Viral hatte sich in eine kniende Position begeben, hielt seinen Kopf gesenkt und blickte unterwürfig zu Boden während er von den beiden Vampir-Frauen erzählte, die den Weg zu ihm gefunden hatten.
Als er seinen Bericht beendet hatte, herrschte Stille. Nur das leise Zischen der Flammen war zu vernehmen. Er wartete voller Ungeduld, doch er wagte nicht seinen Blick zu erheben.
Schließlich vernahm er die Stimme des Meisters: »Sie waren alleine? Es war kein Mann bei ihnen?«
Viral nickte. »Die Frauen waren alleine, es war niemand bei ihnen.«
»Wie sind ihre Namen?«
»Cordelia und Eleonora.«
Wieder blieb es merkwürdig still.
»Hör mir nun gut zu«, vernahm er aus den Flammen, »die eine von ihnen, Cordelia, hat einen Bruder, Dorian. Sie soll ihn hierher bringen, dann erkläre dich damit einverstanden, dass du das Tor zur Vorwelt öffnen wirst. Sind sie alle hier im Kloster, dann bringst du sie jedoch in diesen Kellerraum.«
Die Flammen zischten noch einmal auf, von irgendwoher erklang ein Brausen, dann war das Feuer erloschen und der Meister verschwunden.
Viral hob zaghaft den Kopf, doch um ihn herum starrte nur kalte Finsternis.
Er verließ, das Gewölbe und begab sich zurück in die oberen Räume des Klosters. Er hatte den Befehl deutlich verstanden und würde genau so verfahren, wie der Herr ihm befohlen hatte.
Als am nächsten Tag die beiden Frauen wieder bei ihm erschienen waren, begrüßte er sie freundlich. Er kochte ihnen Tee aus wohlschmeckenden Kräutern und genoss ihre gespannte Erwartung, zu erfahren, ob er ihrer Bitte nachkommen würde.
Er musste sich ein boshaftes Lachen verkneifen, als er ihre freudige Reaktion sah, mit der sie seine Entscheidung das Tor zu öffnen, begrüßten.
Als er seine Bedingung nannte, dass der Bruder der blonden Vampirin, Dorian, hierher kommen sollte, reagierte Cordelia gelassen. Sie verzichtete darauf, weitere Fragen zu stellen.
Ihre Begleiterin Eleonora, sah ihn jedoch prüfend an. Sie schien misstrauisch zu sein. Viral lächelte unschuldig und entschuldigte sich damit, dass es Zeit zum Gebet war.
Er begleitete die Beiden hinaus. Viral klopfte sich im Geiste selbst auf die Schulter und gab sich dem erbaulichen Gefühl hin, seinem Herrn gut gedient zu haben. Das war seine Art von Gebet.
Siegbert war mit Viral sehr zufrieden.
Der einfältige Mönch dachte, er würde einen dunklen mächtigen Dämon anbeten, der ihm zu Reichtum und Einfluss verhalf.
Er hatte keine Ahnung, dass Siegbert nur ein sehr begabter Hexer-Dämon mit eigenen Interessen war. Siegbert ließ ihn in seinem Aberglauben.
Dorian konnte zu einem gefährlichen Gegner für ihn werden.
Es war für seine Zwecke besser, wenn der Vampir nicht in der Welt der Menschen blieb. Er wollte ihn lieber in der Vorwelt haben, wohlwissend, dass er von dort nicht mehr wegkonnte.
Aus gutem Grund hatte er einst vor vielen Jahren Abt Vlad Zapos angewiesen einen Ritualraum im Kloster zu schaffen. Dieser Raum war durch zahlreiche dunkle Zeremonien dafür präpariert worden, ein Höllenloch zu werden.
Im Gegensatz zu einem Weltentor, das von beiden Seiten unter gewissen Voraussetzungen passierbar war, war ein Höllenloch nur dazu bestimmt, jemanden in die Vorwelt zu holen.
