1 ...8 9 10 12 13 14 ...23 „Es ist schön, dass wir beide endlich wieder Gelegenheit finden, uns deiner Geschichte zu widmen", beginnt Constantin meine Psychoanalyse. Mit einem gespielt schüchternen Nicken signalisiere ich ihm meine Aufmerksamkeit.
„Bei der letzten Unterhaltung, die wir hier führten, erwähntest du zum ersten Mal deine Eltern. Vielleicht sollten wir hier anknüpfen?"
„Es gibt nicht viel über sie zu sagen", gebe ich beinahe entschuldigend zu. „Ich habe sie nie kennen gelernt. Meine Mutter starb, als ich ein Säugling war und mein Vater ist - sollte er noch am Leben sein - ein Unbekannter. Ich kenne nur seinen Namen."
„Verstehe", pflichtet Constantin meinem Gemisch aus Wahrheit und Lüge bei. Ich habe jede Einzelheit davon verinnerlicht. Immer und immer wieder. Fast glaube ich die Geschichte schon selbst. Ich spüre, wie das dünne Eis unter meinen Füßen zu knirschen beginnt, während Constantin mich eingehend mustert.
„Bei wem bist du aufgewachsen, Maiah? Hattest du Bezugspersonen in deinem Leben? Jemanden, der die Rolle deiner Eltern eingenommen hat?"
„Meine Erziehung verdanke ich den grausamen und gefühlskalten Nonnen eines christlichen Waisenhauses. Wenn ich auch keine Bezugspersonen hatte, so waren die strengen Regeln des Glaubens und die Mittel der Züchtigung bei Verstoß gegen diese der prägende Rahmen meiner Kindheit." Ich weiche Constantins scheinbar mitfühlenden Augen aus und mache ihm dadurch deutlich, dass ich nicht gerne über meine Kindheit sprechen möchte. Ich hoffe innständig, dass er meine Worte nicht hinterfragt. Unsere Blicken treffen sich zufällig und er wirkt plötzlich in Gedanken. Kannte er jemanden mit einem ähnlichen Schicksal? Oder haben meine Äußerungen bei ihm eine verdrängte Erinnerung heraufbeschworen?
„Als du hier ankamst", wechselt er das Thema „warst du auf der Flucht vor deinem gewalttätigen Freund. Die Narbe in deinem Gesicht muss dich jeden Tag an ihn erinnern."
Ruckartig tasten meine Finger nach der Narbe. Sie scheint kurz aufzubrennen und meine Wangen rot zu färben.
„Ich glaube, dass zwischen deinen Erlebnissen im Waisenhaus und in der Beziehung zu diesem brutalen Mann eine Verbindung besteht. Und sie ist es, die dich quält und es dir nicht ermöglicht, dein Leben nach deinen Wünschen zu gestalten."
„Ich sehe darin keinen Zusammenhang", wende ich ein. Constantin beugt sich leicht zu mir nach vorne. „Es gibt einen Weg, durch den du dich deinen Schatten stellen und sie verbannen kannst. Ich habe dadurch bisher jedem helfen können, der sich darauf eingelassen hat."
Ich schaue Constantin unsicher an. Was hat er mit mir vor? Mein Herzschlag beschleunigt sich und ich spüre, wie mich jeder Muskel meines Körpers dazu drängt, aus dem hellen Zimmer zu fliehen.
„Ich spreche von Hypnose."
Nein, auf keinen Fall. Dadurch wird er mich durchschauen. Und ich wäre ihm ausgeliefert.
„Es tut mir leid, aber ich habe mich schon einmal durch einen anderen derart lenken lassen. Ich…"
„Maiah", unterbricht mich Constantin eindringlich. „Hierbei geht es um Vertrauen. Ich weiß, dass es dir sehr schwer fällt, dich auf andere einzulassen und sie an deiner Geschichte teilhaben zu lassen. Bei deinen Erfahrungen ist das absolut verständlich. Meine Bitte, mir zu vertrauen, wird nur Worte bleiben, wenn ich dir keinen Beweis dafür gebe, dass ich keine finsteren Absichten hege. Im Gegenteil. Ich meine es gut mit dir. Vielleicht wirst du deine Mauern fallen lassen können, wenn…" Er greift hinter sich und zieht etwas hervor.
„Was ist das?", frage ich irritiert, als er mir den Gegenstand - eine kleine, rechteckige Karte - überreicht.
„Mit dieser Schlüsselkarte erhältst du Zugang zu jedem Bereich der Gemeinschaft . Nur wenigen gebe ich sie. Aber bei dir, so bin ich mir sicher, ist sie in den richtigen Händen. Ich sehe, welche Rolle du hier übernimmst und wie wichtig du trotz deines Misstrauens gegenüber Fremden für die anderen Mitglieder bist. Denn sie alle vertrauen dir. Und ich tue es auch."
