So ist sie schon immer gewesen und deshalb habe ich mich auch in sie verliebt.
Aber in unserer Ehe war ich das Problem und ich konnte ihr nicht mehr länger das Herz brechen und sie darauf warten lassen, dass ich der Mann wurde, den sie brauchte.
Auch du bist ohne mich besser dran, daran glaube ich fest.
Ich will, dass du die Chance bekommst, im Leben erfolgreich zu sein.
Zumindest so viel schulde ich dir.
Dad.
Nicht einmal »Dein Dad«.
Ich schrieb nicht zurück und ich erzählte meiner Mom auch nichts von dem Brief, für den er drei Jahre lang nicht »die Kraft« gehabt hatte. Wie viel Kraft soll es denn kosten, einen gottverdammten Brief zu schreiben? Es waren 122 Wörter, ich habe sie gezählt. Puh, das war sicher ziemlich anstrengend, was, Dad?
Wenigstens war er ehrlich. Er wusste, dass er ein Feigling war und dass meine Mom etwas Besseres verdiente als ihn.
Aber die ganze Wahrheit lautet: Er hat uns einfach nicht geliebt. Wenn man jemanden liebt, dann versucht man nämlich, für ihn ein besserer Mensch zu werden.
Also kann er mir gestohlen bleiben.
Dosierung: 1,5 mg. Erhöhte Dosis scheint positive Resultate zu zeigen. Patient beschreibt eine Zunahme der Halluzinationen, die darauf bezogenen Reaktionen bleiben aber minimal. Hervorragender Fortschritt.
19. September 2012
Wir beide haben ein komisches Verhältnis. Sie wissen bereits, dass meine Ärzte die ToZaPrex-Dosis erhöht haben. Sie wissen, dass es Nebenwirkungen gibt, und weil Sie in Harvard Psychologie studiert haben, wissen Sie auch genau, um welche es sich dabei handelt.
Aber ich bin gut drauf und das Medikament wirkt, also werde ich Ihnen von meinen »Erfahrungen« mit der höheren Dosis berichten.
Die Kopfschmerzen kommen und gehen. Ich kriege sie meistens an Orten voller Menschen, die sich viel bewegen. Ich bin ein bisschen lichtempfindlich. Und meine Halluzinationen haben zugenommen.
Ich weiß aber ganz genau, was real ist und was nicht, da kann ich Sie beruhigen. Ich habe nicht mehr diese panischen Momente, in denen ich mir nicht sicher bin, ob mein Bett nun wirklich brennt oder nicht. Aber ich sehe überall Dinge, die ich eigentlich nicht sehen sollte. Zum Beispiel den Mann im Anzug, dessen großer Metallaktenkoffer ständig aufgeht und überall Geldscheine verteilt. Und die Frau mit dem riesigen Hund, der sie über den Rasen schleift. Dann gibt es da noch den komischen Schattentyp, den ich nur aus dem Augenwinkel in enge Gassen huschen sehe. Die Mafiosi. Rebecca. Und ein paar andere, die ich nur gelegentlich sehe.
Da mein Nachname Petrazelli ist, finden Sie es wahrscheinlich naheliegend, dass ich Mafiosi sehe. Die gehören wahrscheinlich zum Pflichtprogramm für italienischstämmige männliche Schizophrene, richtig? Ich glaube aber nicht, dass meine Mafiosi-Halluzinationen meiner italienischen Abstammung geschuldet sind, sondern eher der Tatsache, dass meine Mom früher ein Riesenfan von den Der-Pate -Filmen war.
Sagen Sie ihr das bitte nicht. Ich will nicht, dass sie sich eine Mitschuld an meinem Irrsinn gibt.
Aber sicherlich sind die Halluzinationen trotzdem irgendwie symbolisch. Mit den Mafiatypen kann man nicht vernünftig reden. Es sind Schergen, die nur die Befehle eines namenlosen Don ausführen, der sich selbst nie die Hände schmutzig machen muss. Mein Viertel ist von der italienischen Mafia genauso weit entfernt wie vom Mond, aber wenn ich sie sehe, kommen sie mir dennoch nicht fremd vor. Sie scheinen irgendwie in mein Leben zu passen. Sie erinnern mich an die Wiesel in Roger Rabbit , nervige kleine Handlanger, die ständig laut »Jawohl, Boss« näseln.
