Er war der Nachkomme eines mächtigen Hexengeschlechts, das im Verborgenen seit Jahrhunderten ihre dunkle Magie ausübte.
Nur seine Eltern waren anders gewesen. Sie wollten wie normale Menschen leben und versuchten, jegliches Wissen über Zauberei von ihm fernzuhalten.
Sie ahnten nicht, dass die Erzieherin, die sie für ihren Sohn einstellten, ihrem Wunsch entgegenwirkte. Sie sorgte dafür, dass er sich bewusst wurde, welches Erbe er in sich trug.
Er war über diese Entwicklung nicht unglücklich. Eifrig beschäftigte er sich viele Jahre mit den geheimnisvollen Wissenschaften und versuchte, das Tor zu anderen Welten zu öffnen.
Längst wusste er aus alten Schriften, dass er für einen solchen Zauber Vampirblut benötigte. Doch ganz gleich wie viel er suchte und forschte, es gab keine Vampire.
Bis zu jenem glücklichen Tag, an dem in der eigenen Familie, sein Schwager zu einem wurde.
Heimlich zapfte er ihm Blut ab, um das Ritual zu vollbringen, das ihm ein Tor in eine andere Welt öffnen konnte.
Er gönnte sich seine persönliche Genugtuung, als er den arroganten Einfaltspinsel sogar daran teilnehmen ließ, um ihm die Schmach der Mitschuld, an seinem Verschwinden, aufzubürden.
Selbst jetzt musste er lächeln, bei dem Gedanken daran. Genüsslich stellte er sich das Entsetzen vor, dass er ausgelöst haben musste, als er einfach wie vom Erdboden verschluckt, verschwunden war.
Als er sein Ziel erreichte und in die Vorwelt eingedrungen war, stand er vor einer weiteren Entscheidung. Als lebender Mensch war er nicht dazu ausersehen in der Hölle zu sein.
Der Meister aller Hexen, der ihn recht wohlwollend in Empfang nahm, bot ihm an, seine Seele dieser Welt zu verpfänden. Somit wurde er zu einem Geschöpf der Vorwelt, zu einem Dämon und konnte bleiben.
Ohne zu zögern, nahm er an. Er war nicht so weit gekommen, um jetzt zu scheitern.
Es war ihm nicht schlecht ergangen bei den Hexen. Sie waren neugierig und suchten seine Gesellschaft, wenn auch niemand verstehen konnte, warum er freiwillig in die Vorwelt, die Hölle gekommen war.
Er erklärte es mit seiner Wissbegierigkeit. Er wollte alles lernen, alles erfahren. Er hatte den Ehrgeiz der größte Hexer aller Zeiten zu werden.
Damit löste er Gelächter aus, bei dem Hexenmeister und allen anderen Hexen und Hexern.
»Wissen kannst du hier wohl finden. Lernen kannst du alles, was mit Magie zu tun hat. Doch wo willst du dieses Wissen anwenden? Hier? Magie verleiht dir Macht in der Menschenwelt. Alle Dinge, die du dort begehrst, kannst du mit Magie erreichen. Doch hier sind diese Dinge nicht von Bedeutung.«
Er hatte den Meister verblüfft angesehen. »Dann lerne ich alles und kehre wieder zurück.« Seine Worte lösten wieder schallendes Lachen bei allen Anwesenden aus.
Er sah den Meister fragend an. Der nickte mit spöttischem Lächeln. »Genau das kannst du nicht mehr. Du gehörst jetzt zur Vorwelt. Wer einmal hier ist, bleibt auch hier.«
Er hatte nicht geantwortet, nur still in sich hineingelächelt.
Hier bleiben, für immer? Das kam für ihn nicht in Frage. Er hatte vorgesorgt, indem er bei seinem Übertritt in die Vorwelt den erstbesten Gegenstand den er in dieser Welt erblickte durch das sich schließende Tor in die Menschenwelt warf: Es war ein Dolch. Dass es ein merengischer Dolch war, der Dämonen zu töten vermochte, ahnte er damals nicht.
