Dass sein Vorgesetzter ihn sprechen wollte, war an sich nichts Besonderes. Dass es vor dem Gebäude sein sollte, schon. Denn Pokorny bewegte sich nur selten von seinem Schreibtisch weg. Meist rief er die Leute zu sich und besprach alles Wichtige bei Tee und Zigaretten in seinem Büro. So hatte er seinen Ruf als kettenrauchender Schwarzteetrinker mit Reibeisenstimme über die Jahre kultiviert und dabei mehr als klargestellt, dass ihm nie etwas entging.
Orsini trat vor das Polizeigebäude. Auf einer Parkbank, nur wenige Schritte vom Eingang entfernt, saß der Pok. Eine graue Mappe lag neben ihm, er hatte Orsini den Rücken zugewandt und schien dem endlosen Strom an Fahrzeugen etwas abgewinnen zu wollen.
„Endlich ...“, sagte er mit schnarrender Stimme und stand auf, ohne sich umzudrehen.
Orsini blieb hinter der Bank stehen. Ärger kroch in ihm hoch. Schneller war der Weg vom Büro hierher keinesfalls zu schaffen.
Gerade als er zu einer Erwiderung ansetzen wollte, fuhr Pokorny fort: „... endlich wieder ein paar Sonnenstrahlen!“, drehte sich um und sah Orsini an. Sein dichtes, angegrautes Haar war in sorgfältigen Strähnen nach hinten gelegt und hielt üblicherweise den ganzen Tag die Stellung. Auffallend an ihm war sein vom Nikotin gelb gefärbter Schnauzbart, der jeden Seehund vor Neid hätte erblassen lassen. „Ist unglaublich, wie schnell das geht.“
„Wie was geht?“
„Na, der Wechsel der Jahreszeiten. In meiner Jugend hat’s noch so was wie einen Übergang gegeben. Aber jetzt? In der Früh eiskalt und zu Mittag so, dass man ins Schwitzen kommt. Das ist doch nicht mehr normal!“
„Hm ...“, murmelte Orsini mit Blick auf seine cognacbraune Jacke, die er nun wohl oder übel mitschleppen musste. Pokornys thematischer Abstecher zum Wetter war ebenso ungewöhnlich wie das außerbüroliche Treffen insgesamt.
„Kommen Sie, machen wir einen Spaziergang!“ Pokorny schnappte Mappe und Mantel und marschierte los, ohne auf Orsini zu warten.
Störrisch blickte Orsini ihm nach. Einerseits fiel ihm untertäniges Verhalten seit jeher schwer, und er wusste, dass Pokorny gerade das an ihm gefiel. Andererseits hatte der Pok mehr als einmal seine Hand schützend über ihn gehalten, auch wenn er es nie zugeben würde. Also setzte er sich in Bewegung.
Eine Weile trottete er neben seinem schweigenden Vorgesetzten her. Beim Schottentor überquerten sie die Ringstraße, Wiens monumentalen Boulevard. Seine Errichtung hatte damals, im 19. Jahrhundert, quasi den Weizen von der Spreu getrennt und gleich einzementiert: Innerhalb des Rings residierte man in Palais, direkt außerhalb kam das Großbürgertum zum Zug, am Stadtrand durfte die Unterschicht hausen. Immerhin hatte man sich die heute selbstverständlichen Symbole der Demokratie – das Parlament und das Rathaus – erkämpft, dachte Orsini und sah zum Universitätsgebäude hinüber.
Dort hatten zwei junge Männer ein Transparent aufgespannt – Bildungs-Kapital statt Banken-Terror stand da. Die beiden konnten ungleicher nicht sein. Der eine ein Alternativer wie aus dem Bilderbuch – lange Haare, Stirnband und Schlabberhose –, der andere im dunklen Anzug mit Krawatte. Orsini grinste und dachte an seine Jahre im Juridicum, bevor er das Studium abgebrochen hatte. Schon damals waren die Mittel knapp gewesen, aber immerhin hatte man für einen Sitzplatz nicht stundenlang vor dem Hörsaal Schlange stehen müssen. Und es hatte angenehme Begleiterscheinungen wie Partys und Konzerte gegeben, lange Nächte inkludiert.
„Hören Sie überhaupt zu?“, fragte Pokorny plötzlich.
„Wie bitte? ... Natürlich ...“, antwortete Orsini, „... ob ich schon mal was über die Türkenbelagerung gelesen habe ... Ich weiß nur nicht, welche von beiden Sie meinen.“
Pokorny blieb abrupt stehen, blickte ihn listig an und deutete mit der Mappe in der Hand auf die Mölkerbastei, einen der wenigen erhaltenen Abschnitte der ehemaligen Stadtmauern. Orsini meinte sich zu erinnern, dass darin einer der vielen Komponisten, auf die die Stadt so stolz war, eine Zeit lang gelebt hatte. Schubert, Mozart ...? Aber was hatte das mit den Türken zu tun?