„Das ist…", fehlen mir die Worte. Entweder stellt er mich auf die Probe oder Constantin spricht tatsächlich die Wahrheit. Eine Woge der Euphorie durchfährt mich, denn ich bin mir um die Macht bewusst, die mir diese Schlüsselkarte verleiht. Doch wenn ich sie annehme, wird er mich zur Hypnose drängen. Was also soll ich tun?
„Ich kann das nicht", sage ich und lege die Schlüsselkarte auf den Glastisch. „Ich vertraue mir nicht einmal selbst."
Constantins Blick fixiert mich und ich warte nervös auf seine Antwort.
„Habe ich dir schon einmal von der Geschichte dieses Hauses erzählt?", fragt er mich plötzlich und in meinem Gesicht zeichnet sich deutlich die Irritation hierüber ab.
„Bevor ich das Grundstück mit dem Herrenhaus erworben habe, war es einige Jahre im Eigentum der Familie Belfort. Luis Belfort gehörten zahlreiche Fabriken, in denen Möbel produziert und international verkauft wurden. Da er ein raffinierter Kaufmann war, hatte er sich mit dem wenigen Geld seines verstorbenen Vaters ein beträchtliches Vermögen erwirtschaft. Seiner Frau, eine Französin namens Fleur, und ihren gemeinsamen vier Kindern fehlte es an nichts. Die Belforts lebten in diesem traumhaften Herrenhaus und führten ein behütetes, sorgenfreies Leben - zumindest glaubte das jeder, der sie kennen lernen durfte. Was hinter den geschlossenen Toren des Hauses vorging, bleibt vermutlich bis in alle Ewigkeit ein blutiges Geheimnis. Denn in einer einzigen, schicksalhaften Nacht verloren sie alle ihr Leben. Es gab kein Zeichen für einen gewaltsamen Einbruch, der auf das Erscheinen eines Mörders hätte hinweisen können. Aber irgend etwas Schreckliches hatte sich ereignet. Zahlreiche Spekulationen, was der Familie widerfahren sein musste, machten die Runde und aus den aufkeimenden Gerüchten rührte der Verdacht, dass Luis Belfort zuerst seine Angehörigen und dann sich in einem Anflug des Wahnsinns getötet hatte.
Doch es erhoben sich auch noch andere Stimmen - weitaus ältere - die davon berichteten, dass dieses Grundstück verflucht sei. Schon bevor die Belforts das Herrenhaus bewohnten, sei dieses Land verdorben gewesen. Verdorben . So hatten sie es genannt und mir mehrmals eindringlich davon abgeraten, es zu erwerben. Angeblich werde es von teuflischen Kräften heimgesucht, die nach Blut dürsten. Und so waren immer wieder Personen verschwunden oder getötet worden, die hier lebten oder mit dem Anwesen in Berührung kamen. Zu diesen Anschuldigungen gab es keine Beweise; sie wollten mir anfangs nicht einmal die Namen derjenigen nennen, die hier auf unerklärliche Weise ihr Leben verloren haben sollen.
Ich habe mir meine Vision - den tiefen Wunsch, eine Zuflucht für die Orientierungslosen zu schaffen und ihnen eine neue Perspektive zu ermöglichen - nicht zerstören lassen und genau hier die Gemeinschaft errichtet. Egal, was in der Vergangenheit auch geschehen sein mag, für mich zählt das Heute. Wir können das Erlebte nicht ungeschehen machen oder die Geschichte neu schreiben, die wir bereits durchlebt haben. Aber wir sind dazu fähig, uns von den Bürden und all dem Schlimmen, das uns auf so schreckliche Weise zugesetzt hat, zu befreien und unseren Weg selbst zu wählen. Daran glaube ich. Und das solltest du auch, Maiah."
Ich habe meinen Weg bereits gewählt, denke ich mir, während ich Constantins Rat auf mich wirken lasse.
„Ich werde dich zu nichts drängen, aber nimm die Schlüsselkarte als ein Zeichen meiner Wertschätzung dir gegenüber."
Meine Augen betrachten das kleine rechteckige Stück Plastik und wieder verdeutlichen sich mir die Möglichkeiten, welche die Karte gewährt. Ich kann nicht anders und nehme sie an mich.
„Danke", erwidere ich.
Constantin sieht mich zufrieden an. „Wir befinden uns in der richtigen Richtung. Du wirst dein Ziel erreichen, davon bin ich überzeugt."
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