Wolfgang Breuer - Windbruch

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18. Januar 2018. Orkan «Friederike» rast über Deutschland, deckt Häuser ab, zerstört Stromleitungen und bringt Unmengen an Bäumen zu Fall. Die «Tagesschau» spricht am Tag darauf vom stärksten Sturm nach Kyrill. Acht Menschen fielen der Naturkatastrophe zum Opfer. Gesamtschaden: rund eine halbe Milliarde Euro.
Auch in Wittgenstein schlägt «Friederike» gnadenlos zu. Wie schon so oft müssen Waldbesitzer machtlos zusehen, wie ihr Eigentum von den himmlischen Urgewalten zerfetzt, verstümmelt und nahezu wertlos gemacht wird. Und mancher Hausbesitzer bangt um sein Eigentum.
Auch Ronja Körner. Aber ihr sind im neuen Eigenheim bei dem Sturm nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes die 'Fetzen um die Ohren geflogen'. Sie ängstigt sich vor allem auch um ihren Mann Leon, der auf einer Dienstreise spurlos verschwunden ist.
Doch da macht ein Forstunternehmer eine grausige Entdeckung.

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„Das ist nur Deine Phantasie, Liebes.“ Rebekka hatte sich auf die Bettkante gesetzt und Ronja sanft ins Kissen zurückgedrückt. „Versuch´, ein bisschen zu schlafen. Mit einer Gehirnerschütterung ist nicht zu spaßen, das weißt Du. Und schon gar nicht in Deinem Zustand. Glückwunsch übrigens“, fügte sie lächelnd an.

„Ich danke Dir, das ist ganz arg lieb von Dir.“ Auch Ronja versuchte zu lächeln. „Trotzdem: Leon ist in großer Gefahr. Das spüre ich überdeutlich. Da stimmt irgendetwas nicht. Wo kann er nur sein?“

„Ich weiß es doch nicht. Wie gerne würde ich Dir helfen und ihn ausfindig machen. Damit Du endlich zur Ruhe kommst.“ Rebekka Meister und ihr Mann Sebastian gehörten zum Bekanntenkreis der Körners. Sie mochten sich, funkten sozusagen auf derselben Wellenlänge. Umso mehr schmerzte es die gleichaltrige Frau, Ronja so leiden zu sehen. Der Summer an der Tür schnarrte. „Sorry“, beendete Schwester Rebekka das Gespräch. „Ich muss. Du weißt …“

Irgendwie war es ihr lieb, dass da ein anderer Patient auf der Station ihrer Hilfe bedurfte. Schnell stand sie auf, warf der Bettlägerigen einen Handkuss zu und verschwand aus dem Zimmer, nachdem sie den Summer abgeschaltet hatte. Ronja blieb im Schein der indirekten Beleuchtung zurück. Sie starrte an die Zimmerdecke und hörte wie in einem Nachklang immer und immer wieder den Schrei ihres geliebten Mannes. Irgendwann schlief sie ein.

Nach einem verdammt langen Tag war Mina gegen Mitternacht vor dem Haus der Körners angekommen. Erst am späten Abend hatte sich der Sturm so weit gelegt, dass man viele Straßen wieder gefahrlos benutzen konnte. Manche allerdings waren nach wie vor gesperrt.

Große Mengen provisorisch geschnittener Baumstämme an den Straßenrändern, Astfetzen auf den Fahrbahnen und jede Menge Unrat an den Häuser- und Mauerecken zeugten noch von dem Unwetter, das Wittgenstein heimgesucht hatte. Die Schäden waren beträchtlich.

Vor allem in den Wäldern hatte ‚Friedrike‘ übel gehaust und reiche Nahrung unter den 70, 80 Jahre alten Fichten gefunden, die noch zehn Jahre zuvor den Orkan Kyrill überstanden hatten.

Natürlich war Mina vor ihrem Trip nach Berghausen noch daheim in Diedenshausen gewesen. Die vielen Radiomeldungen von Gebäudeschäden und Zerstörungen hatten ihr keine Ruhe gelassen. Doch daheim war alles heil geblieben. Bis auf einen alten Apfelbaum im Garten, der ohnehin früher oder später hätte gefällt werden müssen.

Trotzdem tat ihr der jähe Tod des knorrigen alten Freundes leid. Schon als Kind war sie darin herumgeklettert. Und der gekelterte Saft seiner Früchte war für sie, so lange sie denken konnte, etwas Besonderes gewesen.

Etwas traurig packte sie ein paar Sachen ein, die sie für die Übernachtung brauchte und machte sich dann auf den Weg zum Haus der Freundin. Versprochen war schließlich versprochen.

Das Garagentor der Körners zierte eine dicke Kunststofffolie. Das Loch war wetterfest verschlossen. ‚Haben offenbar die Nachbarn noch draufgeklebt‘, dachte sich Ronjas Freundin. ‚Das sind echt patente Leute. Was die allein in der Zeit geschuftet haben, während ich da war, das geht auf keine Kuhhaut.’

