
ÜBUNG
Meine Bedenken gegenüber Selbstmitgefühl
Schreib die Bedenken auf, die du persönlich gegenüber Selbstmitgefühl hegst – die Ängste oder Befürchtungen, die du in Hinblick auf seine möglichen Nachteile hast.
Manchmal ist unsere Haltung auch durch das geprägt, was andere Menschen in unserem Umfeld tatsächlich oder unserer Meinung nach über Selbstmitgefühl denken. Schreib die Zweifel oder Einwände auf, die andere oder »die Gesellschaft« zum Thema »Selbstmitgefühl« ins Feld führen (könnten).
REFLEXION
Wenn du einige der Bedenken identifiziert hast, die du gegenüber dem Selbstmitgefühl hegst, dann ist das schon mal gut. Diese Bedenken stellen Hindernisse dar, die dich in deiner Fähigkeit hindern, selbstmitfühlend zu sein. Und sich dessen gewahr zu werden ist der erste Schritt, diese Hindernisse abzubauen. Glücklicherweise gibt es immer mehr Forschungsergebnisse, die belegen, dass die häufigsten Bedenken gegenüber Selbstmitgefühl auf einem falschen Verständnis beruhen. Mit anderen Worten, diese Missverständnisse sind im Allgemeinen unbegründet.
Im Folgenden sind einige der Befürchtungen genannt, die wieder und wieder in unseren Kursen geäußert werden. Im Anschluss daran folgt immer eine kurze Erläuterung der vorliegenden Erkenntnisse, die Gegenteiliges belegen.
Bedenken gegenüber Selbstmitgefühl beruhen häufig auf einem Missverständnis.
»Heißt Selbstmitgefühl nicht einfach, dass ich in Selbstmitleid zerfließe – nach dem Motto ›Ich Ärmste(r)!‹?«
Viele Menschen befürchten, dass Selbstmitgefühl nichts anderes als eine Art des Selbstmitleids ist. Tatsächlich ist es jedoch sogar das Gegenmittel dazu. Während das Selbstmitleid »Ich arme Socke!« schreit, erkennt das Selbstmitgefühl an, dass das Leben für alle schwer ist. Forschungsergebnisse zeigen, dass Menschen mit Selbstmitgefühl eher zu einer Perspektivübernahme neigen, 23als den Fokus allein auf ihren eigenen Stress auszurichten. Sie neigen auch weniger dazu, darüber zu grübeln, wie schlimm das alles ist. 24Dies ist auch einer der Gründe, aus dem Menschen mit Selbstmitgefühl über eine bessere seelische Gesundheit verfügen. Selbstmitgefühl erinnert uns daran, dass jeder leidet (die Erfahrung der gemeinsamen Menschlichkeit). Das Ausmaß des Leidens wird dabei nicht übertrieben (Achtsamkeit), und wir nehmen nicht die Haltung »Mir geht es aber am schlechtesten« … ein.
»Selbstmitgefühl ist etwas für Schwächlinge. Ich muss hart und stark sein, um mein Leben zu bewältigen.«
Ein weiterer wichtiger Einwand lautet, dass Selbstmitgefühl uns schwach und verletzlich werden lässt. In Wirklichkeit ist es jedoch eine verlässliche Quelle innerer Stärke, die uns Mut macht und unsere Resilienz fördert, wenn wir in Schwierigkeiten geraten. Forschungsergebnisse zeigen, dass Menschen mit Selbstmitgefühl eher in der Lage sind, mit schwierigen Situationen zurande zu kommen, zum Beispiel mit einer Scheidung, 25einem Trauma 26oder chronischen Schmerzen 27.
