Layton beugte sich etwas nach hinten, musterte ihn forschend mit diesen unbeschreiblichen Augen, die im Moment wie sattes gesundes Moos leuchteten. Die tanzenden goldenen Flecken zeigten den Aufruhr der Katze.
„Ich zweifle nicht an dir“, versicherte ihm sein Kater schließlich.
„Es ist nur ... Wenn man jahrelang der Prügelknabe gewesen ist, da ... Na ja ...“, er verstummte, da Tanner unheilvoll knurrte und ihn heftig an sich riss.
Sein Verhalten war irrational, der ungebärdige Zorn in ihm suchte ein Ventil, fand jedoch keins. Sein Wolf zerrte an ihm, wollte diejenigen, die seinen Gefährten drangsaliert hatten, die Knochen brechen, sie zerfetzen, sich an ihrem Blut laben. Ein roter Schleier legte sich über seine Sicht, seine Pupillen veränderten sich. Die Bestie in ihm heulte durchdringend, er musste sich wandeln. Jetzt sofort!
Aber er durfte Layton nicht verängstigen. Bisher hatte es noch keine Gelegenheit für sie gegeben, sich in ihrer Tiergestalt kennenzulernen, und dieser Augenblick gerade war absolut unpassend.
Vibrierendes Schnurren erklang erneut und etwas nie da Gewesenes geschah. Sein Knurren verstummte, der Wolf in ihm jaulte und plumpste auf den Bauch, alle Viere von sich gestreckt. Tanner sah das Bild regelrecht vor Augen. Auch das war eine Premiere. Nie hatte er sein Tier gesehen, solange es in ihm drin steckte. Ja, er fühlte, was es fühlte, schmeckte, hörte und roch dasselbe, aber das hier war anders.
Wärme. Geborgenheit. Zärtlichkeit. Wie eine mächtige Woge stiegen die Emotionen in ihm hoch und er verfolgte atemlos die Szenerie hinter seinen geschlossenen Lidern. Ein rotbraun gestromter Kater tapste auf ihn zu, stupste ihn in die Flanken, schnurrte auffordernd und rieb sich an ihm. Ein spielerischer Schlag mit der Pfote und die Jagd war eröffnet. Sein Gefährte flitzte davon, forderte ihn eindeutig zum Spielen auf und der Wolf setzte zu einem freudigen Heulen an, ehe er ihm aufgeregt nachsetzte.
Ruckartig wurde er durch nerviges Hupen aus dieser unglaublichen Vision gerissen. Er hatte Layton auf das Lenkrad gedrückt. Aus verschleierten Katzenaugen wurde er angestarrt, eine rosa Zunge blitzte hervor, leckte über weiche Lippen. Stöhnend beugte er sich vor, beanspruchte gierig das glänzende Fleisch.
Nach einer gefühlten Ewigkeit ließen sie atemlos voneinander ab, das neugefundene Wissen in ihren Gedanken, in ihrem ganzen Sein.
‚Du bist einmalig schön‘, versicherte er seinem Gefährten und hörte ein verlegenes Lachen in seinem Kopf.
‚Du bist auch okay‘ , spielte der Kater die Bewunderung herunter, die Tanner in ihm spürte.
„Erklärst du mir nun, wieso wir hier gehalten haben?“, fragte Layton dann laut.
„Weil ich dich abknutschen wollte?“
Grinsend öffnete er die Autotür. Sein Seelenpartner knuffte ihn in die Rippen. „Blödmann.“
„Dein Blödmann“, flachste er.
Sein Gefährte hielt ihn am Ellbogen fest und sah ihn eindringlich an. „Ja, meiner. Und ich gehöre dir.“
Oh je. Jetzt schwebten sie wirklich in rosafarbenen Plüschwolken. Ehe es noch kitschiger wurde, beantwortete er Laytons Frage nun ernsthaft: „Ich muss mal für kleine Jungs. Besorgst du uns was zu essen und zu trinken bei Abe?“
Seinem Kater war natürlich klar, dass er ablenkte, ließ ihn jedoch damit durchkommen, schenkte ihm ein süßes Lächeln, das tief in sein Herz eindrang. Er konnte gar nicht anders, musste ihn wieder küssen, presste seine Lippen auf die zarten Gegenstücke. Alles um sie herum versank, wurde bedeutungslos im Angesicht der Gefühle, die in ihnen beiden tobten. Ja, Luna wusste wirklich genau, was sie tat, wenn sie die Gefährten füreinander aussuchte.