Als sie jetzt das Haus betrat und Licht machte, war sie begeistert. Es roch nicht nur frisch geputzt und sauber. Im Wohnbereich sah es auch wieder ganz manierlich aus. Die Helferschar hatte tatsächlich alles, was nicht durch den Sturm zerstört worden war, wiederhergerichtet und vieles, soweit möglich, sogar wieder zusammengebaut. Die Tür zum Balkon war repariert, vereinzelte Bilder wieder aufgehängt und auf dem Esstisch stand sogar der Strauß Blumen, den sie am Mittag noch aus der Garage gerettet hatte. Ronja musste ihn dort am Abend zuvor vergessen haben. Womöglich auf ihrem Autodach. Der Sturm hatte ihn wohl in die Garagenecke gefegt.

Schnell schaute sie nach dem Anrufbeantworter. Doch der hatte, bis auf mehrere Nachfragen von ‚Rommert und Sohn’, nichts zu bieten. „Armer Schatz“, flüsterte Mina vor sich hin, „keine Meldung von Deinem Mann. Wie soll ich Dir das nur beibringen?“

Nachdenklich machte sie noch einen Kontrollgang durch das Haus und überschlug in Gedanken, was ‚Friedrike’ hier wohl an Schäden angerichtet haben mochte. Hoffentlich sind die beiden gut versichert.’

Nach einem kurzen Besuch des ebenfalls aufgeräumten und durchgewischten Bades legte sie sich schließlich zum Schlafen ins Gästezimmer. ‚Eine groteske Premiere’, dachte sie bei sich. ‚Hier hat seit dem Einzug der Körners noch keiner übernachtet. Dafür hätte es durchaus einen schöneren Anlass geben können.’

Kripo-Chef Klaus Klaiser saß zu dieser Zeit noch immer daheim im Arbeitszimmer und grübelte, wie man diesem anonymen Anrufer auf die Spur kommen könnte. Alle Versuche seiner Leute, diesen Menschen durch Hausbesuche und unverfängliche Gespräche ausfindig zu machen, waren gescheitert.

Die Suche hätte auch nur mit unheimlich viel Glück zum Erfolg führen können. Wer ist schon so dämlich und unterhält sich mit der Polizei, bei der er Stunden zuvor einen dubiosen Alarmruf abgesetzt hat. Er musste ja damit rechnen, dass der aufgezeichnet wird. Aber einen Versuch war die Befragung wert. Schließlich ging es um ein Menschenleben.

Erschwerend kam hinzu, dass längst auch das Verschwinden von Leon Körner angezeigt worden war. Der alte Rommert hatte sich am Abend auf der Wache gemeldet. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, dessen Frau Ronja zu erreichen. Da müsse etwas passiert sein, hatte er leutselig angemerkt. Sein Angestellter sei sonst die Zuverlässigkeit in Person. Aber der habe sich schon seit über einem Tag nicht mehr gemeldet und sei auch nicht erreichbar.

Dass das Verschwinden Körners in unmittelbaren Zusammenhang mit dem dubiosen Anruf gebracht werden könnte, darüber war in der Abendrunde zwar auch geredet worden. Doch der Gedanke wurde zunächst einmal verworfen. Weil der Ingenieur eigentlich längst in Brandenburg hätte sein müssen. Er war schließlich schon tags zuvor rechtzeitig losgefahren, um nicht vom drohenden Unwetter erwischt zu werden. Aber an seinem Ziel angekommen war er nachweislich nicht.

Daher verlegten sich die Kripo wie die Kollegen von der Schutzpolizei zunächst einmal darauf, die Polizeidienststellen auf dem Weg nach Potsdam in die Suche nach ihm und seinem Fahrzeug einzubinden. Wo hatte es eventuell einen Unfall mit Beteiligung Körners gegeben? Oder wo war er unter Umständen aufgegriffen oder aufgefunden worden?

Irgendwann fiel Klaiser der Kuli aus der Hand. Er war eingeschlafen. Den ganzen Tag über hatte er gegen den Orkan gekämpft und unter anderem dafür gesorgt, dass der nagelneue Wintergarten nicht zu Bruch ging.

Dieses filigrane Teil aus viel Glas, das nach den Wünschen seiner Frau Ute zur Krimmelsdell hin an ihr Haus angebaut worden war, hatte ein Schweinegeld gekostet. Aber es zeigte sich als wenig sturmresistent. Die wummernden Böen drohten die Glasflächen einzudrücken.

In einem wahren Himmelfahrtskommando hatte Klaus mit Hilfe dreier Nachbarn mehrere große Spanplatten aus der Garage auf die Terrasse expediert, sie zum Schutz der Scheiben einfach davor gestellt und im Aluminiumprofil festgeschraubt.

„Scheiß der Hund drauf“, hatte er geflucht. „Die Löcher im Profil kann man wieder zumachen.“ Und die Spanplatten, die eigentlich für den Ausbau des Dachbodens in der Garage lagerten, waren ersetzbar, falls sie gänzlich unbrauchbar würden.

Auf jeden Fall hatte das Provisorium gehalten. Nur der Vorrat an Bosch-Pils nicht. Der war am Ende der Aktion und der dringend notwendigen ‚Nachbesprechung’ aufgebraucht.

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