Er würde Dorian durch dieses Loch, in die Hölle befördern.
Offenbar hatte Dorian, Cordelia in einen Vampir verwandelt. Sonst würde sie wohl kaum noch leben, nach all den Jahren.
Die andere, Eleonora, war Siegbert unbekannt. Wahrscheinlich eine Freundin von Cordelia. Sie war unwichtig für ihn.
Cordelia sollte ebenfalls aus dem Weg geschafft werden.
Siegbert wollte die Welt beherrschen.
Das letzte das er brauchen konnte, war ein verwöhntes Weibchen, das schmachtend an ihm hing. Er hatte nicht so viel Wissen gesammelt, so viel gelernt, so viel Macht erworben, nur um in gefühlsduseliger Zweisamkeit mit einer Frau zu leben, die ihm rein gar nichts bedeutete.
Ihr Tod würde ihm größeren Nutzen bringen, denn ihr Blut ermöglichte ihm, die Vorwelt zu verlassen.
Dass er jeden einzelnen Tropfen davon brauchte und sie damit endgültig ihrer Existenz berauben würde, störte ihn nicht im Geringsten.
Eleonora fühlte sich in der schäbigen kleinen Pension keineswegs wohl, doch sie zog diese Unterkunft dem Kloster bei Weitem vor. Schon weil es einfacher war, in dem kleinen abgeschiedenen Dorf ihren Blutdurst zu stillen, als an dem Ort, an dem die Mönche lebten.
Eleonora hatte erkannt, dass hier in Rumänien das Blut- Trinken generell nicht so einfach war, wie in anderen Ländern. Die Menschen waren gewohnt, an die Existenz von Vampiren zu glauben und sie waren auf der Hut.
Überall hingen Amulette, Kreuze und Knoblauch und obwohl all das einen Vampir nicht fernhielt, fühlte sich Eleonora dennoch merkwürdig beklommen.
Das Kloster selbst war ein noch düstererer Ort, als das kleine Dorf am Fuß des Berges. Eleonora war dort direkt unheimlich zumute. Sie spürte instinktiv die Aura des Bösen, die davon ausging.
Bei ihrem ersten Besuch vor über 100 Jahren, hatte sie das nicht so empfunden. Doch sie wusste nicht, ob sie damals nur einfach zu traurig und zu unglücklich gewesen war, um die bedrückende Atmosphäre wahrzunehmen.
Als sie ihre Bedenken Cordelia gegenüber erwähnte, tat die es mit einem trotzigen Schulterzucken ab. Was kümmerten sie mögliche Gefahren? Sie war endlich am Ziel. Sie hatte einen Weg in die Vorwelt gefunden, und Mönche, die das Weltentor für sie öffnen konnten.
Unbekümmert war sie losgezogen, um Dorian zu holen, dessen Erscheinen Bedingung der Mönche für ihre Hilfe war. Eleonora war nachdenklich zurückgeblieben. Sie traute den Mönchen, allen voran Abt Viral, nicht über den Weg.
Ihrer Meinung nach, verfolgten sie dunkle Ziele.
Sie konnte sich genau an christliche Symbole und Zeremonien erinnern, wenn sie auch schon lange kein Bestandteil ihres Lebens mehr waren. In dem alten Kloster vermisste sie den Geruch von Weihrauch und die Existenz von Kruzifixen. Die gesamte Atmosphäre war ihrer Meinung nach wenig religiös.
Eleonora war als Katholikin geboren worden. Sie kannte sich nicht aus mit dem orthodoxen Glauben. Vielleicht unterschied er sich in Vielem von den vertrauten Symbolen ihres Glaubens. Dennoch. Sie konnte ihr Unbehagen nicht abschütteln.
Es war Abend geworden und dämmerte bereits, als sie aus ihren Grübeleien gerissen wurde.
Das Geräusch von Schritten und Stimmen drang aus dem Flur. Ihr feines Gehör erkannte Dorians Stimme und freudig öffnete sie die Tür.
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