„Aber ...“
Wittenstein hatte bereits aufgelegt und dieses Mal konnte ich mir das Grinsen in seinem Gesicht genau vorstellen.
Dass gerade ich zum Tatort gerufen wurde, hatte seinen guten Grund. Ich hatte Bereitschaft an diesem Wochenende, nach Dienstschluss, versteht sich, in meiner Wohnung, in Forstenau, oder dort, wo ich mich gerade befand und über Handy zu erreichen war. Üblicherweise wurden noch einige Kollegen zu einer Kommission abkommandiert, doch heute schien man sich das anders überlegt zu haben. Es hatte sicherlich damit zu tun, dass ich in der Nähe des Fundortes des Toten wohnte. Wo man auch nur einige Cent einsparen konnte, da tat man dies auch.
„Ich lasse Ihnen eine Kollegin zukommen… eine Neue“, hörte ich Wittensteins Stimme immer noch in meinem Kopf. „Das hat mir gerade noch gefehlt. Weiber an die Front. Wahrscheinlich so ein junges Ding, gerade von der Polizeischule. Und dann mit mir gemeinsam zu neuen Taten. So hat er sich das also vorgestellt.“
Ich seufzte und lenkte meine Gedanken wieder nach vorne. Der beschriebene Weg wurde holpriger. Mein alter Opel Astra Kombi, Baujahr 1991, ging sprichwörtlich in die Knie. Die Stoßdämpfer. Der nächste TÜV-Termin würde mich zur Reparatur auffordern oder mich zwingen, mich von ihm zu trennen. In der Ferne sah ich die Dächer von Waldhausen, einem der Nachbarorte von Forstenau.
Ein paar hundert Meter weiter bemerkte ich eine männliche Person, die mir gestikulierend zuwinkte. Es war ein Waldarbeiter, den man, wie ich später erfuhr, als Erkennungsposten für mich abgestellt hatte.
„Sie können hier nicht weiterfahren“, sagte der Mann, der einen arg strapazierten grünen Overall und eine verwaschene Jeanskappe trug, im Hochwälder Platt, was so viel hieß, dass ich meinen Wagen hier abstellen sollte. In der Hand hielt er einen großen Weidenstock.
„Wir müssen zu Fuß weiter.“
Nach dieser Information sah mich der Mann von oben bis unten an.
„Sind Sie der Kripomann?“
Ich nickte. Ich verstand den Dialekt des Mannes gut, denn ich war in diesem Teil des Hunsrücks, dem Osburger Hochwald, geboren und aufgewachsen. Hier kannte ich jeden Stein, die meisten Menschen und sprach demzufolge auch ihren Dialekt.
„So was hab‘ ich in meinem ganzen Lewen nicht gesiehn“, sprudelte es nun aus dem Mann heraus. „So etwas Schreckliches!“
Ich gab ihm keine Antwort und stellte auch keine Fragen. Das hatte Zeit bis später. Ich wollte einfach weiter und war gespannt, was mich erwartete.
„Noch weit?“ fragte ich nach einigen Minuten. Die Zweige schlugen mir ins Gesicht.
„Wir sind gleich. Eine Frau von der Kripo und noch zwei Männer sind auch schon da.“
Wer die „Frau“ war, konnte ich mir denken. Wenn es denn sein muss, nun gut, dann hinein ins Vergnügen, sagte ich mir und kämpfte mich hinter dem Waldarbeiter durch das Gestrüpp und gegen die zurückschlagenden Äste an.
Dann sah ich das, was mir in Zukunft einige schlaflose Nächte bereiten sollte. Auf einer kleinen Lichtung hatte sich eine Menschengruppe versammelt. Fünf Personen insgesamt, wenn man von den lebenden spricht. Da waren zwei Kollegen vom Erkennungsdienst, die sich in einem weißen Papier ähnlichen Overalls wie Schneehasen ausmachten, ein weiterer Mann in Arbeitskleidung, offensichtlich noch ein Waldarbeiter, eine junge Frau, die ich später noch zur Genüge kennen lernen sollte und der mir bekannte Förster Uwe Marek, der zusammengekauert auf einem Baumstamm saß, den Blick kaum in die Höhe wagend.
Mein Hinzukommen hatte die Gruppe gerade mal mit einem flüchtigen Blick registriert, außer Marek, der schien mich nicht zu bemerken.
Mein Blick glitt dorthin, wo alle hinschauten und ich muss sagen, ich erschrak, denn ein solcher Anblick ist mir bisher gottlob erspart geblieben.
Stellen Sie sich Jesus am Kreuz vor und tauschen Sie das Kreuz mit einer gerade gewachsenen Eiche. Zwei untere Äste bilden den Querbalken. Vergessen Sie die Nägel, denn die ersetzten einige Stücke Klebeband, und stellen Sie sich eine Rolle Gatterdraht vor.
