„Schon gut, kann ich alles nachlesen“, unterbrach ich ihn. „Was ist die Todesursache? Ich gehe davon aus, dass er den zahlreichen Schnitten erlegen ist.“
So musste es sein. Wer derart viele Schnittwunden aufzuweisen hat, der kann die Verletzungen doch kaum ohne sofortige Hilfe überleben.
„Könnte durchaus sein, wenn…“
„Was, wenn?“
„Ja, wenn da nicht noch etwas Anderes wäre. Kommen Sie mal mit.“
Er näherte sich dem Toten und zeigte auf die Schnittwunden am Körper des Opfers.
„Sehen Sie“, begann er zu erklären. „Diese breiten Wunden auf der Brust und am rechten Arm sind offensichtlich durch Schlageinwirkungen mit einem mäßig scharfen Gegenstand, nennen wir diesen einmal Schwert, nur so zum Beispiel, herbeigeführt worden. Die Wunden am Arm sind wahrscheinlich auf die Abwehrbewegungen des Opfers zurückzuführen. Aber ich bezweifle, dass all diese Verletzungen für den Tod des Opfers verantwortlich sind. Sehen Sie hier!“
Dr. Kämmerlein, dessen Kompetenz sich in meinen Augen langsam steigerte, zeigte auf eine Verletzung an der rechten Körperseite des Mannes, in Höhe des Ellbogens, nicht einmal halb so breit wie die übrigen Verletzungen. Ein Einstich, das war unschwer zu erkennen.
„Die Obduktion wird es zeigen, aber meinen ersten Untersuchungen zufolge wurde hier der tödliche Stich gesetzt“, sagte Kämmerlein und nickte vor sich hin. Ein Zeichen für mich, dass er sich in seiner Meinung ziemlich sicher war.
„Eines dürfte allerdings feststehen“, sagte Kämmerlein. „Der Tod ist nicht hier am Fundort eingetreten. Der Mann war schon tot, als er an den Baum... na ja, Sie wissen schon.“
Kämmerlein nestelte an seiner bauschigen, arg strapazierten Arzttasche, die auch schon bessere Jahre gesehen hatte.
„Warum hat sich der Täter die Arbeit mit dem Gatter-draht gemacht, ist doch seltsam?“, fragte er ins Leere, denn ich war mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt. „Ich habe den Totenschein mit dem Vermerk „unnatürlicher Tod“ ausgestellt“, sagte der Doktor und sah mich von der Seite an. „Alles Weitere haben Sie und der Staatsanwalt nun in der Hand. Wenn Sie mich brauchen, bitte sehr.“
Kämmerlein drückte mir die Unterlagen und seine Visitenkarte in die Hand, packte seine Medizinertasche und strebte von dannen. Jetzt war ich alleine und konnte meine Arbeit beginnen. Alleine?
„Ich bin Marlene Schiffmann“, ertönte eine weibliche Stimme neben mir. Ich zuckte zusammen.
„Kommissarin, frisch befördert. Auf gute Zusammenarbeit.“
„Ach ja, Sie sind die…“
„Ihre Mitarbeiterin, Sie können ruhig Leni zu mir sagen. Wir werden sicher ein gutes Team sein.“
Mir fiel im Moment überhaupt nichts mehr ein und ich musste wie ein Trottel ausgesehen haben. Leni! Und wie sie spricht. Verdammte Scheiße, fluchte ich innerlich. Dort ein Toter, ein Mord, den ich aufklären sollte. Mit Leni! Mit einer, weiß der Teufel, wo die herkommt!
Als hätte ich es laut gesagt. „Ich stamme eigentlich aus Adenau. Kennen Sie sicher. Nürburgring. Eifel. Autorennen. Aber jetzt wohne ich in Trier. Wie heißen Sie mit Vornamen?“, hörte ich sie neben mir sagen und sie dehnte das ‚ei’ in dem Wort „heißen“ mit einem melodischen Unterton.
Ich sah Leni an. Für eine Polizistin war sie attraktiv. Gute Figur, brünette Haare, grüne Augen, schmales und dennoch etwas kantiges Gesicht, slawischer Typ, würde ich sagen. Schlank auch die Figur und sie war kleiner als ich. Das war schon mal gut.
„Mein Name ist Heinz Spürmann, aber alle sagen Heiner zu mir. Und jetzt sollten wir uns besser um unsere Arbeit kümmern.“
„Ist gut, Heini.“
Ich spürte den Namen wie einen Schlag in meinem Nacken. „Nein!“, polterte es aus mir heraus. „Ich heiße Heiner, wenn es schon sein muss! Heiner! Nicht Heini! Nie Heini!“
Sie sah mich mit übergroßen Augen an. Ihre Mundwinkel zuckten. Ich hatte wohl überzogen und es tat mir bei diesem Anblick auf der Stelle leid.
