Sie verstand ihn so gut, weil auch sie ihre große Liebe, Siegbert, verloren hatte. Sie waren beide durch ein ähnliches Schicksal vereint, wobei Dorian sich eingestehen musste, dass er an ihrem Schicksal große Mitschuld trug.
Dorian war froh seine Schwester bei sich zu haben, denn niemand verstand seine Seelenqualen so gut wie sie. Nur sie hatte ihn gekannt, als er noch ein Mensch war, nicht ein übermächtiges unsterbliches Wesen, sondern einfach ihr geliebter großer Bruder, der sie verwöhnte und mit dem sie stets innig verbunden war.
Dorian lächelte ihr zu. »Wer hat dir erzählt, dass der Weg durch die Vorwelt in die Götterwelt führt?«
»Der Abt dieses Klosters, in das wir nun fahren.«
Ihre Anspannung war für Dorian fühlbar und er wusste, dass sie darauf brannte, endlich zu erreichen, was sie so unermüdlich versuchte.
Cordelias Augen waren voll Zuversicht. Sie war diesmal sicher den Weg, in die Vorwelt zu finden, um wieder mit Siegbert vereint zu sein, der dort so lange schon gefangen war.
Dorian fürchtete jedoch insgeheim, dass sie ihr Ziel nicht erreichen würde. Siegbert befasste sich zwar mit Hexerei, doch er war kein unsterbliches Wesen, sondern ein Mensch, als er vor über 200 Jahren in der Vorwelt verschwand. Rein physiologisch musste er längst tot sein.
Der Zug ratterte dahin und sie dösten ein wenig ein, in dem einlullenden Gerüttel. Die Zeit verging schnell und ehe sie sich versahen, waren sie in Frankfurt angekommen. Dort nahmen sie ein Taxi zum Flughafen.
Sie checkten ein und während sie auf das Boarding warteten, stillten sie ihren Blutdurst an einigen ahnungslosen Reisenden. Sie verhielten sich dabei unauffällig, brachten keines ihrer Opfer um, sondern tranken in Maßen von ihnen. Danach manipulierten sie ihre Erinnerung, sodass sie nichts mehr davon wussten.
Frisch gestärkt sassen die Geschwister schließlich angeschnallt auf ihrem Flug nach Bukarest und als das Flugzeug abhob, verspürte Dorian neugierige Vorfreude auf dieses abgeschiedene Kloster mit seinen ungewöhnlichen Mönchen.
In Bukarest nahmen sie sich einen Wagen und Cordelia drängte darauf, dass sie trotz der vorgerückten Stunde losfuhren. Es waren 2,5 Stunden bis zu dem Kloster und sie wollte es noch schaffen, am selben Tag dort anzukommen.
Sie konnte es nun kaum erwarten, endlich ihr Ziel zu erreichen. So viele Jahre hatte sie darauf gewartet, einen Weg zu ihrem geliebten Ehemann, Siegbert zu finden. Jetzt war die Erfüllung ihrer Sehnsüchte zum Greifen nahe.
Auf der kurvigen Straße musste Dorian etwas Tempo zurücknehmen und sie erblickten, eine kleine Raststätte mit einer Tankstelle.
Dorian warf ihr einen fragenden Seitenblick zu, ob er anhalten sollte, doch sie schüttelte energisch den Kopf.
Cordelia sah flüchtig zu der Tankstelle und ihr Herzschlag setzte für einen Moment aus, als sie meinte den Mann zu erkennen, der dort lässig an sein Auto gelehnt, eine Zigarette rauchte.
Rüdiger! Es musste Rüdiger gewesen sein, oder ihre überreizten Nerven spielten ihr einen Streich und sie sah ihn schon in wildfremden Menschen. Beide Möglichkeiten beunruhigten sie.
Wenn sie in Fremden Rüdiger zu sehen glaubte, so hieß es, dass er ihre Gedanken weit mehr beschäftigte, als ihr lieb war. Wenn er es wirklich gewesen war, umso schlimmer. Dann würde er keine Ruhe geben, bis er sie eingeholt und von ihrem Vorhaben abgebracht hatte.
