Zuerst staunten die Brangwens über all dies Leben um sie her. Der Bau der Wasserstraße quer über ihr Land machte sie zu Fremdlingen auf der eigenen Scholle; der rohe Erdwall, der sie von der Umwelt ausschloß, beunruhigte sie. Wenn sie auf dem Felde arbeiteten, flog von dem ihnen allmählich ganz vertraut gewordenen Damme her das genau abgemessene Geräusch der Windevorrichtungen herüber, zuerst beunruhigend, später aber rein wie ein Schlummerlied. Dann wieder hallte das schrille Pfeifen eines Zuges ihnen durchs Herz, ein freudiger Schreck, der das Herankommen des Weit-Abgelegenen in unmittelbare Nähe verkündete. Fuhren sie aus der Stadt nach Hause, so stießen sie, die Landleute, auf kohlengeschwärzte Bergleute, die vom Schachteingang heimwärts zogen. Brachten sie die Ernte ein, so führte der Westwind ihnen einen schwachen Schwefelgeruch von den brennenden Schutthalden zu. Zogen sie im November Rüben aus, so machte das scharfe Klick-klick-klick-klick der leeren, auf ein Nebengleis laufenden Kohlenwagen ihre Herzen in der Erkenntnis erzittern, es gäbe außer ihrem eigenen Tätigkeitsfelde auch noch ein anderes.
Der Alfred Brangwen dieses Zeitabschnittes hatte ein Mädchen aus Heanor zur Frau genommen, eine Tochter aus dem »Schwarzen Roß«. Sie war ein zierliches, hübsches dunkles Frauenzimmer, sonderbar in ihren Redensarten, witzig, so daß die scharfen Dinge, die sie sagte, nicht wehtaten. Sie führte ein merkwürdiges Sonderdasein, war in ihrem Benehmen fast quengelig, stand aber innerlich allem fern und gleichgültig gegenüber, weswegen ihre langen, jammervollen Klagen, erhob sie die Stimme gegen ihren Gatten im besonderen und alle übrigen außer ihm, eigentlich die Zuhörer nur mit Verwunderung und Mitleid gegen sie erfüllten, selbst wenn sie sich durch sie gereizt fühlten und die Geduld mit ihr verloren. Ausdauernd und laut zog sie über ihren Mann her, aber stets in gleichmäßigem, leichtem Tonfall und in einer merkwürdigen Ausdrucksweise, die ihn innerlich mit Stolz und männlichem Siegergefühl erfüllte, während er doch bitterlich murrte über das, was sie sagte.
Infolgedessen bekam Brangwen selber ein listiges Zwinkern um die Augenwinkel, eine Art fettigen Lachens, sehr ruhig und voll, und er wurde verwöhnt wie der Herr der Schöpfung selbst. Er tat ruhig alles was er wollte, lachte über ihr Schelten, brachte seine Entschuldigungen in einem neckenden Ton vor, den sie zu gern mochte, folgte all seinen inneren Neigungen, und wenn ihm etwas gar zu nahe ging, erschreckte und duckte er sie zuweilen durch einen tiefen, schweren Wutausbruch, der sich tagelang in ihm festzusetzen und auf ihm zu lasten schien, so daß sie alles drum gegeben hätte, ihn zu besänftigen. Sie waren zwei grundverschiedene Wesen, auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden; sie wußten nichts voneinander, und doch gingen ihre getrennten Wege von einer gemeinsamen Wurzel aus.
Vier Söhne und zwei Töchter waren da. Der älteste Junge lief früh davon, ging zur See und kam nicht wieder. Nach diesem Ereignis wurde die Mutter noch mehr als früher zum Hauptschwingungsknoten und Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit im Hause. Der zweite Sohn, Alfred, den die Mutter am höchsten schätzte, war der zurückhaltendste. Er wurde nach Ilkeston auf die Schule geschickt und machte zunächst auch einige Fortschritte. Aber trotz all seiner verbissenen, schmerzlichen Bemühungen gelangte er doch nicht über die einfachsten Grundlagen der Dinge hinaus, ausgenommen im Zeichnen. Hierin, wofür er gewisse Anlagen besaß, arbeitete er, als wäre es seine einzige Hoffnung. Nach vielem Murren und wütendem Widerstand gegen alles und jedes und vielerlei unsicherem Hin- und Hertasten, als sein Vater schon voll heißen Zornes gegen ihn war und seine Mutter fast an ihm verzweifelte, wurde er Zeichner in einer Spitzenweberei in Nottingham.
Er blieb schwerfällig und etwas grobschlächtig, sprach mit breitem Derbyshire-Tonfall, und hing mit seiner ganzen Zähigkeit an seinem Berufe und seiner Stellung in der Stadt, machte auch gute Zeichnungen und brachte es zu leidlichem Wohlstande. Beim Zeichnen schwang seine Hand sich wie von selbst in kühnen, großen Zügen, etwas reichlich ungezwungen, so daß es ihm grausam hart ankam an seinen Spitzenentwürfen herumzupüttchern, streng in den kleinen Vierecken auf dem Papier zu bleiben, zu zählen und zu grübeln und herumzustricheln. Aber hartnäckig, voller Seelenqualen, blieb er dabei, quetschte sich die Eingeweide im Leibe zusammen und verbiß sich in sein selbstgewähltes Los, koste es was wolle. Und so fügte er sich steif und gesetzt ins Leben, ein wenig sprechender, etwas sauertöpfischer Mensch.
