Als wir die Schule besichtigt hatten, war uns erzählt worden, dass vor Ostern alle oberen Klassen ihre eigene Version des Kreuzwegs darbieten müssten. Ein Schüler würde als Darsteller Jesu Christi ausgewählt und er müsste mit Theaterblut beschmiert ein schweres Sperrholzkreuz durch die Kirche ziehen und alle Stationen seiner Kreuzigung nachspielen.
Das fand offenbar nur ich verstörend.
Das Bleiglas ist allerdings wirklich cool. Feierlich und gleichzeitig gruselig. Es wirkt irgendwie beruhigend, wenn die satten Gold- und Rottöne im Licht funkeln. Sogar das Blut auf Jesu Gesicht kommt mir weniger bedrohlich vor, wenn es aus Glas besteht. Aber nach ein paar Minuten merkte ich, dass etwas nicht stimmte.
Jesu Brust hob und senkte sich. Ich wendete den Blick von ihm ab und zwang mich, die sechste Station zu betrachten. Das ist diejenige, an der eine Frau namens Veronika aus der Menge tritt und Jesus auf seinem Weg in den Tod das Blut und den Schweiß aus dem Gesicht wischt. Es ist meine liebste Station, die einzige, in der es um Güte geht. Aber nach ein paar Sekunden begann auch Veronika zu atmen und ihre bunten Kleider wurden schwarz, als sie mir ihr Gesicht zuwandte. Langsam drehten nun alle Figuren in den Bleiglasfenstern ihre Köpfe und schauten mich an.
Sogar die Engel, in deren glasigen Gesichtern sich das Morgenlicht spiegelte, blickten auf mich herab. Ein seltsamer Wind bewegte ihre Flügel und ich schloss die Augen und senkte den Kopf. Hoffentlich dachten die Kids neben mir, ich würde beten. Alle Engel beobachteten mich aus dem Glas heraus und ich wusste, wenn ich ihren Blick erwiderte, würde ich nie mehr wegsehen können.
In diesem Moment spürte ich Rebeccas Augen auf mir. Ich drehte mich zu ihr um und sie lächelte mir zu. Es war das besorgte Lächeln, das sie immer aufsetzt, wenn sie weiß, dass etwas nicht stimmt, und sie dennoch keine große Sache daraus machen will. Ich wusste, dass all das nicht real war. Verdammt, ich wusste auch, dass sie nicht real war, aber im Moment hatte ich Schwierigkeiten, mich davon zu überzeugen. Ich versuchte einfach, mich von der Kommunionsprozession ablenken zu lassen.
Ich blieb sitzen, als die Kommunion begann. Sie wissen schon, die Show, wo Stücke von Jesu Leib verteilt werden, die aus faden Waffeln bestehen.
Komisch, dass auch heutzutage immer noch Leute überrascht sind, wenn man nicht an der Kommunion teilnimmt. Als ich klein war, erklärte mir meine Mom, das würde normalerweise bedeuten, dass jemand sich für zu sündhaft halte, um Jesus zu empfangen. Aber ehrlich gesagt, selbst wenn mir nicht so komisch gewesen wäre – ich mag die Vorstellung einfach nicht, dass mir ein fremder alter Mann irgendwelches Essen in den Mund stopft. Und mir ein Weinglas mit hundert anderen zu teilen finde ich auch nicht so toll. Gelinde gesagt. Das ist das Ekelhafteste, was ich je gesehen habe. Sie nehmen nach jedem Schluck das Glas in Empfang, wischen es ab, drehen es ein Stück und geben es dann der nächsten Person. Als würde es wie von Zauberhand sauber, wenn man nur wieder und wieder mit demselben weißen Tuch drüberwischt. Das Blut Christi … und der Speichel des Mädchens mit Lippenherpes.
Bald saß Rebecca am Ende des Ganges zwei Reihen vor mir und fuhr sich besorgt mit den Fingern durchs Haar. Ich hätte sie gerne beruhigt, aber dann hätten alle gesehen, dass ich mit der leeren Luft redete.
Trotzdem. Es ist schließlich nicht ihre Schuld, dass sie nicht echt ist.
Stattdessen zog ich die Schultern hoch, holte ein paarmal tief Luft und versuchte, mein Schwindelgefühl zu bezwingen.
»Geht’s dir nicht gut?«, flüsterte das Mädchen neben mir. Es dauerte einen Moment, bis ich registrierte, dass es Maya war, und noch etwas länger, bis ich ihr gesagt hatte, ich hätte nur Kopfschmerzen, was nicht komplett gelogen war. Ich sage das oft zu Leuten.
Und es störte mich, dass ich mich nicht daran erinnern konnte, ob sie die ganze Zeit neben mir gesessen hatte oder gerade erst zu mir gekommen war.
