Er berichtete davon, wie ein Mensch nach vielen tausend Jahren das Grab, in dem er gefangen war, geöffnet hatte und er daraus entkam. Fast wäre er tatsächlich frei gewesen, doch bevor das geschehen konnte, kam der Shargaz, der goldenen Göttin und er landete wieder hier in der Hölle.
Als er seine Geschichte beendet hatte, breitete sich Stille aus, in der nur das Prasseln des Feuers zu hören war. Die Stille dauerte so lange an, dass er überlegte ob er es wagen konnte seinen Kopf zu heben und seinen Herrn anzuschauen. Fast wollte er es tun, als er Corbinians Stimme vernahm.
»Anscheinend ist heute dein Glückstag. Du darfst noch eine Weile dein armseliges Dasein fristen.«
Corbinian schnippte mit den Fingern und aus der Dunkelheit hinter ihm traten zwei gesichtslose Kreaturen in schwarzen Kutten, die Dheros ergriffen und auf die Beine stellten. Der Yak ließ den Kopf noch immer gesenkt und wagte nicht Corbinian anzuschauen. Schlaff vor Erleichterung hing er in den Armen seiner Bewacher und ließ sich widerstandslos wegschleifen.
Sie warfen ihn in ein steinernes Verlies und die schwere Eisentür fiel krachend hinter ihm zu. Er konnte hören, wie ein massiver Riegel vorgeschoben wurde. Kraftlos ließ er sich zu Boden sinken.
Er war seinem endgültigen Tod vorerst entgangen. Wieder war er ein Gefangener. Aber er lebte noch und das war ihm im Moment genug.
Corbinian grübelte über das nach, was der Yak erzählt hatte. »Sie schickt also einen Shargaz, für diesen Dummkopf. Und bitte seit wann gibt es wieder Vampire in der Menschenwelt? Und warum in drei Teufels Namen arbeiten die mit einer Gesandten des Lichts zusammen?«
Loredana zuckte wieder die Schultern. »Keine Ahnung? Sollte uns das interessieren? Warum tötest du diesen Idioten nicht?«
Corbinian schüttelte tadelnd den Kopf und schnalzte mit der Zunge. »Du bist zwar meine Schwester, aber Verstand wurde anscheinend nur mir zuteil.«
Sie presste verdrossen die Lippen aufeinander, erwiderte aber nichts.
»So ist es an mir nachzudenken und kluge Entscheidungen zu treffen, du hast nur zu gehorchen.« Corbinian sonnte sich gerne in seiner Eitelkeit.
»Hinter der Rückkehr des Yaks steckt mehr, das kann ich förmlich riechen. Offenbar blieben die Vampire ungeschoren, sonst hätten sie dem Shargaz nicht geholfen. Ich frag mich warum. Und warum sind ein Shargaz der goldenen Göttin und ein Vampir plötzlich Freunde? Nein, nein Schwester, glaub mir! Das stinkt gewaltig.«
»Ja, mag sein. Was kümmert es uns? Und warum lässt du Dheros am Leben? Er hat dir doch schon erzählt, was er weiß.«
Corbinian stand mit Schwung von seinem Thron auf und umkreiste seine Schwester. Sie fühlte sich nicht wohl dabei und warf ihm einen missbilligenden Blick zu.
»Mich kümmert es, denn ich bin weise und klug.« Loredana verdrehte ihre Augen, wegen seiner Selbstherrlichkeit.
»Dheros lebt noch, weil ich ihn vielleicht noch gebrauchen kann.«
Er blieb vor ihr stehen und tippte ihr mit ausgestreckten Finger auf die Schulter.
»Du hast jedoch eine Aufgabe: Finde heraus, wer dieser Vampir ist, den der Shargaz bevorzugte. Mal sehen, ob die goldene Göttin ein Interesse an ihm hat. Das wäre ja geradezu ein Lichtvampir. Diese Bezeichnung gefällt mir – der Vampir des Lichts.«
Er lächelte selbstgefällig über seinen gelungenen Einfall, dem Vampir einen widersprüchlichen Titel verliehen zu haben.
