»Wir sind nicht deine Sklaven, scher dich selbst um deine Angelegenheiten«, erhielt er zur Antwort.
Er war wütend, doch es blieb ihm nichts anderes übrig, als den neuerwachten Vampir selbst in eine Kammer zu schleifen. Die Hexen hatten keinen Respekt vor ihm, und er hatte keine Macht über sie.
Er war von den Machthabern der Vorwelt nicht ausersehen Anführer der Hexen zu sein und die Gesetze, die hier herrschten, erlaubten ihm nicht, mächtiger zu sein, als die Anderen. Welche Ironie! Er hatte den Hexenmeister völlig umsonst in einen Vampir verwandelt!
Ab jetzt mieden ihn die Übrigen. Sie wollten mit ihm nichts mehr zu tun haben. Er war nun ganz für sich alleine.
Er musste unbedingt einen Weg finden, wieder in die Welt der Menschen zu gelangen. Dort konnte er seinen Hunger nach Macht stillen, denn er war aufgrund seines Wissens und seiner magischen Fähigkeiten, den gewöhnlichen Menschen überlegen.
Es gab noch eine andere Möglichkeit zurückzukehren zu den Menschen, außer seinem ursprünglichen Plan.
Er brauchte ein besonderes Opfer dafür. Einen Vampir, der in der Menschenwelt lebte.
Sein Blut würde der Schlüssel zum Öffnen des Weltentores sein.
Nur benötigte er all sein Blut, sodass es den Vampir sein unsterbliches Leben kosten würde und seinen endgültigen Tod bedeutete.
Sein Entschluss war gefasst. Er würde durch das Opfern eines Vampirs, in die Welt der Menschen zurückkehren.
Siegbert Swann würde nicht ruhen, bis er sein Ziel erreicht hatte.
Der Mond schien nicht in dieser Nacht und das wuchtige Kloster war nur schemenhaft zu erkennen. Düster und bedrohlich ragte es aus dem kahlen Fels empor. Nirgends war ein Lichtschein zu sehen. Zu dieser späten Stunde schliefen die Brüder in ihren Betten im Refektorium.
Das Kloster und seine Mönche waren offiziell rumänisch-orthodoxen Glaubens. In Wahrheit gehörten sie längst einer anderen Glaubensgemeinschaft an, die absolut nichts mehr mit dem Christentum gemeinsam hatte.
Einst waren sie wirklich orthodoxe Mönche gewesen. Bis zu jener fragwürdigen Nacht vor langer Zeit.
Vor über 150 Jahren war ihr Abt Vlad Zapos in einer kleinen Kammer auf eine mit Holz verkleidete Wand gestoßen. Als er sie abklopfte, klang es hohl dahinter. Neugierig geworden, schlich er eines Nachts wieder in die Kammer und begann die Wandverkleidung zu lösen.
Dahinter lag ein Raum, der direkt aus dem steinigen Fels gehauen schien. In dessen Mitte stand ein Altar aus Stein, an dem eiserne Ringe angebracht waren. Offenbar, dafür vorgesehen ein Opfer dort festzubinden. Abt Vlad meinte, bräunliche Spuren an dem Stein gesehen zu haben. Er hatte ein mulmiges Gefühl, doch seine Neugierde siegte.
Auf dem Altar lag, von einer dicken Staubschicht bedeckt, ein altes Buch. Es enthielt seltsame Formeln in einer ihm unbekannten Sprache.
Er nahm das Buch an sich und verschloss den Raum wieder mit der Holzverkleidung. Vlad beschloss, seinen Brüdern vorerst nichts zu erzählen, von dem, was er gefunden hatte. Er wollte zuerst die Bedeutung seiner Entdeckung ergründen.
In aller Verschwiegenheit befasste er sich mit dem Inhalt des Buches, das ihn immer mehr faszinierte. Fast schien es, als würde es von ihm Besitz ergreifen und längst waren ihm seine Gebete und die täglichen Pflichten lästig geworden. Seine Brüder sorgten sich um ihn, denn immer öfter geschah es, dass er sich auch am Tage zurückzog, um das Buch zu studieren.