Er wusste nur, dass er damit einen Platzhalter für seine Existenz in der Menschenwelt verankert hatte. Der Dolch würde ihm ermöglichen wieder in seine Welt zurückzukehren und dort von seiner Macht Gebrauch zu machen.
Doch erst einmal musste er ein mächtiger Hexer werden. Also machte er sich daran alles zu erlernen, zu erfahren, was es an magischem Wissen gab. Es gab eine ganze Menge.
Bei all seiner Gelehrsamkeit fehlte ihm jedoch eine Möglichkeit, das Erlernte praktisch anzuwenden.
Er wusste nun, wie er sich unendlichen Reichtum verschaffen konnte. Es stand in seiner Macht, Liebe für ihn zu erwecken in allen Geschöpfen. Er kannte den Zauber für ewige Jugend und Gesundheit.
Nichts von all dem brauchte er an dem Ort, an dem er sich befand.
Er alterte nicht, denn Zeit war nicht existent. Krankheiten gab es ebenso wenig. Reichtum ergab sich immer nur aus dem Gegenwert von Begehrlichkeiten. Aber er verspürte keine Begierde, etwas zu besitzen. Er hatte auch kein Verlangen nach Zuneigung oder Liebe.
Alles was ihm blieb, war Langeweile. Offenbar war es die größte Höllenqual, denn unter ihr hatten sie alle zu leiden.
Er fand es an der Zeit, wieder in die Menschenwelt zurückzukehren. Doch sein ursprünglicher Plan war vereitelt worden, durch unglückliche Umstände.
Der merengische Dolch, den er in die Menschenwelt geworfen hatte, damit er als Platzhalter für seine Existenz diente, war nun in die Götterwelt gelangt. Er hatte damit seinen Platz in der Welt der Menschen verloren.
Das brennende Verlangen, mächtig zu sein, und zu herrschen war jedoch ungebrochen in ihm. Aber hier gab es fest gefügte Strukturen. Es gab einen Herrn, den Meister der Hexen und keiner von den anderen hätte je daran gedacht, dessen Platz einzunehmen. Sie kannten nur diese Welt und hier stand jeder an dem Platz, der ihm zugeteilt war.
In seinem maßlosen Ehrgeiz, keimte der Wunsch in ihm auf, sich selbst zum Herrscher der Hexen zu machen. Je länger er darüber nachdachte, umso sicherer war er sich: Wenn er schon hier verweilen musste, so wollte er ihr Herr sein. Er wollte über sie herrschen, ihr Gebieter sein, der ranghöchste Hexer!
Er hatte noch einen kleinen Teil des Vampirblutes seines Schwagers, durch das er hierher gelangt war. Er würde den Hexenmeister in einen Vampir verwandeln, so konnte dieser kein Hexer mehr sein.
Denn es war nicht möglich, beides zugleich zu sein. Entweder war man ein Hexer oder ein Vampir.
O ja! Ja er würde sich zum Herrn über Leben und Tod aufschwingen und die Lebensform des Hexenmeisters verändern, um seinen Platz einzunehmen.
Er wartete einen günstigen Zeitpunkt ab, an dem er mit dem Meister alleine war. Unverhofft stürzte er sich auf den Überraschten, flößte ihm das Vampirblut ein und brach ihm das Genick.
Der Meister fiel zu Boden und rührte sich nicht mehr. Die anderen Hexer und Hexen traten zu ihnen und sahen voller Bestürzung auf den Hexenmeister, der reglos dalag.
»Ich bin ab heute euer neuer Meister.« Seine Augen funkelten und er stellte sich breitbeinig vor ihnen auf. Sie zuckten bloß gleichgültig die Schultern und wandten sich von ihm ab.
Er war verblüfft über ihre Reaktion. Als der ehemalige Hexenmeister sich zu rühren begann, befahl er den Übrigen, ihn in eine Kammer zu bringen und dort einzuschließen.
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