Loredana verdrehte kopfschüttelnd hinter seinem Rücken die Augen.
Die Vampire verließen, den kleinen Ort am Harzhorn ohne Bedauern. Cordelia hatte befürchtet, Rüdiger wieder zu begegnen, doch sie erfuhr, dass er und Mona ebenfalls abgereist waren.
Sie war erleichtert, ihren Bruder Dorian noch anzutreffen, da sie unbedingt seine Unterstützung brauchte, um dem Ziel ihrer Sehnsüchte nahe zu kommen. Die Mönche in dem rumänischen Kloster, waren sehr bestimmt gewesen, was seine Anwesenheit betraf.
Sie fuhren mit dem Zug nach Frankfurt und bestiegen dort das Flugzeug nach Bukarest. Von Bukarest aus würden sie einen Wagen nehmen und zu dem kleinen Dorf unterhalb des Klosters fahren, wo Eleonora sie erwartete. Zu dritt wollten sie dann die Mönche aufsuchen.
Cordelia begann Dorian zu erzählen, was sie in Rumänien herausgefunden hatte.
»Das Kloster liegt sehr abgeschieden auf einem Berg und die Mönche dort sind seit Generationen damit beschäftigt, ein Weltentor zu hüten. Es kostete eine Menge guter Worte und Geldspenden, um überhaupt ansatzweise aus ihnen heraus zu bekommen, was sie wussten.« Cordelia verzog ihr Gesicht zu einer säuerlichen Miene.
»Gegen Gedankenmanipulation sind sie erstaunlicherweise immun, gegen die Macht der baren Münze zum Glück nicht«, fügte sie grinsend hinzu. »Jedenfalls haben sie uns schließlich anvertraut, dass es eine Möglichkeit gibt, das Weltentor zu öffnen. Hier kommst jedoch du, mein Bruder, ins Spiel. Ihre Bedingung war, dich zu ihnen zu bringen, sonst wollen sie uns nicht dabei behilflich sein, den Weg in die Vorwelt zu öffnen.«
Dorian hörte ihr nachdenklich zu und sah sie bei ihren letzten Worten misstrauisch an. »Warum bestehen sie darauf, dass ich zu ihnen komme? Woher wissen sie überhaupt von meiner Existenz?«
Cordelia zuckte die Schultern. »Keine Ahnung, doch es schien ihnen außerordentlich wichtig zu sein.«
Dorian dachte nach. Was konnten Mönche in einem abgelegenen Kloster von ihm wollen? Ihm fiel keine schlüssige Erklärung darauf ein. Doch was hatte er schon großartig zu verlieren? Er war unsterblich, er war stärker als jeder Mensch und sie hatten einen Eingang zur Vorwelt, die angeblich in die Götterwelt führte. Sie wollten, dass er kam und er wollte zu ihnen, um in die Götterwelt zu gelangen.
Denn in der Götterwelt war sie. Inoa. Das Einzige wonach er sich schmerzlich sehnte, war ihre Nähe. Jeder Schlag seines Herzens schien ihren Namen zu rufen. Ihm war jedes Mittel recht, den Weg zu ihr zu finden.
Seine Gedanken schweiften zurück zu jenem Augenblick, in dem er sie wiedererkannt hatte, bevor er sie nach einem bittersüßen Kuss wieder verlor. Der Schmerz erzeugte einen unglaublichen Druck auf seiner Brust, sodass er mehrmals tief durchatmete, in der Hoffnung ihn so abschütteln zu können.
Cordelia warf ihm einen Blick zu und erkannte, was in ihm vorging. »Du wirst sie wiedersehen«, flüsterte sie tröstlich und drückte seine Hand. Leise fügte sie hinzu: »Und ich werde Siegbert wiedersehen.«
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