Majestätisch und mächtig thront sie vor uns, die kalte Festung des Königs. Kalt wie das Land, wachsam, drohend. Beim Anblick der bewehrten Türme stellen sich mir die Nackenhaare auf.
Im Zentrum von Dracgstadt ragt die Burg des Herrschers auf. Aus grob gehauenem Sandstein erbaut, scheint sie das älteste Stück der Hauptstadt zu sein. In ihren Herzen thront der Bergfried. Hinter den Schießscharten vermute ich Soldaten, genau wie auf den Ecktürmen des Walls – dort kann ich sie sogar gut erkennen. Es gibt keine Kuppeln, sondern nur eine flache Landefläche, die mit dunkelgrün oder blau schimmernden Drachen besetzt ist. Dazu wiederum Soldaten, mit Armbrüsten, Katapulten und Fahnen, die die Abstammung des Königsgeschlechts zeigen. An den Masten weht ein blutroter Drache, in einem Wappen, das zur Hälfte violett, zur Hälfte smaragdgrün gefärbt ist. Der Farbton des Wappentiers entspricht wohl der Moral der Soldaten, denke ich zynisch, doch dann werde ich mir der nahenden Tore bewusst. Aufgebracht, aber vorsichtig, wecke ich Piper, indem ich leise mit ihr rede und sie streichele. Eine Sekunde lässt sie mich ihren verschlafenen Blick genießen, dann schreckt sie hoch und reißt die Augen auf.
„Bin ich eingeschlafen?“ Verwirrt sieht sie sich im Wagen um. Die anderen sind noch da, und es geht ihnen gut. Das scheint sie zu beruhigen.
„Wir sind fast da“, sage ich und ziehe den Vorhang noch ein Stück weiter zurück. „Jetzt fahren wir fast schon einen ganzen Tag …“
„Ein ganzer Tag, der uns fehlt und den Vampiren mehr Vorsprung gibt.“
„Daran können wir nichts mehr ändern. Alles, was uns bleibt, ist der Versuch, sie einzuholen. Aber mit jeder Nacht, die sie uns voraushaben, wird das unwahrscheinlicher …“
„Wir kennen ja nicht einmal den genauen Weg“, murmelt Piper.
Nun drängen sich auch die anderen wieder dicht um den Eingang der Kutsche. Die Silhouette der mysteriösen Stadt – jetzt nur noch in geringer Ferne – beeindruckt uns alle. Sie ist zumindest von außen so trostlos, wie das Land es verspricht, und wir sind gespannt, wie sie aus der Nähe aussieht. Ich hoffe das Beste, aber erwarte das Schlimmste.
Die Pflasterstraße begleitet uns weiter, bis in die Hauptstadt hinein. Und auch der feine Sand folgt ihr; in den Ritzen zwischen den runden Steinen wird er vom Wind hin und her geweht und kommt auf ihr und neben ihr in kleinen Dünen zum Liegen. Es sieht aus, als würde die Natur versuchen, die Stadt zurückzuerobern.
Wir passieren das erste Tor. Links und rechts davon stehen Wachposten mit Drachen, die Clip und den Pferden missmutig entgegenschnauben. Und auch auf dem Tor thront ein Drache aus Obsidian, der uns mit seiner steinernen Klaue droht.
Danach folgen ein breiter Wassergraben und darüber eine befestigte Holzbrücke, die an zwei starken Ketten in wenigen Augenblicken hochgezogen werden kann. Dann wieder ein Tor in einer Mauer. Danach noch ein Graben. Und wieder ein Tor. Die halbe Stadt ist von drei Wällen mit unzähligen Wachtürmen und zwei Gräben umgeben. Die andere Hälfte grenzt an die Felswand. Ich sehe nach oben, um herauszufinden, wie weit es dort hinaufgeht. Gleichzeitig erwäge ich mögliche Fluchtoptionen. Doch die Felsen scheinen bis in den Himmel zu ragen. Dort hoch kommt man wirklich nur mit Drachen. Mit den Mitteln, die die Völker hier haben müssen, erscheint mir die Stadt uneinnehmbar. Wir müssen einen anderen Weg finden, um hier rauszukommen.
Die Seeseite von Dracgstadt formt ein weites Hafenbecken; gleich daneben dehnt sich ein Markt aus, wo die Waren verladen werden. Das Salzwasser lässt man durch rostige Eisentore in der Mauer ein, durch welche auch die Schiffe in den Hafen kommen und ihn nach abgeschlossenem Handel wieder verlassen. Selbst das Hafenbecken ist also ummauert …
Piper zeigt auf einen gewaltigen Leuchtturm, der sich draußen vor der Küste aus dem Meer erhebt. Er ist wie alle Häuser der Stadt aus den runden Steinen aufeinandergeschichtet, die das Meer bearbeitet hat. Auf der Dachplattform entfacht ein Drachenreiter ein Leuchtfeuer, indem er sein kräftiges Reittier mit den Schwingen Luft in die Glut fächeln lässt. Meine Lippen bleiben offen vor Erstaunen.