„Dann wissen Sie sicherlich, dass die Türken genau hier, wo wir jetzt stehen, alles unterminiert haben.“
Orsini nickte überrascht. Dass sein Chef sich für Historisches interessierte, war ihm neu.
„Sie haben alles drangesetzt, um in die Stadt zu kommen und sich den Goldenen Apfel zu pflücken.“
„Goldenen Apfel?“
„So haben sie Wien genannt. Die türkischen Mineure waren die Besten ihrer Zeit. Hier, zwischen Löwelbastei und Burgbastei, haben sie sich eingegraben – gegraben haben natürlich die Sklaven und Gefangenen. Die sind krepiert wie die Ratten. Der ständige Beschuss von den Mauern, die Ausfälle der Wiener Stadtwache, so gut wie kein Essen.“ Pokorny wies mit einer schnellen Kopfbewegung zur Balustrade hoch. „Es waren aber beide Seiten nicht grad zimperlich: Dort oben haben die Bürger die abgeschlagenen Türkenköpfe auf Spießen zur Schau gestellt.“ Während er mit der Hand herumwedelte und zu einer großräumigen Erläuterung ansetzte, schoss ein Fahrradbote mit penetrantem Geklingel auf sie zu. Orsini wich mit einer eleganten Bewegung aus und zog dabei Pokorny mit sich.
„Ziemlich viel los.“
Pokorny nickte abwesend. „Wo war ich gerade?“
„Die abgeschlagenen Türkenköpfe ...“
„... aufgespießt, genau. Wissen Sie, was das Schlimmste bei einer solchen Belagerung war?“
„Die Folterungen?“
„Das auch. Hautabziehen war eine der türkischen Spezialitäten. Das Ärgste aber müssen die hygienischen Bedingungen gewesen sein – abgesehen vom ständigen Hunger. Das übertrifft unser heutiges Vorstellungsvermögen! Die Verletzten sind oft regelrecht verfault“, erwiderte Pokorny trocken, drehte sich um und schritt erneut zügig voran. Ende des Vortrags.
Irritiert folgte ihm Orsini. Er kam sich vor wie ein Blinder an der Leine eines herrischen Hundes. Erst vor der Staatsoper zwang sie eine Gruppe Touristen zu einem weiteren Halt. Orsini schnappte einige Brocken Spanisch auf und beobachtete belustigt eine resolute ältere Dame. Sie hatte einen rosaroten Regenschirm in der Hand und streckte ihn plötzlich energisch in die Höhe. Augenblicklich setzte sich der folgsame Tross in Bewegung. Während Pokorny und Orsini hinter dem Schwarm zum zweiten Mal die Ringstraße querten, musterte Orsini die Gruppe genauer. Weshalb verhielten sich Menschen dermaßen uniform, sobald sie zu mehreren auftraten? Selber fühlte er sich immun gegenüber solchen Erscheinungen, war er doch jahrelang allein in der Welt herumvagabundiert. Erneut mahnte der ungeduldige rosarote Schirm seine Schäfchen zur Eile, bog schließlich mit seinem iberischen Schwarm rechts ab und hinterließ eine rosarot hüpfende Spur in Orsinis Gedächtnis.
„Jetzt schieben sie zur Abwechslung wieder einmal einem Landschaftsarchitekten das Geld sonst wohin, damit er diesen unmöglichen Platz erträglich macht!“, murrte Pokorny indessen.
Das Gelände zwischen Secession und Karlskirche war ein ewiges Provisorium, egal was die Stadt auch anstellte. Es war der zentrale Verkehrsknotenpunkt. Oben donnerten die Autos auf jeweils drei Spuren über den Asphalt, unten trafen sich drei verschiedene U-Bahn-Linien. Da konnten Karlskirche und Technische Uni im Hintergrund strahlen, soviel sie wollten. Zudem hatte sich die Drogenszene hier festgesetzt.
Sie querten schweigend vor dem Café Museum zuerst die Straße und dann ein kleines Stück Grünfläche, das von einem intensiv duftenden Lavendelbeet begrenzt wurde. Pokorny marschierte flott voran und hielt erst unweit der Karlskirche an. „Hier ...“, er schob ein paar Zweige eines buschigen Strauches zur Seite und deutete mit dem Zeigefinger auf eine kahle erdige Stelle, „hat sie gelegen.“
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