten. ‚Ich … darf … nicht … aufgeben! Es … muss … doch … bald … eine … Oase … kommen‘, dachte er. Er sollte tatsächlich Recht behalten. Denn bald sah er am Horizont eine Palme. Wo Palmen sind, sind auch Oasen. Das hatte Leanus gesagt, als er über die Wüste sprach. Obwohl jetzt Hoffnung in Erwin aufkeimte, verließen ihn die Kräfte. Er versuchte noch einmal, seine Reserven zu nutzen, doch er hatte keine mehr. Er wurde ohnmächtig. Als er auf dem Boden aufschlug, wurde es schwarz vor seinen Augen. Er hörte nicht mehr das Knacken, das vom Ei kam.
Das erste, was Erwin spürte, als er wieder zu Bewusstsein kam, war Wasser im Gesicht. Er stemmte seinen Oberkörper hoch und stellte fest, dass er bei der Oase war. Bevor er sich fragen konnte, wie er hierher kam, hörte er ein Geräusch wie ein Gluckern. Sein Blick fiel auf den Teich der Oase. Da saß ein seltsames Wesen. Es sah von hinten aus wie ein hellgelber Tintenfisch, der auf vier seiner Tentakel lief. Insgesamt hatte es zehn davon. Es war etwas größer als Erwins Kopf. „Wer bist du denn?“ Erwin sah den Tintenfisch ungläubig an. Dieser glotze mit seinen untertassengroßen Augen zurück. „ … Und wie kam ich überhaupt hierher?“ Er sah sich um und entdeckte dann eine Schleifspur. Auf seinen Schultern waren kreisförmige Abdrücke, die von den Tentakeln des Kopffüßlers stammen könnten. Er sah den Tintenfisch erstaunt wieder an. „Du bist aber stark.“ Als hätte dieser Satz den Tintenfisch ermutigt, schmiegte er sich plötzlich sanft an Erwins Beine. „Und zutraulich auch“, sagte Erwin belustigt. Er stemmte sich hoch und überlegte einen Moment. „Eine Oase haben wir. Doch womit können wir Wasser transportieren?“
5. Kapitel – Der Elf und der Ork
Irgendwo im Osten des Sumpfes des Westens
Morgen des dritten Tages nach dem Fall von Erlin
Luke, ein typischer kleiner Elf in roter Stoffkleidung mit einen Umhang, war schon oft in brenzligen Situationen gewesen, hatte sie bis jetzt aber immer meistern können. Nun aber sah er sich hoffnungslos verloren. Dabei hatte alles gut angefangen: Als er über die östliche Grenze des riesigen Sumpfes getreten war, traf er auf einen Ork. Dieser beherrschte die Kontinentalsprache und für eine Menge Gold hatte er sich bereiterklärt, ihn einmal quer durch den Sumpf und zurück zu führen. Dank seiner Führung traf Luke vier Orkstämme und konnte so viel über die Lebensweise und Bräuche der Orks lernen. Wenn er wieder zuhause war, wollte er als erster Gelehrter ein Buch über die Orks schreiben, dass nicht auf Gerüchten, sondern auf Tatsachen beruhen würde. Doch dann hatten er und sein Begleiter Pech gehabt.
Sie stießen auf einen seltenen Sumpfschmetterling. Anfangs hatte Luke keine Angst vor diesem Wesen, dessen Körper drei Meter lang war und dessen Flügel eine Spannweite von sechs Metern hatten. Er freute sich sogar, ein so seltenes Tier zu sehen. Doch nur bis zu dem Augenblick, in dem das Insekt seinen Begleiter auffraß und ihn einfing, bevor er wegrennen konnte. Jetzt hing er in Seide eingewickelt in der Höhle des Schmetterlings und wartete darauf, dass der Schmetterling bald Hunger kriegen würde und ihn hoffentlich schnell und schmerzlos auffressen würde.
Das dauerte. Erst nach drei Tagen zeigte der Schmetterling wieder Interesse. Doch statt ihn aufzufressen, klammerte er Luke zwischen seinen Beinen fest und flog los. Der Flug dauerte lange, sodass Luke einschlief. Er wachte erst wieder auf, als der Schmetterling sein Ziel erreichte und ihn unsanft zu Boden fallen ließ. Luke lag auf dem Bauch und sah von seiner Position aus, wie der Sumpfschmetterling ein paar Schritte zurücktrat. Dann hörte er laute Schritte, die denen des Sumpfschmetterlings ähnelten, nur heftiger. Daraufhin wurde er wieder in die Luft gehoben und umgedreht, sodass er etwas sah, was ihn einen Riesenschreck einjagte, aber auch eine Erkenntnis brachte. Das Wesen, das ihn hob, war ebenfalls ein Sumpfschmetterling, der aber doppelt so groß war wie der erste. Luke erkannte jetzt den Zweck dieser Zeremonie. Der erste Schmetterling war ein Männchen, das sich unbedingt paaren wollte. Deshalb fing er Luke ein, um ihn jetzt als Geschenk an das deutlich größere Weibchen zu überreichen. Diese Entdeckung faszinierte Luke, denn so ein Verhalten war bis jetzt nur bei Spinnen beobachtet worden, und da auch nur bei Arten, die nicht größer wurden als eine Elfenhand. Luke wusste, das wäre eine Sensation für die Elfengelehrten gewesen. Leider wird er es nicht weitererzählen können. Doch er spürte keine Angst, sondern nur kalte Faszination und so guckte er trotzig ins aufgerissene Maul, welches sich ihn näherte … ihn aber nicht verschlang. Stattdessen hörte er einen so schrillen Schrei, dass er sich wünschte, er wäre in der Lage gewesen, sich die Ohren zuzuhalten. Dann schwappte kaltes Insektenblut in sein Gesicht, er wurde losgelassen und fiel abermals hart auf den Boden. Das war zu viel für Luke. Er verlor das Bewusstsein.
Als Luke langsam wieder zu sich kam, schmeckte er Wasser. Jemand goss ihn Wasser in seinen ausgetrockneten Mund. Er schlug die Augen auf und blickte in ein grünes Orkgesicht mit kurzem schwarzem Haar. „Alles in Ordnung?“ Luke antwortete erst nach einer Weile: „Ja, danke für die Nachfrage.“ Der Ork half ihn hoch. Luke nahm jetzt seinen Retter in Augenschein. Das Auffälligste an ihm war seine Größe. Während normale Orks schon eine Größe von zwei Metern erreichten, war dieser mit zweieinhalb Meter selbst für einen Ork groß. Luke, der mit einem Meter zwanzig als klein galt, musste sich den Hals ausrecken, um dem Ork ins Gesicht blicken zu können. Zudem war dieser noch auffallend hager und sah alles andere als kräftig aus. Allerdings wäre er als nicht ganz so starker Ork immer noch so stark wie ein Stier. Und sein Gesicht, aber vor allem seine blaue Augen, zeugte von Intelligenz. Er trug eine dunkelsilberne Rüstung und seinen Kopf zierte ein Ritterhelm mit aufklappbarem Visier. Eine Elfenrüstung, erkannte Luke erstaunt. „Wie hast du die Schmetterlinge besiegt?“
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