„War nicht so gemeint“, sagte ich kleinlaut. Es ist immer dasselbe. Wenn den Frauen etwas nicht passt, drücken sie auf die Tränendrüse. Was soll‘s! Ich reichte ihr die Hand.
„Hallo Leni, ich heiße Heiner.“
Sie lächelte und mein Gewissen war wieder rein. Dass Leni für mich ein Glücksfall werden sollte, konnte ich heute noch nicht wissen.
Die beiden Waldarbeiter waren immer noch da und schauten aus einer gewissen Entfernung zu. Förster Uwe Marek stand bei ihnen und hatte uns den Rücken zugewandt. Der Anblick des Toten war immer noch zu viel für ihn.
„Könnt ihr uns helfen?“, rief ich der Gruppe zu. Die beiden Waldarbeiter nickten und kamen herüber, Marek nicht.
„Wir sehen uns in einer Stunde“, rief ich ihm zu. „Ich komme zu Ihnen nach Hause?“
Er nickte wortlos und ging davon.
Hinter den Büschen hörte ich Motorenlärm, danach das Schlagen von Türen. Der Leichenwagen war eingetroffen.
Leni hatte sich richtig in den Fall hineingearbeitet und im Prinzip arbeiteten wir gut zusammen, auch wenn uns die weibliche Logik ab und zu auf intellektuelle Distanz brachte.
Wer der Ermordete war, konnte schnell ermittelt werden. Sein Name war Wilhelm Rietmaier. Er wohnte laut Einwohnermeldeamt seit drei Jahren fest in Forstenau, war dort geboren und hatte sich irgendwann in jungen Jahren nach Frankfurt weggemacht. Das Haus, in dem er lebte, hatte seinen verstorbenen Eltern gehört. In den Jahren, bevor er sich in Forstenau niederließ, hatte er das Haus sozusagen als Urlaubssitz genutzt und in den Sommermonaten für einige Wochen darin gelebt. Um seine Person rankten sich zahlreiche Storys, die wir in den nächsten Tagen zu beleuchten hatten. Obwohl auch ich hier lebte, sagte mir die Person des Toten nichts. Noch nicht.
Die Leiche wurde vom Tatort unmittelbar in die Gerichtsmedizin nach Trier gebracht, wo sie von der Staatsanwaltschaft bis auf weiteres beschlagnahmt wurde.
Mit Gerichtsmedizin ist nichts Anderes gemeint als ein Raum neben der Leichenaufbewahrung des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder, der alles beherbergte, was zur Leichenöffnung benötigt wurde. In einem Kühl-fach in diesem Raum wartete Rietmaier unter Verschluss darauf, der Welt Auskunft über seinen Tod geben zu können.
Das würde voraussichtlich erst an einem der folgenden Tage sein, denn das Pathologen-Team musste erst von der Staatsanwaltschaft angefordert werden und kam vermutlich aus Mainz, wo sie in einer Klinik ihrer schaurigen Arbeit nachgingen.
So wussten wir also die genaue Todesursache noch nicht. Doch die Ermittlungen würde das nicht beeinträchtigen, denn dank Dr. Kämmerlein wussten wir zumindest, wie der tödliche Stich ausgeführt worden war.
In der Ferne vernahm ich ein Klingeln. Zum Glück hatte ich den Vibrator meines Handys in der Hosentasche auf „on“ gestellt, der mir mitteilte, dass es sich um mein eigenes handelte. Ja, ja, das Alter, die Ohren!
„Spürmann“, meldete ich mich, nachdem ich das Handy zwischen Taschentuch und Autoschlüsseln aus der Hosentasche genestelt hatte.
„Hallo Spürnase, wo treibst du dich herum?“, fragte die Stimme am anderen Ende der Leitung. Es war Lisa, die ich ganz vergessen hatte. Lisa Bauer war meine neue Flamme, und das schon seit acht Monaten. Jung, oder besser gesagt, jugendlich mit ihren 28 Jahren, attraktiv, blond, mit langen Beinen. Ich war gerne mit ihr zusammen. Sie hörte mir zu, wenn ich mir mal irgendwelche Dinge von der Seele reden musste. Und sie verstand es immer wieder, mich danach erneut aufzubauen.
„Ich versuche schon seit heute Morgen, dich zu erreichen. Ich vermisse dich.“
„Das kann heute noch dauern, Lisa, der Mord in Waldhausen, weißt du“, sagte ich und dachte daran, dass ich in den nächsten Tagen wohl kaum oft mit Lisa zusammen sein würde. „Ich vermisse dich auch. Wenn das hier vorbei ist, verspreche ich dir...“
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