Ich weiß, das klingt alles etwas wirr. Kein Wunder.
Irgendjemand hatte an dieser Eiche einen völlig entkleideten Mann, ich schätze ihn auf etwa vierzig bis fünfundvierzig Jahre, an den Handgelenken und den gestreckten Oberarmen mit Klebeband an den einzigen seitlichen Ästen links und rechts der Eiche festgezurrt. So war ein Abrutschen auf den Waldboden unmöglich geworden. Vor den Mann war ein etwa zwei Meter hoher grobmaschiger Gatterdraht, offensichtlich ein Abfallstück, das aufgrund der Waldarbeiten angefallen war, gespannt und ebenfalls mit Klebeband am Baum befestigt worden, so dass es den Anschein hatte, der Mann blicke aus einem Gefängnisfenster. Mit dem Unterschied: Der Mann konnte nicht mehr blicken. Der Mann war tot!
Jetzt wusste ich auch, was der Waldarbeiter sagte, als er meinte, so etwas Schreckliches habe er noch nie gesehen. Ich konnte ihn verstehen.
Der gesamte Oberkörper des Toten war mit breiten und tiefen Schnittwunden versehen, wie man sie aus alten Ritterfilmen kennt. Weit klaffend waren sie blutleer und man konnte teilweise die Rippen am Oberkörper und die Knochen an den betroffenen Armen sehen.
„Kollege Spürmann!“
Ich schüttelte kurz den Kopf, um wieder auf den Boden dieser Welt zu kommen. Neben mir stand Heinz Peters, Kollege von der Kriminaltechnik, mit dem ich schon viele Einsätze ‚gefahren’ hatte.
„Wir sind fertig mit der Spurensuche“, sagte Peters. „Ich gebe dir den Bericht rein. Die Kleidung des Toten scheint nicht hier zu sein, wir haben sie jedenfalls bislang nicht gefunden. Vielleicht vergraben, oder aber auf andere Art und Weise entsorgt. Vielleicht kann die Hundestaffel etwas finden. Ach ja, wir haben noch etwas gefunden. Hier, bitte sehr. Hoffentlich nützt es dir?“ Peters drückte mir einen kleinen Gegenstand in die Hand. „Hat direkt neben dem Toten gelegen. Kollege Müller 1 hat es gefunden.“ Im Weggehen drehte er sich noch einmal um.
„Müller 1 und Klaus Gehweiler von der Polizeiinspektion Hermeskeil waren als erste am Tatort und haben den ersten Angriff durchgeführt. Den Bericht wirst du im Laufe des Tages per Fax erhalten. Der Arzt hat den Toten schon untersucht. Er wird gleich kommen. Hat sich eben mal kurz in die Büsche geschlagen.“
Ich hatte jetzt keine Zeit, mich um den Fundgegenstand in meiner Hand zu kümmern und steckte ihn in meine Jackentasche. Der Doktor kam zwischen den Bäumen hervor und steuerte auf mich zu. Mein erster Eindruck war: Louis de Funès! Ein kleines Männchen mit schmalem Gesicht und kurzen Beinen steuerte auf mich zu. Ein bleiches Gesicht mit einer Halbglatze, die fast zu einem wurden, wären da nicht die Augenbrauen gewesen. Der rechts und links verbliebene Haaransatz war bis auf wenige Zentimeter gestutzt. In seinem Anorak verschwand der Oberkörper des Männchens fast gänzlich, um ab dem unteren Körperdrittel wieder in Form zweier dürrer Beinchen, die in einer Cordhose steckten, zu erscheinen.
„Sind Sie der zuständige Beamte?“ fragte das Männlein.
„Ja, bin ich“, sagte ich und überlegte, warum ich den Mann nicht kannte. Er schien meine Gedanken zu erraten.
„Kämmerlein, Dr. Julius Kämmerlein“, stellte sich das Männchen vor.
„Spürmann, Kriminalhauptkommissar Heiner Spür-mann“, hörte ich mich, den Mann nachäffend, sagen.
Dann versuchte ich, den der Situation entsprechenden Ernst walten zu lassen.
„Also Doktor, was können Sie mir verraten?“
Das Männchen zog einen kleinen Block mit Notizen aus seiner Jackentasche.
„Männlich, etwa 45 Jahre alt, 185 cm groß, muskulös…“
„Doktor!“ Ich wurde ungeduldig.
„Ja, Entschuldigung. Ich weiß, worauf Sie warten. Also, der Mann ist seit etwa 10 Stunden tot, vielleicht auch elf oder 12. Die Leichenflecke und die Absenkung des Blutes in seinen Unterkörper…“
Читать дальше