Als erstes folgte eine Untersuchung des äußeren Körpers und Schneider bat mich, näher zu kommen.
„Über dem gesamten Oberkörper sind insgesamt zwölf Schnittwunden zu erkennen, alle in einer ungefähren Länge von acht Zentimetern und ein Einstich in die linke Brustseite.“ Schneider hielt einen Messstab an: „Vier Zentimeter breit.“ Dann nahm er den Stab, führte ihn in die Wunde ein und wir konnten sehen, dass er seitlich bis ins Herz drang und von außen gesehen, fast gänzlich verschwand.
„Ich vermute, ja ich bin mir jetzt schon fast sicher, dass dieser Stich die Todesursache ist“, sagte Schneider, „wenn er vorher nicht wegen der tiefen Schnitte verblutet ist. Dennoch macht mir dieser Einstichbereich Sorgen. Sorgen bezüglich Ihrer Ermittlungen.“ Er schaute mich an, als wolle er sagen: ‚wie meine ich das nur? ’
Ich wusste genau, was er meinte.
„Es ist eine unübliche Stelle, einen Stich zu setzen“, sagte ich und stellte mir die Ausführung vor. „Der Einstich befindet sich genau dort, wo der Oberarm am Oberkörper anliegt, wenn man aufrecht steht. Das wiederum bedeutet, dass der tödliche Stich während einer Abwehrbewegung dieses Armes ausgeführt wurde, oder aber ...“
„Oder aber, als die Person auf dem Boden lag“, unterbrach mich Professor Schneider und führte erneut den Messstab in die Wunde ein. „Sehen Sie genau hin!“ Offensichtlich wähnte sich Schneider im Hörsaal unter seinen Studenten, denen er ein wichtiges Detail unterbreiten wollte. Ich war heute der Student und ich muss sagen, ich war es gerne. Denn alles was Schneider mit Leib und Seele offerierte, kam der Klärung des Falles zugute.
„Es ist doch merkwürdig, dass der Stich fast waagerecht gesetzt wurde“, fuhr Schneider fort. Hätte der Mann gestanden – und er hätte ja nicht einfach in aller Ruhe einem Angriff auf sich zugesehen- wäre der Stich zumindest mit einem geringen Winkel von unten nach oben in die Brust eingedrungen. Einen Einstich von oben können wir vergessen, oder? Mit einem Schwert!“ Er sagte dies fast vorwurfsvoll, als hätte ich seine Aussage dementiert.
„Also muss der Mann auf der Erde gelegen haben.“ Ich versuchte, mir das alles bildlich vorzustellen. „Und er muss verteidigungsunfähig gewesen sein, sonst hätte er sicherlich auch Stichwunden am linken Unterarm“, sagte ich mehr zu mir selbst. „Und er muss auf der rechten Körperseite gelegen haben. Charly Rietel, wenn du doch reden könntest.“
Wie dumm diese Frage war, fiel mir natürlich sofort auf. Wenn er reden könnte, wäre er nicht tot und wenn er nicht tot wäre, würde ich heute Abend pünktlich bei Lisa sein.
Für Schneider schien dieses Thema erledig zu sein.
Alles Weitere überließ er mir. Er war bereits dabei, die Leiche an verschiedenen Stellen abzutasten und die einzelnen Untersuchungsergebnisse ins Diktaphon zu sprechen. Kornsack und Schneider drehten den Körper in Bauchlage und der Professor untersuchte jeden Zentimeter. Dann nickte er seinem Gehilfen zu.
Das, was ich schon an die 100 Mal mitgemacht hatte, musste für Leni eine Tortur sein. Besonders zu Beginn der Leichenöffnung muss man stark sein.
Wladimir Kornsack, er stammte aus Polen, hatte eine Deutsche geheiratet und deren Namen angenommen, führte, nachdem er die Leiche wieder auf den Rücken gedreht hatte, den ersten Schnitt, beginnend an der Schläfe über dem linken Ohr, um den Schädel herum bis zum rechten Ohr, um dann mit beiden Händen kraftvoll den Skalp zu lösen und mit der haarigen Seite auf dem Gesicht abzulegen. Das Kinn diente dabei als Halterung. Dann langte er zu der elektrischen Knochensäge mit dem Aussehen einer kleinen Schleifflex, auf die ein rundes Sägeblatt mit feinen Zähnen montiert ist, setzte sie auf eben der gleichen Linie an, wie er die Kopfhaut eingeschnitten hatte und fraß sich mit den metallenen Zähnen durch die Knochendicke. Der Sägeschnitt rund um den Schädel brauchte einige Zeit und auch einige Kraft. Woran man sich unbeteiligter Anwesender erst gewöhnen musste, war der schrille, kreischende Ton, mit dem sich die Säge durch den Knochen fraß.