Unruhig rutschte sie auf ihrem Sitz herum.
»Bist du so nervös, wegen Siegbert oder wegen Rüdiger?« Dorians Stimme klang sarkastisch.
Cordelia schluckte und warf ihm einen ängstlichen Blick zu. »Hast du ihn gesehen? War er das eben an der Tankstelle?«
Dorian zuckte lässig die Schultern. »Schon möglich. Ich habe nicht so sehr darauf geachtet und mir ist es auch gleichgültig, ob er es war.«
Cordelia atmete tief ein und wieder aus. Sie hatte seinen tadelnden Unterton bemerkt, wollte jedoch nicht näher darauf eingehen. Sie wusste, dass Dorian ihr die Passion für Rüdiger, den er verabscheute, übel nahm.
Zudem hatte sie sich geschworen Rüdiger zu vergessen. Ihr Stolz verbot ihr jedoch, das ihrem Bruder mitzuteilen. Sie sah keinen Grund, sich zu rechtfertigen.
So fuhren sie schweigend weiter und als die Dämmerung hereinbrach, erreichten sie das kleine Dorf über dem mächtig, dunkel und bedrohlich, das alte baufällige Kloster thronte.
Rüdiger war übellauniger als je zuvor. Er hasste den stinkenden überfüllten Zug. Er hasste die übel riechenden verschwitzten Menschen, deren Blut nach Alkohol schmeckte und die ihn ungeniert anrempelten und anpöbelten.
Er tötete zwei der Reisenden, die ihn besonders geärgert hatten, indem er ihr Blut bis zum letzten Herzschlag aus ihren Adern saugte. Danach warf er sie aus dem fahrenden Zug.
Mona bat ihn eindringlich um mehr Gelassenheit, denn die Beamten, welche an jedem Bahnhof die Reisenden kontrollierten, stellten bohrende Fragen.
Er konnte sie nicht alle töten oder ihre Gedanken manipulieren und so biss er wütend die Zähne zusammen und beherrschte sich.
Bei jedem Halt stieg Mona aus und erkundigte sich an der Information, ob jemand Cordelia oder Eleonora gesehen hatte. Sie hielt Ausschau, nach Leuten, die ihre Hälse verhüllt trugen, doch sie entdeckte nichts dergleichen. Sie kehrte stets mit dem gleichen Ergebnis zurück: Die Beiden waren wie vom Erdboden verschluckt.
Schließlich kamen sie in Bukarest an. Der Lärm und die Menschenmassen, die in alle Richtungen hasteten, hoben Rüdigers Laune nicht im Geringsten. In einem kleinen schmuddeligen Cafe am Bahnhof überlegten sie, wie sie weiter vorgehen wollten.
»Wie viele Klöster gibt es hier im Umkreis? Wir klappern sie einfach alle ab. Wenn wir keine Spur von ihnen finden, dann überlegen wir weiter.«
Monas Plan war nicht schlecht, würde aber Zeit kosten.
Rüdiger war nicht für seine Geduld bekannt, doch ihm fiel auch nichts Besseres ein. Er nickte und Mona breitete eine Landkarte auf dem Tisch aus. Sie nahm einen Stift und begann die Klöster einzukringeln, die rund um die Stadt auf einem Berg lagen. Es waren drei.
»Besorg uns einen Wagen. Ich habe Mitreisende satt«, wies Rüdiger sie mürrisch an.
Mona machte sich auf den Weg, und kam mit einem klapprigen Lada zurück. Rüdiger schüttelte missbilligend den Kopf und quetschte seinen langen Körper in die Rostlaube. Mona fuhr und Rüdiger gab mit der Karte in der Hand die Richtung an.
Sie verließen die Stadt und fuhren auf schlechten Straßen voller riesiger Schlaglöcher, durch kleine Dörfer mit unaussprechlichen Namen. An einer Tankstelle im Nirgendwo, hielten sie an, um ihren Blutdurst zu stillen.
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