„Wer – sie?“
„Die Selbstmörderin.“ Pokornys Hand fuhr mit routinierter Geste durch die Haare und brachte die akkurat gezogenen Strähnen in eine wie mit dem Kurvenlineal gezogene Form. Dabei sah er Orsini an, als müsste dieser seine Gedanken lesen können. Da Orsini aber nur verständnislos den Kopf schüttelte, murmelte er schließlich: „Sie haben nichts davon gehört ... Wieso auch?“, und deutete auf eine Bank. „Setzen Sie sich!“
Mit einem Stoßseufzer ließ er sich neben Orsini nieder. Dann runzelte er die Stirn. „Was ist das?“
„Was denn?“
„Spüren Sie nichts?“
„Doch“, entgegnete Orsini, der nun auch ein deutliches Zittern bemerkte, das sich von der Parkbank auf den Körper übertrug. „Kann eigentlich nur von den Bohrungsarbeiten kommen.“
„Bohrungsarbeiten?“
„Der Entlastungskanal“, erklärte Orsini und zeigte auf eine der vielen provisorischen Absperrungen aus groben Holzplatten, die größtenteils bereits mit Plakaten zugeklebt waren. Neben einem der zerbeulten Container parkte ein nagelneuer Bagger. Gleichzeitig fragte Orsini sich, wann Pokorny endlich dieses Katz- und Mausspiel bleiben lassen würde. Nicht dass er von Grund auf ungeduldig gewesen wäre, auch saß er ganz gerne auf einer Parkbank, aber ... Er fing mit den Fingern auf dem Holz zu trommeln an.
„Natürlich – lassen wir uns also eine Weile den Allerwertesten massieren“, erwiderte Pokorny und holte tief Luft. „Was ich Ihnen jetzt sagen werde, bleibt vorläufig unter uns!“
Orsini hob die Augenbrauen.
„Ist nichts Verbotenes. Nur eine taktische Vorgehensweise, mit der einstweilen niemand anderer ... belastet werden soll.“
„Die Selbstmörderin?“
Pokorny nickte, nahm die graue Mappe zur Hand und öffnete sie. „Margarete Bauer, geboren 1980“, begann er vorzulesen, „gestorben in der Nacht zum 22. April, also vor ungefähr drei Wochen. Hat sich mit einer Glasscherbe in selbstmörderischer Absicht am linken Unterarm entlang der Pulsader Schnitte zugefügt und ist daraufhin verblutet ..., schon als Jugendliche ins Drogenmilieu abgerutscht, zahlreiche abgebrochene Entzugsversuche ..., vermutlich auch als Gelegenheitsprostituierte tätig. Soweit kein Einzelfall.“
„Rechtshänderin“, murmelte Orsini und begutachtete das Foto, das ihm Pokorny gereicht hatte. Die Frau war mehr Knochen als Fleisch. Ihre Arme waren von älteren Narben und Blutergüssen zerfurcht, die unzähligen Nadeleinstiche hatten sich teilweise entzündet und Eiterbeulen gebildet. Ihr Hals war unglaublich dünn. Zusätzlich ließ der Ausschnitt des ausgewaschenen T-Shirts ihn unnatürlich lang erscheinen. Die Brüste waren flach wie bei einer greisen Frau und wahrscheinlich bereits ebenso runzelig wie die Haut an ihren Händen.
„Sie hat gewusst, was sie tut“, stellte Orsini fest und starrte auf die tief klaffenden Wunden. Die Schnitte reichten bis auf den Knochen und hatten Sehnen, Blutgefäße und Muskeln durchtrennt. Es gab erstaunlich wenige Selbstmörder, die auf Anhieb fest genug schnitten, um zu sterben, dachte Orsini.
„Theoretisch ja“, entgegnete Pokorny. „Allerdings, wenn man das Foto genauer ansieht ...“
Orsini folgte mit den Augen der Spur des geronnenen Blutes am Arm der Toten. Dann nickte er. „Wer hat es als Suizid eingestuft?“
„Der herbeigerufene Notarzt, Dr. ...“
„Ich meine, von uns?“
„Gottschlich.“
Orsini schwieg. Bisher war er mit dem Leiter der Tatortgruppe 2, die für die Spurensicherung zuständig war, einigermaßen ausgekommen. Aber er kannte Gottschlichs Ruf. Ermittlungstechnisch hatte man ihm zwar noch nie Schlamperei nachweisen können, aber die Spatzen pfiffen seine Bequemlichkeit längst schon vom Dach. Dafür hatte er Kontakte im ganzen Polizeiapparat und lauerte wie ein Krake, der seine Fangarme überallhin ausgestreckt hatte, in seiner sicheren Höhle namens Gewerkschaft.
„Die Details können Sie selber nachlesen“, unterbrach Pokorny seine Gedanken.