Bedauernd löste Tanner sich schließlich von seinem Gefährten, der ihn leicht verwirrt anschaute, ehe sein verhangener Blick sich klärte und er sich zu erinnern schien, worüber sie gesprochen hatten.
„Okay. Ein paar Schokoriegel und was zu trinken. Willst du was Bestimmtes?“, fragte er ihn dann. „Wasser reicht.“
Er konnte dem gesüßten Zeug wie Cola oder Eistee nichts abgewinnen. Das ungesunde Gesöff legte sich immer wie ein pelziger Film auf seine Zunge.
„Ich bin kurz laufen. Die Toiletten hier sind zwar sehr hygienisch, aber ich bevorzuge die freie Wildbahn.“
Tanner zeigte auf das Waldstück. Sein Kater warf ihm eine Kusshand zu, drehte sich um und stolzierte mit wackelndem Hinterteil auf den Shop zu, der zur Tankstelle gehörte. Er stöhnte genervt, rückte seinen Harten zurecht und hörte noch das perlende Gelächter seines Gefährten, ehe der im Gebäude verschwand.
Sein Blick schweifte über das Gelände. Leer. Er spürte außer Betty, Abes Frau, und zwei Bären - er witterte Kell dabei - im Diner sowie Abe im Laden keine anderen Wandler.
Mit einem schlechten Gewissen dachte er an den herzensguten Bärenwandler. Sie waren seit der Schule die besten Freunde, doch in den letzten Jahren hatte er sich rar gemacht, war zu sehr mit der Leitung der Bar und seiner Rolle als zukünftiger Alpha Rex beschäftigt. Wie Kell wohl auf seine Paarung mit einer Hauskatze reagierte?
Bei Luna! Musste er sich jetzt wirklich bei jedem, den er traf, Gedanken darüber machen, ob sie seine und Laytons Verbindung akzeptierten? Vermutlich.
Zornig stapfte er ins Dickicht, lief viel weiter in den Wald hinein, als geplant, streckte und reckte sich. Tief sog er die Gerüche der Umgebung ein, erleichtert, das unangenehme Brennen des Petroleums nicht mehr in der Nase zu spüren. Stattdessen füllte er seine Lungen mit dem Duft von Kiefern, nach sattem Moos. Irgendwo in der Nähe moderte nasses Holz vor sich hin.
Auf einer kleinen Lichtung angekommen zog er sein Shirt über den Kopf. Er wollte gerade die Jeans aufknöpfen, da merkte er, wie die Luft um ihn herum sich plötzlich änderte, dicker zu werden schien.
Jemand oder etwas pirschte sich an ihn heran, sein Wolf war sofort auf der Hut, spürte die Bedrohung. Tanner lauschte, synchronisierte seine Sinne mit den Geräuschen des Waldes. Doch es war nichts Ungewöhnliches zu hören oder zu riechen. Natürlich wehte der Wind aus der falschen Richtung, deshalb drehte er sich unauffällig.
Und sein Herz setzte aus, als die Duftnote von Leoparden seine Nase attackierte. Layton! Bei Luna, er war ein Narr! Bei allem Verständnis für den Fuchs, sie hätten niemals ohne Eskorte fahren dürfen.
Verzweifelt sendete er seinem Kater eine Nachricht über ihre Verbindung, in der Hoffnung, dass sie bereits bei solch einer Entfernung funktionierte. Wieso war er noch mal in den Wald gelaufen? Wegen seiner verfluchten Eigenheiten!
‚Layton! Zum Wagen. Gefahr!‘
Tanner kalkulierte die Distanz von der Lichtung zurück zum Parkplatz. Dabei stolperte er fast, da ihm bewusst wurde, dass sein Seelenpartner vielleicht schon angegriffen worden war. Erneut versuchte er, ihn zu erreichen, doch es kam keine Antwort.
Panik blubberte in ihm hoch, vermischt mit rasendem Zorn.
Fuck! Er war absolut nachlässig gewesen, hätte nicht so tief ins Dickicht laufen dürfen, in der Nähe seines Gefährten bleiben müssen. Es wäre seine Schuld ...
Nein! Sein Kater war okay, ebenso die anderen. Abe und seine Frau waren zwar Hirsche, leichte Beute für die Raubkatzen, Kell und der zweite Bär jedoch ...
Unauffällig witterte er die Umgebung, fluchte innerlich. Man sollte ihn vierteilen. Wie einen unerfahrenen Welpen hatten sie ihn eingekreist, ihm blieb nicht mal die Zeit, sich zu wandeln, sie würden ihn sofort niederreißen.
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