Um eine Ihrer Fragen zu beantworten, ja, neue Orte sind schwierig für mich, weil ich keinen Bezugsrahmen für sie habe. Die Dame im gelben Kleid, die mit einem Stapel Akten zu ihrem Auto geht, sieht völlig normal aus, bis die Blätter aus ihren Armen fliegen und sie wie ein Schwarm Tauben umkreisen. Das dürfte wahrscheinlich nicht echt sein.
Die Nonnen und Kruzifixe in allen Zimmern sind auf jeden Fall ein großer Unterschied zu meiner alten Schule. Und wenn wir davon absehen, dass meine Schulshorts jede Gelegenheit nutzen, um mir in die Poritze zu kriechen, dann würde ich sagen, dass es ein paar ziemlich normale erste Schultage waren. Ich vermisse es wirklich, in der Schule Jeans zu tragen. Vor allem, weil diese extremen Arsch-frisst-Hose-Situationen nur durch diskrete Rektalarchäologie zu entschärfen sind und es beinahe unmöglich ist, so etwas unbeobachtet durchzuführen.
Zum Glück ignorieren die meisten Schüler meine Bemühungen. Wahrscheinlich deshalb, weil sie gerade ebenfalls unauffällig versuchen, Unterwäsche aus ihrer Poritze zu ziehen.
An die restlichen Stunden an diesem Tag erinnere ich mich nur verschwommen. Wenn in der ersten Woche nichts Wichtiges passiert, warum sind wir dann hier? Am liebsten würde ich den Lehrern sagen, sie sollen mich anrufen, wenn sie bereit sind, nicht länger meine Zeit zu verschwenden. Auch auf diesen ganzen Lerne-die-Bibliothek-kennen-Quatsch hätte ich gut und gern verzichten können.
Der Sportunterricht war wiederum ein Abenteuer. Er fand täglich in der vorletzten Stunde statt. Am ersten Tag ließ uns Coach Russert eine Meile rennen. Ich bin nicht total unfit, aber normalerweise renne ich nirgendwohin. Dwight versuchte während der gesamten Tortur, sich mit mir zu unterhalten, was ein bisschen nervig, aber ehrlich gesagt auch irgendwie beeindruckend war. Ich hatte noch nie jemanden kennengelernt, der mit solchem Einsatz ununterbrochen redete.
»Machst du Sport? Basketball?«, fragte er. Basketball war naheliegend. Ich bin mehr als einen Kopf größer als alle anderen Kids, also fühle ich mich immer wie ein Riese, wenn ich über die Flure gehe.
»Nö«, sagte ich.
»Ist das dein erstes Jahr an einer katholischen Schule?«
»Jepp.«
»Vermisst du deine alte Schule?«
»Nö«, sagte ich.
Ich versuchte nicht, ihn abblitzen zu lassen. Ich wollte mich nur nicht während des Laufs übergeben, deshalb schien es mir am sichersten, einsilbig zu antworten. Ein paar andere Kids hatten schon an den Rand der Laufbahn gekotzt und ein Typ hatte nicht aufgepasst, war ausgerutscht und auf seinem Hintern gelandet. Ein Mädchen nahm das Handy aus der Tasche und machte ein Foto von ihm, bevor das Gerät konfisziert wurde. Es macht sich eben bemerkbar, wenn man den ganzen Sommer lang bewegungslos vor der Glotze gehangen hat.
Dwight war ehrlich gesagt kein schlechter Laufpartner. Er machte die ganze Prozedur erträglicher, weil er mich davon ablenkte, wie sehr ich Laufen hasse. Ich hasse es abgrundtief und würde fast alles andere lieber machen. Das Mädchen, das mich am Morgen gerettet hatte, war schon an uns vorbeigezogen und längst mit seiner Meile fertig. Es hatte Spaß gemacht, ihr zuzusehen. Obwohl ihre Beine so kurz sind, flog sie geradezu über die Bahn. Kurz darauf verschwand sie wieder, aber nicht, bevor Dwight mir ihren Namen gesagt hatte. Maya.
Der Name ist genauso kurz und hübsch wie sie.
Ich lief meine Meile in zehneinhalb Minuten und war dankbar dafür, dass ich weder der Letzte noch völlig außer Atem war. Der Trainer wirkte trotzdem enttäuscht, aber Sie können sich gar nicht vorstellen, wie egal mir das war. Scheiß auf den Typen. Sein Job besteht darin, uns beim Rennen zuzusehen und selbst NICHTS zu tun. Und ich soll mich schlecht fühlen, weil er enttäuscht ist? Nö.
Nein, ich glaube nicht, dass die Kids an dieser Schule anders sind als meine früheren Mitschüler. Sie sind nur ein bisschen reicher. An Designerklamotten erkennt man das hier natürlich nicht. Aber an den Accessoires. Die Jungs tragen Designeruhren und Markenrucksäcke. Sogar ihre Frisuren wirken teurer.