Ohne ein weiteres Wort stand sie auf, ging zum Ende der Reihe und verschwand in Richtung Ausgang. Eine Minute später war sie zurück, eine Flasche Wasser in der Hand. Sie reichte sie mir.
Ich war froh, dass sie mir kein Aspirin gebracht hatte. Wie hätte ich ihr erklären sollen, dass Aspirin sich nicht mit den Pillen verträgt, die ich schon genommen hatte?
Weil ich Halluzinationen habe und Stimmen höre.
»Trink«, sagte sie. »Manchmal hilft das.«
»Danke«, flüsterte ich zurück. »Ich bin Adam.«
»Maya«, erwiderte sie und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Altar. Dwight hatte mir das natürlich schon gesagt, aber ich akzeptierte ihren Namen als neue Information und versuchte, sie aus dem Augenwinkel anzustarren. Dwight hatte mir auch gesagt, dass ihr Nachname Salvador lautete, und ich bin ziemlich sicher, dass sie eine Filipina ist. Ihr kurzes braunes Haar berührte leicht die Schultern und war mit perfekten Strichen aus ihrem Gesicht gebürstet. Ich war schwer beeindruckt davon, dass sie es geschafft hatte, unsere Reihe zu verlassen und wieder zurückzukommen, ohne den Zorn der Nonne zu erregen, die am Gang saß. Nonnen bestrafen normalerweise jede Störung während der Messe, aber Maya hatte sich so schnell und entschlossen bewegt, dass sie offenbar keine Einwände erheben konnten. Schwester Catherine nickte ihr sogar zu.
Damit wäre ich niemals durchgekommen.
Maya lauschte aufmerksam den Worten des Priesters. Ich sah die Konzentration in ihrem Blick, aber gelegentlich spürte ich auch, dass ihre Augen zu mir wanderten.
Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass sie sich vergewissern wollte, ob mit mir alles in Ordnung war.
Ich tat so, als wäre mir das nicht wichtig.
In meiner alten Schule hatte ich Freunde gehabt. Wir waren gemeinsam aufgewachsen. Mit dem Fahrrad gefahren. Heimlich abends aus dem Haus geschlichen. Aber als sie die Wahrheit über mich herausfanden, bekamen sie Angst vor mir, genau wie Paul. Nach dem Zwischenfall in der Schule und meinem seltsamen Verhalten riefen sie nie wieder bei mir an.
Kevin, Michael und ich kannten uns, seit wir fünf waren. Wir waren in derselben T-Ball-Mannschaft gewesen. Als ich die Schule verlassen musste, hatten sie mir Gute-Besserung-Postkarten geschickt. Wenigstens etwas, auch wenn ihre Mütter sie wahrscheinlich dazu gezwungen hatten. Aber besucht haben sie mich danach nie. Mein bester Freund Todd verschwand einfach aus meinem Leben.
Gute Besserung.
Als könnte man den Wahnsinn einfach wegschlafen.
Aber ich wusste, dass sie Angst hatten, und das verstehe ich auch. Ich bin also nicht wütend auf sie oder so.
Ich spürte einen Stupser an meinem Arm und schaute nach unten. Maya starrte mich an.
»Mir geht’s gut«, sagte ich leise. Sie betrachtete mich prüfend und drehte sich dann wieder weg. Offensichtlich glaubte sie mir nicht.
Die Engel in den Bleiglasfenstern beobachteten mich immer noch, aber ich achtete nicht mehr auf sie.
Rebecca hüpfte auf dem Weg aus der Kirche vor mir her und warf Maya ein Lächeln zu.
Nach der Messe gingen alle dreihundert Schüler über den Rasen zurück in den Unterricht. Ich hatte Religionstheorie bei Schwester Catherine, das einzige Fach, das ich nicht mit Dwight habe. Aber mit Maya. Schwester Catherine ist die jüngste Lehrerin der Schule und definitiv die strengste Braut Christi, die mir je begegnet ist. Sie würde wahrscheinlich gern mit dem Lineal auf uns eindreschen, wenn sie nur dürfte. Wenn sie wütend ist, runzelt sie so heftig die Stirn, dass ihre weißblonden Augenbrauen beinahe verschwinden.
»Heute will ich herausfinden, wie aufmerksam ihr eure Hausaufgaben gemacht habt«, sagte sie. Sie hielt ein rotes Gebetsbuch hoch, das wir einen Monat vor Schulbeginn mit der Post bekommen hatten. Alle Gebete darin zu lesen war ein Teil unserer Ferienhausaufgaben gewesen, und Schwester Catherine hatte ein beinahe diabolisches Grinsen aufgesetzt. »Ich möchte, dass ihr den Rosenkranz, das Eucharistiegebet des heiligen Augustinus und das Salve Regina aus dem Gedächtnis aufschreibt.«
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