Er heiratete die Tochter eines Drogenhändlers, der sich eine etwas höhere gesellschaftliche Stellung angequält hatte, und wurde in seiner verbissenen Art so etwas wie ein Bildungsprotz mit einer Leidenschaft für alle äußerlichen Feinheiten im Haushalt; er konnte rein wahnsinnig werden, ging irgend etwas schief oder wurde gar etwas verbummelt. Später, als seine drei Kinder herangewachsen waren und er selbst scheinbar ein besonnener Mann in mittleren Jahren war, fing er an hinter fremden Frauenzimmern herzulaufen und wurde zu einem schweigsamen, undurchdringlichen Liebhaber verbotener Genüsse, der seine hierüber verschnupfte Biederfrau ohne die leisesten Gewissensbisse links liegen ließ.
Frank, der dritte Sohn, verweigerte von Anfang an jede Beschäftigung mit Lernkram. Von Anbeginn an trieb er sich mit Vorliebe beim Schlachthause herum, das seitab auf dem dritten Hofe ganz hinten in dem Anwesen stand. Die Brangwens hatten immer selbst geschlachtet und versorgten auch die Nachbarschaft. Hieraus entwickelte sich ein richtiges Schlachtergeschäft in Verbindung mit dem Hofe.
Schon als Kind war Frank von dem dunklen, über das Pflaster sickernden Blut nach dem Leutehof gezogen worden, oder durch den Anblick eines Mannes, der ein mächtiges halbes Rind mit den frei daliegenden, in schwere Fettpolster gebetteten Nieren nach dem Fleischhaus schleppte.
Er war ein hübscher Junge mit weichem, braunem Haar und regelmäßigen Gesichtszügen, ungefähr wie ein Jüngling der späteren Römerzeit. Er war leichter erregbar, ließ sich leichter hinreißen als die übrigen, ein weicheres Gemüt. Mit achtzehn Jahren heiratete er ein kleines Arbeitermädchen, ein blasses, pulliges, ruhiges Ding mit schlauen Augen und einschmeichelnder Stimme; sie verstand sich ihm unentbehrlich zu machen, bescherte ihm jedes Jahr ein Kind und zog ihn gründlich auf. Sobald er die Schlachterei übernommen hatte, ließ ihn eine wachsende Gleichgültigkeit, eine Art Verachtung seinen Beruf sofort vernachlässigen. Er fing an zu trinken und war häufig in seiner Kneipe anzutreffen wie er drauflos schwatzte, als verstünde er alles und jedes, während er in Wirklichkeit doch nur ein lauter Hansnarr war.
Von den Töchtern heiratete die älteste, Alice, einen Bergmann und führte in Ilkeston eine Zeitlang ein stürmisches Leben, ehe sie mit ihrer zahlreichen jungen Nachkommenschaft nach Yorkshire zog. Effie, die jüngere, blieb zu Hause.
Das letzte Kind, Tom, war beträchtlich jünger als seine Brüder, so daß er mehr mit seinen Schwestern zusammen gehörte. Er war seiner Mutter Liebling. Sie raffte sich zu einem Entschlusse auf und schickte ihn, als er zwölf Jahre alt war, mit Gewalt auf die Lateinschule nach Derby. Er empfand keine Lust dazu und sein Vater hätte ihm auch wohl nachgegeben, aber Frau Brangwen hatte nun mal ihr Herz drangesetzt. Ihr zierlicher, hübscher Leib in der eng anliegenden Jacke und den weiten Röcken war jetzt der Mittelpunkt aller Entschlüsse im Hause, und hatte sie sich einmal auf irgend etwas versteift, was nicht oft vorkam, so gab die ganze Gesellschaft ihr gegenüber nach.
Also bezog Tom die Schule, ein widerwilliger Versager von Anfang an. Zwar glaubte er, seine Mutter habe ganz recht, wenn sie ihn in die Schule schickte, aber er wußte auch, sie habe bloß darum recht, weil sie seine mangelhafte Veranlagung nicht zugeben wolle. Er wußte mit der tiefen, gefühlsmäßigen Voraussicht von Kindern für alles, was mit ihnen vorgehen wird, daß er auf der Schule doch nur einen armseligen Kerl spielen würde. Aber er nahm sein Geschick als unvermeidlich hin, als wäre er an seiner eigenen Veranlagung schuld, als wäre sein ganzes Wesen verkehrt und die Auffassung seiner Mutter richtig. Hätte er so sein können wie er gemocht hätte, so würde er grade das gewesen sein, was seine Mutter so gern, aber so irrtümlich in ihn hineinlegte. Dann wäre er klug gewesen und hätte alle Anlagen zu einem großen Herrn gezeigt. Das war es, was ihr Ehrgeiz mit ihm vorhatte, und deshalb wußte er, es wäre das Richtige für jeden ordentlichen Jungen. Aber aus einem Schweinsohr kannst du keine Seidenbörse machen, wie er seiner Mutter schon ganz früh mit Bezug auf sich selbst gesagt hatte; zu ihrem tiefen Ärger und Kummer.
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