Plötzlich erwachte Oliver.
»Hast du eben etwas bemerkt, mein Liebling, als ich die Bemerkung über Jesus Christus machte?«
»Sie hielt einen Moment im Stricken inne.«
»Du sahst es also auch … Mabel, glaubst du, dass sie rückfällig wird?«
»O, sie wird alt«, warf diese leicht ein. »Natürlich blickt sie da ein wenig zurück.«
»Aber du meinst doch nicht etwa … Es wäre zu schrecklich.«
Sie schüttelte den Kopf.
»Nein, nein, mein Lieber; du bist erregt und müde. Es ist nur eine kleine Gemütsbewegung … Oliver, ich glaube, ich würde so etwas nicht vor ihr sagen.«
»Aber sie hört es doch jetzt überall.«
»Nein, sie hört es nicht. Bedenke nur, sie geht fast nie aus. Außerdem hasst sie es. Und dann muss man nicht vergessen, dass sie katholisch erzogen wurde.«
Oliver nickte und lehnte sich zurück, indem er träumerisch vor sich hinblickte.
»Ist es nicht erstaunlich, wie lange die Suggestion fortwirkt? Sie kann die Idee nicht los werden, selbst nach fünfzig Jahren noch nicht. Nun, habe ein Auge auf sie, ja? … übrigens …« »Ja?«
»Es sind ein paar weitere Nachrichten aus dem Osten eingelaufen. Man sagt, Felsenburgh habe jetzt die ganze Sache in der Hand, überall ist er, und im Auftrag des Reiches — in Tobolsk, Benares, Yakutsk, — überall, auch in Australien war er.«
Mabel richtete sich rasch auf.
»Gibt uns das nicht gute Hoffnung?«
»Meiner Meinung nach, ja. Es ist kein Zweifel, dass die Sufis gewinnen, aber auf wie lange, ist eine andere Frage. Dazu kommt, dass die Truppen immer noch zusammengezogen sind.«
»Und Europa?«
»Europa rüstet sich in möglichster Eile. Wie ich höre, treten wir mit den übrigen Mächten nächste Woche in Paris zusammen. Ich muss auch gehen.«
»Aber dein Arm, Liebster?«
»Mein Arm muss eben gut werden. Aus alle Fälle wird er mit mir gehen müssen.«
»Erzähle mir noch etwas mehr!«
»Ich habe dir schon alles erzählt. Aber das ist ganz sicher, dass dies die Krisis ist. Wenn der Osten überredet werden kann, jetzt seine Hand zurückzuhalten, wird er sie wohl nie mehr erheben. Das würde dann für die ganze Welt freien Handel und dergleichen mehr bedeuten, so vermute ich. Wenn jedoch —«
»Nun?«
»Wenn nicht, dann gibt es eine Katastrophe, wie sie keine Fantasie bisher zu malen imstande war. Die ganze menschliche Rasse wird unter Waffen stehen, und entweder der Osten oder der Westen wird weggefegt werden. Die neuen Benninscheinschen Explosivstoffe garantieren einen solchen Ausgang.«
»Aber ist es denn absolut sicher, dass der Osten sie besitzt?«
»Absolut! Benninschein verkaufte sie gleichzeitig an den Osten und an den Westen. Dann starb er, und das war sein Glück.«
Mabel hatte früher davon sprechen gehört, aber sie hatte sich immer gesträubt, daran zu glauben. Ein Zweikampf zwischen Ost und West war unter den jetzigen Umständen etwas ganz Undenkbares. Seit einem Menschenalter hatte Europa keinen Krieg mehr gesehen, und die Kriege des Ostens im vergangenen Jahrhundert waren noch mit den alten Kampfmitteln ausgefochten worden. Nunmehr aber wäre, wenn das, was man sich erzählte, der Wahrheit entsprach, ein einziges Geschoss hinreichend, um eine ganze Stadt zu vernichten. Was ein Krieg unter den jetzigen Umständen wäre, dazu reichte keine Einbildungskraft hin. Was militärische Sachverständige voraussagten, war überschwänglich und schon in den Hauptpunkten voll von Widerspruch; die ganze Kriegführung war nur mehr Theorie; es gab keine praktische Erfahrung, die als Grundlage hätte dienen können. Es war, als ob Bogenschützen sich über die Wirkung von Kordit stritten. Eines aber war gewiss, — dass nämlich der Osten sich im Besitz aller modernen, technischen Errungenschaften befand, und, was männliche Bevölkerung betraf, fast doppelt so viel aufzuweisen hatte, als die ganze übrige Welt zusammengenommen; die sich daraus ergebende Schlussfolgerung war also keineswegs beruhigend für England.
Aber die Fantasie sträubte sich einfach, darüber zu reden. Die Zeitungen brachten täglich einen kurzen, sorgfältig abgefassten Leitartikel, dem nur die splitterartigen Nachrichten zugrunde lagen, die man aus den Konferenzen der anderen Seite des Erdballes erhascht hatte; Felsenburghs Name erschien dabei häufiger als je zuvor; im Übrigen ließ sich eine Art gezwungenen Stillschweigens wahrnehmen. Besondere Nachteile waren nirgends zu bemerken; der Handel ging seinen gewohnten Gang, die europäischen Börsenberichte zeigten keinerlei außergewöhnliches Sinken; der Mensch baute weiter, heiratete, sorgte für Nachkommenschaft, ging seinen Geschäften nach und besuchte das Theater aus dem einfachen Grunde, weil er eben nichts Besseres finden konnte. Man konnte den Lauf der Dinge weder aufhalten noch beschleunigen; die Grundlage war eine zu mächtige. Ab und zu verfielen Einzelne in Wahnsinn, Leute, die ihre Denkkraft zu einer Höhe erhoben hatte, die sie die Wirklichkeit erkennen ließ; allenthalben machte sich eine Atmosphäre höchster Spannung fühlbar, aber dabei blieb es auch. Man sprach nicht viel über dieses Thema, es schien dies geratener. Schließlich konnte man auch wohl nichts anderes tun, als abwarten.
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