Unsere Straße führt auf den bunten Marktplatz, direkt vorbei am Hafen. Ich beobachte das Treiben zwischen den stoffbespannten halboffenen Zelten. Geschäftige Figuren, die mein Auge an ein Mittelalterfest erinnern, eilen zwischen den Ladentischen umher – die einen Körbe und Säcke tragend, andere Reittiere wie Esel, Pferde und vor allem voll beladene Drachen für den Transport führend. Auf den Tischen liegen dicke Stoffrollen, exotische Tierfelle und große Haufen Schafs- oder Schweinswolle. In einer anderen Ecke befinden sich Heuballen und Säcke mit Getreide, ebenso verschiedene weitere Lebensmittel. Es gibt Körbe gefüllt mit Gemüse, Nüssen und Obst. Stapel von Kürbissen, Gurken, Birnen oder Walnüssen. Ebenso Eier von Vögeln und solche, die wahrscheinlich von Drachen stammen, sanft gepolstert auf kleinen Kissen.
Überall an den Ständen verteilt bieten die Händler auch Tiere zum Verkauf an: Aufgeregt flattern Hühner in engen Käfigen, eine blinde Frau will sich mit einem alten Esel ein Essen verdienen. Schlacht- und Mastvieh, von Ziegen und Ferkeln bis hin zu Hochlandrindern und sogar Lamas und Meerschweinchen kann ich erkennen. Wahrscheinlich Importe aus fernen Ländern.
An einem Stand kann man Zauberutensilien erwerben: Besen und knorrige Stäbe, Hühnerkrallen, getrocknete Eidechsen, Fledermausflügel und Kröten in Gläsern, glitzernde Pulver und staubige Bücher, alles angeboten von der Hexe deines Vertrauens – original mit nur drei Zähnen. Die Situation kommt mir grotesk vor, aber als würde die Alte meinen Blick spüren, wandern ihre zusammengekniffenen Augen zu der Kutsche und zu mir. Ihr fast zahnloser Mund formt ein hämisches Grinsen, und ein bedächtiges Nicken folgt dem Wagen, während wir uns entfernen. Was für ein herzliches Willkommen..
In der Burg hatte ich wohl so etwas wie ein Empfangskomitee erwartet. Doch nichts dergleichen ist zu sehen, als wir der gebogenen Pflasterstraße hinauf in den Innenhof folgen und das letzte Tor passieren. Danach durchfahren wir einen langen Zwinger, bis wir schließlich am Torhaus vorbei in den Burghof gelangen. Doch keine Königsfamilie, keine Soldaten, keine Kerkermeister erwarten uns dort. Nur über den Hof verstreutes Gesinde. Knechte, die Dreck und Stroh zusammenfegen; Mägde mit Schürzen und Hauben, die Hühner und Schweine füttern und Körbe mit Gemüse über den Hof tragen. Ein in dunkelblaue Seide gekleideter Geistlicher, der ein Gebet murmelnd zur Kapelle hinüberschreitet. Schilder verraten die Werkstätten von Sattler, Schuster und Schmied. Eine dicke Köchin verlässt voll beladen das Zeughaus und watschelt zur Burgküche – fast frei von jeglicher Sicht, die ihr der Sack Mehl und das Netz Rüben nehmen. Aus einem kleinen Schornstein auf dem schiefen Dach steigt dort bereits Rauch auf, der das Abendmahl ankündigt.
Soeben eilt eine Gruppe bunt gekleideter Musikanten die Treppen zum Herrenhaus hinauf und betritt durch eine breite Flügeltür den großen Saal. Zwei Wachen stehen links und rechts des Portals und lassen die Gruppe passieren. Doch niemand widmet uns seine Aufmerksamkeit.
„Was ist hier los?“, frage ich, unfähig, diese Situation zu begreifen. Dabei sehe ich Annikki an, in der Hoffnung, dass sie mehr Ahnung von diesem Land hat als wir.
„Was habt ihr denn gedacht?“, fragt sie verständnislos und zuckt mit den Schultern. „Glaubt ihr, dass sie uns umbringen wollten? Das hätte man schon längst tun können!“
Das klingt zwar einleuchtend, aber ich bin noch immer misstrauisch. Wir werden den weiten Weg kaum umsonst zurückgelegt haben …
Hauptmann Estruhl lässt seine Männer absitzen. „Steigt aus!“, weist er uns an und wirkt dabei ein wenig angespannt. „Der König soll nun entscheiden, was weiter mit euch geschieht.“
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