Vlad kümmerte sich nicht darum. Eines Nachts hatte er sich mit dem Buch in den verborgenen Altarraum zurückgezogen. Murmelnd las er die unbekannten Worte, als plötzlich die Luft zu flirren begann und eine Gestalt erschien. Es war ein Mann mit blonden Locken und blauen Augen. Vlad hielt Ihn für den Erzengel Michael. Der Mann sprach sanft und eindringlich zu Vlad und erzählte ihm, das Zimmer mit dem Altar wäre eine Pforte zum Himmel.
Vlad war überwältigt von der Erscheinung und fragte sogleich, wie er Gott am besten huldigen konnte.
Er sah das nachsichtige Lächeln im Gesicht des vermeintlichen Engels und hörte genau auf dessen Worte, mit denen er dem Abt auftrug einen Raum des Klosters für Rituale vorzubereiten.
Vlad machte sich sofort ans Werk. Er richtete in den Kellergewölben einen Raum ein, der ihm abgelegen und groß genug erschien, um darin Rituale durchzuführen.
Die Erscheinung war zufrieden mit ihm und versprach ihm ewiges Seelenheil. Immer wenn Vlad ein Ritual machte, erschien der blonde Mann und erzählte ihm von Kräutern und ihren Wirkungen. Vlad schrieb alles penibel auf.
Der Mann gab ihm Anweisungen, wie er sein Leben und das seiner Brüder gestalten sollte. Ehe sich Vlad versah, war er absolut abhängig von der Erscheinung und tat nur noch, was der blonde Mann forderte.
Schließlich zwang er auch seinen Brüdern den Willen des Blonden auf und verstieß diejenigen, die nicht mitmachen wollten, bei seinem neuen Kult. Die meisten der Mönche blieben jedoch und folgten Vlads Anweisungen.
Sie gerieten immer mehr in den Bann, des blonden Mannes und es entwickelte sich eine neue Glaubensgemeinschaft, die sie tunlichst vor der Öffentlichkeit zu verbergen wussten.
Der neue Kult hielt sich über all die Jahre. Bis in die heutige Zeit wurden die Riten und Gebräuche stetig ergänzt und vervollkommnet.
Das Kloster war mittlerweile ein Ort, der einen Zugang in eine absolut dunkle Welt barg. Es beherbergte eine Pforte in die Vorwelt, die Hölle. Dieses Tor wurde gehütet von der dunklen Bruderschaft, der die Mönche nun in Wahrheit angehörten.
Der jetzige Abt Viral, saß im spärlichen Schein einer Kerze in seiner kleinen feucht-kalten Kammer, die das kümmerlich prasselnde Feuer im Kamin nicht wirklich zu erwärmen vermochte.
Er fühlte die Kälte nicht. In seinem Inneren hatte sich das warme Gefühl von Triumph und Vorfreude breitgemacht.
Endlich war es ihm gelungen, nicht nur einen Vampir heranzulocken, sondern sogar zwei von Ihnen.
Er hatte ihr Anliegen, das Weltentor zu öffnen, angehört und bereitwillig ihr Geld genommen. Dann hatte er sich Bedenkzeit erbeten, sie fortgeschickt und sie angewiesen, am nächsten Tag wieder zu kommen.
Danach war er die unzähligen feuchten Stufen bis in die tiefsten Gewölbe unter dem Kloster herab gestiegen, hatte den Kreis gezogen, die Kerzen entzündet und seinen Meister beschworen.
Wie immer erschien dieser mit Rauch und Feuer. Demütig hatte sich Viral zu Boden geworfen und nicht gewagt ihn anzublicken bis der Herr das Wort an ihn richtete: »Sprich! Was ist der Grund deines Rufens?«
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