»Ich sollte mehr an andere denken, nicht nur an mich. Selbstmitgefühl zu haben ist viel zu egoistisch.«
Manche sorgen sich, dass sie egoistisch wirken könnten, wenn sie Mitgefühl für sich selbst entwickelten. Doch ganz im Gegenteil versetzt uns Mitgefühl mit uns selbst sogar in die Lage, anderen in unseren Beziehungen noch mehr geben zu können. Die Forschung zeigt, dass Menschen mit Selbstmitgefühl in der Partnerschaft fürsorglicher und unterstützender 28sowie in Beziehungskonflikten eher zu Kompromissen 29bereit sind, mehr Mitgefühl für andere haben und nachsichtiger reagieren. 30
»Durch Selbstmitgefühl werde ich träge. Wahrscheinlich werde ich dann, wann immer mir der Sinn danach steht, die Arbeit liegenlassen und den ganzen Tag im Bett bleiben und Schokolade naschen.«
Auch wenn viele Menschen die Sorge haben, dass Selbstmitgefühl bedeutet, sich gehenzulassen, führt es im eigentlichen Sinne zum genauen Gegenteil. Mitgefühl wird bei uns ein dauerhaft gesundes Verhalten und Wohlergehen fördern und nicht nur ein rein kurzfristiges Vergnügen bereiten (ähnlich wie eine mitfühlende Mutter darauf bedacht ist, ihr Kind nicht so viel Eis essen zu lassen, wie es möchte, sondern es liebevoll dazu auffordert, sich eher gesünderen Leckereien zuzuwenden). Forschungsergebnisse zeigen, dass Menschen mit Selbstmitgefühl zu gesünderem Verhalten neigen, weil sie Sport treiben, 31sich gesund ernähren, 32weniger Alkohol trinken 33und regelmäßiger den Arzt aufsuchen als der Durchschnitt. 34
»Wenn ich Mitgefühl mit mir selbst habe, lasse ich mir alles durchgehen. Ich muss streng zu mir sein, wenn ich etwas vermassle, um sicherzugehen, dass ich niemanden verletze.«
Eine weitere Sorge besteht darin, dass Selbstmitgefühl eine Art Ausrede oder Entschuldigung für schlechtes Benehmen ist. Vielmehr gibt uns Selbstmitgefühl jedoch die nötige Sicherheit, eigene Fehler zuzugeben, statt andere für diese zu beschuldigen. Die Forschung zeigt, dass Menschen mit Selbstmitgefühl eher bereit sind, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen 35und eher dazu neigen, sich zu entschuldigen, wenn sie jemanden verletzt haben. 36
»Ich werde nie dahin kommen, wo ich im Leben hinwill, wenn ich auch nur einen Moment von meiner konsequenten Selbstkritik Abstand nehme. Sie treibt mich an und lässt mich erfolgreich sein. Selbstmitgefühl mag ja für einige das Richtige sein, aber meine Messlatte hängt hoch, und ich habe hohe Ziele, die ich in meinem Leben verwirklichen will.«
Ein äußerst weit verbreitetes Missverständnis ist, dass Selbstmitgefühl die eigene Motivation untergraben könnte. Die meisten Menschen halten Selbstkritik für einen erfolgreichen Motivator, aber in Wirklichkeit unterwandert sie das Selbstvertrauen und führt zu Versagensängsten. Haben wir Selbstmitgefühl, sind wir nach wie vor motiviert, unsere Ziele zu erreichen – nicht, weil wir so, wie wir sind, unzulänglich wären, sondern weil wir uns selbst wichtig sind und unser volles Potenzial verwirklichen wollen. Die Forschung zeigt, dass Menschen mit Selbstmitgefühl hohe persönliche Standards haben, sich aber nicht so sehr darüber ärgern, wenn sie sie verfehlen sollten. 37Sie haben weniger Versagensängste 38und sind eher bereit, nach einem Scheitern einen erneuten Versuch zu wagen und ihre Bemühungen aufrechtzuerhalten. 39
Spieglein, Spieglein an der Wand
Sehr häufig hören wir Bemerkungen wie die folgende, wenn wir mit den Leuten über das Thema »Selbstmitgefühl« sprechen.
»Selbstmitgefühl, das ist doch, als ob man es toll findet, in den Spiegel zu schauen und zu sagen: ›Ich bin gut, ich bin klug, und, verdammt nochmal, ich bin bei allen beliebt!‹ Oder etwa nicht?«
Um Selbstmitgefühl wirklich zu verstehen, ist es wichtig, es von einem nahen Verwandten zu unterscheiden: dem Selbst wert gefühl. In der westlichen Kultur bedeutet ein hoher Selbstwert, dass wir uns von anderen abheben, etwas Besonderes sind und Überdurchschnittliches leisten. Problematisch ist natürlich, dass nicht alle zugleich überdurchschnittlich sein können. Vielleicht gibt es einige Bereiche, in denen wir hervorragend sind; es wird aber immer jemanden geben, der attraktiver, erfolgreicher, intelligenter ist als wir. Wir könnten uns also immer wie Versager fühlen, wenn wir uns mit denen vergleichen, die »besser« sind als wir.
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