Ich sah zu Leni. Die hatte den Kopf geneigt und hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu. Sie wird`s verkraften und das weiß sie auch. Denn das, was sie heute sieht und hört, wird sie in ihrer Laufbahn noch oft mitmachen müssen.
Inzwischen hatte Kornsack den Schädeldeckel abgehoben und das Gehirn aus dem Schädel herausgelöst. Wortlos übergab er es an Schneider, der es mit einem scharfen Schlachtermesser in zentimeterdicke Scheiben schnitt. Eine dieser Scheiben verschwand in einem der bereitgestellten Kunststoffbehältnisse, wurde verschlossen und beschriftet und der Vorgang von Schneider auf Tonband dokumentiert. Das geschah in dieser Reihenfolge mit allen Proben, die entnommen wurden. Kornsack, der wirklich die Drecksarbeit alleine machen musste, führte nun mit dem Skalpell einen Schnitt, beginnend unterhalb des Kinnknochens über Brust und Bauch bis hin zum Schambein durch. Es folgte jeweils ein Schnitt entlang des Schlüsselbeins in Richtung Hals. So konnte nun die Haut des vorderen Körpers wie ein Vorhang nach beiden Seiten offengelegt werden. Die Rippen lagen nun sichtbar vor uns. Mit einer Art Geflügelschere löste Kornsack ein trapezförmiges Rippenstück aus der Brust, legte es beiseite und vertiefte den Schnitt im Bauchbereich. So lagen mit wenigen Handgriffen alle inneren Organe frei. Die Lebenswerkstatt eines Menschen. Zahnräder in Form von fleischigen Weichteilen, die ineinandergriffen und immer wieder nur eines bewirkten: Die Masse Mensch am Leben zu erhalten. Es sei denn, seinesgleichen greift mit roher Gewalt ein und zerstört die Automatik.
Die Vorarbeit war getan und Schneider trat an den Seziertisch. Mit einem Skalpell löste er nacheinander alle Organe, vom Magen an aufwärts bis zum Herz, schnitt Proben ab und verstaute diese unter ständigen Kommentaren in den Plastikbehältern, die sein Gehilfe sofort entsprechend beschriftete. Das tat dieser mit einem solchen Eifer, dass sein rechtes Augenlid zu flackern begann und man nicht wusste, würde es sich öffnen oder geschlossen bleiben.
Während der gesamten Zeit hatte Leni neben mir gestanden. Sogar, als mir Schneider die Tiefe des Einstiches vorführte, war sie mit an den Seziertisch getreten. Tapferes Mädel! Bisher hatte sie kein Kölnisch Wasser gebraucht. Auch nicht, als Kornsack die komplette Masse der Därme aus der Bauchhöhle entfernte und die wabbelige Masse neben dem Körper auf den Seziertisch ablegte.
Doch, als nun der Gehilfe des Obduzenten alle Organe wieder in die Bauch- und Brusthöhle ablegte, sah ich, dass sie schluckte und etwas nach hinten trat.
„Wir sind fertig“, hörte ich Schneider sagen. „Den Obduktionsbericht erhalten sie so bald wie möglich. Aber im Grunde wissen Sie für Ihre Ermittlungen ja ausreichend Bescheid. Ich wünsche Ihnen beiden viel Erfolg.“
Kornsack hatte bereits begonnen, den geöffneten Körper vom Schambein her nach oben mit einem kräftigen Seil zu vernähen. Das Gehirn befand sich ebenfalls wieder an Ort und Stelle, das Schädeldach ebenfalls, die Kopfhaut verdeckte den Sägeschnitt. Ein durchschnittlicher Leichenbestatter würde Rietmaier wieder so hinbekommen, dass in seinem Sarg später nichts mehr auf die heutige Arbeit Rückschlüsse zulassen würde.
Wir verabschiedeten uns von Schneider, Kornsack winkte uns kurz während seiner Arbeit zu, das rechte Auge war dabei sogar halb geöffnet.
Im Präsidium angekommen, ging Leni sofort in unser Büro. Mir war klar, sie brauchte jetzt ein Stündchen für sich zum Abschalten. Ich stattete dem Erkennungsdienst noch einen kurzen Besuch ab, um mich nach dem Ergebnis der Blutspuren auf den Kieselsteinen der Einfahrt des Hauses Rietmaier zu erkundigen. Das Ergebnis der Untersuchung stand bereits fest. Es war tatsächlich Rietmeiers Blut. Also stand somit auch der Tatort fest. Er wurde auf seinem eigenen Grundstück ermordet. Aber wer hatte einen Grund, dies zu tun? In mir fraß sich der Gedanke fest, dass seine Vergangenheit irgendwie damit zu tun hatte. Doch, wo ansetzen? Was wussten die Nachbarn, was ich nicht wusste? Ich hatte das Gefühl, dort ansetzten zu müssen.
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