Hin und wieder habe ich auch ungewöhnliche Halluzinationen, irgendwelche Dinge, die ich noch nie zuvor gesehen habe, und dann muss ich besonders vorsichtig sein. Es ist nämlich durchaus möglich, dass es sich gar nicht um Halluzinationen handelt – sondern nur um eine Person, die ich nicht kenne. Also warte ich auf die Zeichen. Die seltsame Augenfarbe. Die merkwürdige Stimme. Die Tatsache, dass es niemand außer mir bemerkt, wenn sie sich abnormal benehmen. Nur so habe ich begriffen, dass die alte Dame, die im Jogginganzug unsere Straße entlanggerannt ist, eine Halluzination war. Sie hat in unserer Einfahrt Rückwärtssaltos geschlagen. Das Pärchen mit dem Kinderwagen, das auf der anderen Straßenseite vorbeiging, hat überhaupt nicht darauf reagiert und ich bin mir beinahe hundertprozentig sicher, dass die beiden echt waren.
Bei einer Sache weiß ich nicht genau, ob es sich um eine Nebenwirkung des Medikaments handelt oder nicht. Ich erzähle Ihnen einfach, was passiert ist, und dann sagen Sie es mir.
In St. Agatha gibt es einen Pool. Jungs und Mädchen dürfen ihn nur getrennt benutzen, weil Badeanzüge provokant sind und hormongesteuerte Teenager zu unreinen Gedanken verführen. Ich würde der Schulleitung gerne sagen, dass diese Gedanken auch ohne Badeanzüge existieren, aber egal. Letzte Woche wurden wir in Gruppen eingeteilt und mussten Bahnen schwimmen.
Ich hätte nicht geglaubt, dass ich irgendetwas noch mehr hassen könnte als Dauerlauf, aber eins muss ich zugeben: Ich bin tatsächlich wesentlich motivierter, weiterzuschwimmen, wenn die Alternative lautet, in einem Pool zu ertrinken, in den wahrscheinlich die Hälfte der Schüler reinpinkelt. Ich hob den Kopf kurz aus dem Wasser und beobachtete Ian, der ein paar Bahnen weiter neben mir schwamm. Ich gebe es nur sehr ungern zu, aber er ist ein ausgezeichneter Schwimmer. Er war als Erster mit seinen Bahnen fertig und verbrachte den Rest der Stunde damit, am Beckenrand zu sitzen und die anderen mit arroganter Miene zu beobachten. Er rümpfte die Nase in Richtung Dwight und seine Herablassung wurde noch größer. Na gut, Dwight schwamm wirklich so ungelenk wie menschenmöglich und war der Einzige im Wasser, der eine Nasenklemme und eine knallblaue Schwimmbrille trug. Aber ich wette, Ian hätte ihn auch ohne jeden Grund so angeschaut.
Und jetzt kommt der Teil, bei dem ich Ihre Hilfe brauche. Mir ist klar, dass meine Halluzinationen nicht besonders vertrauenswürdig sind, aber manchmal habe ich das Gefühl, dass sie mir etwas mitteilen wollen, das ich alleine nicht erkennen kann. Ergibt das irgendeinen Sinn?
Ich war der Letzte in der Umkleide und ich hatte mich gerade fertig angezogen, als ich ein Platschen hörte. Rebecca, die mit überkreuzten Beinen auf einer Bank gesessen und auf mich gewartet hatte, sprintete aus dem Raum. Sie rannte weder kopflos herum noch flitzte sie zwischen den Spinden zum Ausgang. Das meine ich nicht. Sie raste mit Höchstgeschwindigkeit in Richtung Schwimmbecken, und weil so etwas noch nie vorgekommen war, folgte ich ihr.
Das Becken war leer bis auf eine wild zappelnde Person, die sich in den Bahnentrennern verheddert hatte. Ich hatte meine Gläser nicht auf, aber diese Person konnte ganz offensichtlich nicht schwimmen.
Also sprang ich ins Becken. Ich dachte mir, falls die Szene nicht echt war, würde ich halt schlimmstenfalls umsonst nass werden.
Jemanden vor dem Ertrinken zu retten ist nicht so glamourös, wie es sich anhört. Als ich nahe genug dran war, um helfen zu können, wurde ich von der verzweifelt um Auftrieb kämpfenden Person mit einem heftigen Tritt ins Gesicht belohnt.
»Hör auf, dich zu bewegen!«, brüllte ich.
»Warum? Damit ich noch schneller ertrinke?« Es war Maya.
»Nein«, keuchte ich. Das Blut, das inzwischen aus meiner Nase tropfte, lief mir in den Mund. »Damit ich dich packen und zum Rand ziehen kann.«
Erst wollte sie die Bahnentrenner nicht loslassen, aber schließlich schaffte ich es, sie wegzuzerren und uns beide zur Leiter am Beckenrand zu bewegen. Maya kletterte heraus und übergab sich prompt in die Abflussrinne.
»Du kannst nicht schwimmen?«, fragte ich nach Atem ringend. Die dumme Frage brachte mir einen wütenden Blick ein. »Okay, okay«, sagte ich. »Gibt es denn einen Grund dafür, dass du da drin warst?«
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