Bei den Mädchen ist der Reichtum ein bisschen schwieriger zu erkennen. Wenn man sich mit teuren Schuhen auskennt, dann merkt man es wahrscheinlich daran. Aber ich rieche den Unterschied. Die Parfüms der Mädchen reichen von fruchtigem Zeugs bis zu den sauber und edel riechenden Essenzen, die man in luxuriösen Hotel-Spas findet. Und sie verwenden sie nicht gerade sparsam. Man fühlt sich wie in einer Giftwolke. Manchmal würde ich am liebsten furzen, um die Luft zu reinigen.
Ich schätze, der größte Unterschied ist, dass sie sich schon alle kennen. Sogar die Eltern kennen einander offenbar. Ich sage Eltern, aber eigentlich meine ich die Mütter. Keine von ihnen scheint zu arbeiten, also haben sie Zeit dafür, sich miteinander zu unterhalten. Sie alle haben drei oder vier Kinder, die seit Jahren gemeinsam zur Schule gehen. Sie waren zusammen in der Fußballmannschaft. Im Schultheater. Hier kennt jeder jeden. Wahrscheinlich finde ich deshalb alles so seltsam. In meiner alten Schule waren die Eltern nicht miteinander befreundet, weil sie keine Zeit dafür hatten, morgens miteinander zu plaudern. Sie mussten ihre Kinder absetzen und dann schleunigst zur Arbeit fahren.
Oh, und wir haben fest zugewiesene Sitzplätze in allen Kursräumen, was ich sehr lustig finde. In meiner alten Schule konnten wir sitzen, wo wir wollten. Man ging davon aus, dass Schüler im Highschoolalter sich benehmen können, aber hier mögen sie nun mal ihre Regeln. Aus gutem Grund wahrscheinlich, denn eine Menge der Kids hier rebelliert gern. Bisher wurden schon zwei Mädchen zur Schulkrankenschwester geschickt, wo sie längere Röcke bekamen und sich das Make-up vom Gesicht wischen mussten. Beide Mädchen hießen Mary. Kein Witz.
Gegen Ende des ersten Tages sah ich Ian noch einmal. Er lief mit ein paar Jungs, die so aussahen wie er, über den Flur. Dafür hätten sie keine Uniformen gebraucht, denn sie hatten genau denselben Gesichtsausdruck. Als es klingelte, löste sich die Gruppe auf und die Jungs machten sich auf den Weg zu ihrer letzten Stunde. Ian blieb ein bisschen zurück und beobachtete einige Mädchen, die sich auf dem Flur unterhielten. Irgendwie wirkte seine Miene ominös. Ein ungefähr zwölfjähriges Mädchen, dessen lange rote Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden waren, hatte vergessen, seinen Rucksack zuzumachen, aus dem ein violettes Heft herausragte.
Ich war der Einzige, der sah, wie Ian sich das Heft schnappte und es in den nächsten Mülleimer warf, bevor er mit zufriedenem Gesicht in den nächsten Flur abbog. Er grinste nicht einmal. Er sah nur so aus wie ein Junkie, der seinen Schuss bekommen hat. Das Mädchen ging ahnungslos weiter, also steckte ich die Hand in den Mülleimer, schnappte mir das Heft und rannte zu ihr.
»Das ist dir runtergefallen«, sagte ich.
»Oh, danke!« Sie strahlte mich erleichtert an. »Da ist meine Hausarbeit drin. Das wäre blöd gewesen.«
Der Flur hatte sich inzwischen geleert, und als ich zurück zu meinem Schließfach ging, begegnete ich Ians Blick. Er hatte gesehen, wie ich das Heft aus dem Müll fischte, und er wusste, dass ich beobachtet hatte, wie er es hineinwarf. Es war ein seltsamer Moment. So, wie er mich anstarrte, war er offensichtlich sauer, dass ich ihn erwischt hatte. Aber er verzog keine Miene. Ich fragte mich, welche Informationen er in diesem Moment wohl sammelte. Was dachte er über mich?
Ich beschloss, ihm bei der Meinungsfindung zu helfen, und zeigte ihm den Stinkefinger.
Sein Mund verzog sich zu einem breiten Grinsen und dann war er wieder verschwunden, diesmal endgültig. Warum verhielt sich jemand absichtlich so gemein und asozial? Um zu sehen, ob er damit durchkam, wahrscheinlich.
Außer Ian Arschgesicht Stone ist bislang niemand unfreundlich zu mir gewesen, aber ich ernte durchaus neugierige Blicke, weil die Schule ziemlich klein ist und ich in der Elften neu dazugekommen bin. In solchen Momenten taucht normalerweise Rebecca auf. Sie möchte nicht, dass ich allein bin. Sie bleibt in meinem Blickfeld und versucht mich nur abzulenken, wenn ich beginne, mich unwohl zu fühlen. Wenn sich Zweifel, Angst oder nervöse Unruhe einschleichen. Dann schlägt sie ein Rad, geht auf den Händen oder jongliert mit Obst.
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