„Warum genau sollte ich das?“, fragte Orsini. Nur um einem Kollegen einen eventuellen Ermittlungsfehler nachzuweisen? Er hatte momentan genug anderes am Hals. In den letzten Monaten waren mehrere seiner Mitarbeiter freigesetzt worden, wie es neuerdings hieß, und für die verbliebenen gab es Überstunden zur Genüge.
„Vor nicht ganz zehn Jahren, September 1995“, fuhr Pokorny fort, ohne auf Orsinis Frage einzugehen, „ich war damals Bezirksinspektor. Eines Nachts stürzte ein junger Mann aufgebracht ins Kommissariat. Er kam direkt aus dem Stadtpark und redete völlig unzusammenhängendes Zeug. Ich erinnere mich noch genau, dass ihm der Schweiß aus allen Poren rann wie nach einem Saunaaufguss, obwohl es draußen schon herbstlich kühl war. Er gab an, bedroht worden zu sein.“
„Mit einer Glasscherbe?“
Pokorny nickte.
„Wir sind sofort mit ihm dorthin. Haben den ganzen Park abgesucht, aber natürlich niemanden gefunden.“
Orsini zuckte mit den Achseln.
„Allerdings hat es in derselben Nacht einen zweiten, ähnlichen Vorfall gegeben. Hier am Karlsplatz. Dort drüben, um genauer zu sein.“ Pokorny deutete zum Restaurant Resselpark hinüber. „Leider hab ich das erst Tage danach erfahren. Hab zufällig den Kollegen getroffen, der die Anzeige der Frau aufgenommen hat.“
„Eine Frau ...“
„Ja, sie hat mehr oder weniger dasselbe angegeben wie der junge Mann. Dass der Typ plötzlich vor ihr stand und sie dann mit einer Glasscherbe attackierte.“
„Das war alles?“
„Nein, erstens konnte sie ihn beschreiben.“
„Und zwar?“
„Mittelgroß, mittellange blonde Haare, Jeans und Pullover.“
Sehr hilfreich, dachte Orsini. „Und zweitens?“
„Sein stierer Blick, als träten die Augen aus den Höhlen hervor, aber vor allem seine Stimme. Sie hat ausgesagt, dass sie die Stimme wiedererkennen würde. Er hat etwas geflüstert, immer wieder, mit einem ganz eigenen, gepressten Klang. Jedenfalls war es kein normal Betrunkener. Eher ein Besessener.“
„Und der Mann ist niemand anderem aufgefallen?“
Pokorny zog die Mundwinkel nach unten. „Nein. Ich war ja damals noch nicht so lang dabei. Schlägereien, häusliche Gewalt – das gab es ständig. Aber einen Wahnsinnigen mitten in unserem Revier? Wir hatten durchaus Angst, dass sich die Sache ausweiten könnte. Deshalb haben wir es auch über die Medien versucht. Was soll ich sagen, es ist nichts Derartiges mehr passiert, und so ist die Sache irgendwann eingeschlafen.“
„Aber jetzt“, Orsini hielt das Foto hoch, „haben Sie sich daran erinnert.“
Pokorny sah beinahe gequält auf. „Es lässt mir keine Ruhe“, meinte er leise und zuckte plötzlich zusammen, als knapp neben ihnen ein Entenpärchen mit lautem Geschnatter vorbeizog. Ein Jogger in knallroter Bekleidung mit einem noch knalligeren orangen Stirnband hatte sie aufgeschreckt. „Zwei Kunstflieger“, bemerkte er und folgte dem Minigeschwader mit den Augen, bis es in elegantem Bogen über Künstlerhaus und Musikverein weitergesegelt war. „Könnte ja auch ein schöner, harmloser Sommer werden – wär zumindest eine nette Abwechslung.“
Orsini schloss für einen Moment die Augen und spürte die wärmenden Sonnenstrahlen im Gesicht. „Sie sehen einen Zusammenhang, obwohl die Attacken fast zehn Jahre zurückliegen ...“
„Ich wär sehr froh, wenn es keinen Zusammenhang gäbe. Ist ja auch unwahrscheinlich, zu viele Widersprüche.“ Pokorny nahm das Foto der toten Drogensüchtigen in die Hand und deutete damit zum Gebüsch, in dem sie gefunden worden war. „Aber der Kollege Gottschlich hat uns auch nicht grad geholfen, die aus der Welt zu schaffen!“
Tief unter ihnen fraß der Bohrkopf sich gerade mit einem Ruck weiter auf seinem Weg durchs Erdreich, als hätte er sich an einem besonderen Brocken beinahe verschluckt. In Pokornys Hosentasche begann es ebenfalls zu vibrieren. Seufzend griff er nach seinem Handy, warf aber nur einen kurzen Blick darauf und drückte auf Besetzt.
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