„Ich werde alles tun, wenn ich euch helfen kann“, versprach sie und sah mich aufrichtig an. Dann flüsterte sie ehrfürchtig: „Die heiligen Tiere.“
* * *
„Ich werde vorgehen“, sage ich zu Andy und nehme ihm den Schlüssel aus der Hand. Dann verschwinde ich hinter einem Schleier von Molekülen, die meinen Hintergrund nachahmen; und eingeschlossen von der tarnenden Wand steige ich die Stufen hinab.
„Sie ist weg“, stottert Anjáli fassungslos, während Rawhide das Ganze mit Abstand beobachtet.
„Sie ist unsichtbar“, korrigiert Robin beruhigend und bewegt sie zum Weitergehen. „Das erkläre ich dir später.“
Leise schleiche ich hinunter, dicht gefolgt von Robin und Andy, dahinter tapsen die anderen, immer bedacht, kein Geräusch zu verursachen.
Unten am Ausgang stehen die beiden Wachen. Leise gehe ich auch an ihnen vorbei, während ich die anderen flüsternd bitte, ein paar Stufen weiter oben zu warten. Ungesehen stehe ich zwischen den beiden Soldaten. Die jungen Männer scheinen versunken in Langeweile und begierig, sich auf alles zu stürzen, was ihnen Abwechslung verspricht. Ich überdenke meine Strategie. Noch immer halte ich den Schlüssel in meiner Hand. Sollen sie doch etwas Abwechslung bekommen, denke ich und knote den Strick zu einer Schlinge. Dann mache ich vorsichtig – ganz vorsichtig – einen Schritt auf den linken Soldaten zu. Ihm entziehe ich das Kurzschwert, das er an der Hüfte trägt. Ich atme einen Moment durch. Dann werfe ich ihm flink das Schlüsselband über den Helm und zugleich setze ich ihm einen gezielten Stich in sein Hinterteil. Schreiend springt er in die Luft. Erschrocken zucke ich zusammen und schmeiße die Klinge vor die Füße des zweiten Mannes. Dann warte ich.
„Du hast mich gestochen!“, schreit der Soldat den anderen an. „Was ist das für ein Spiel? Mit meinem eigenen Schwert!“ Empört bückt er sich, um es wieder aufzuheben, dann hält er es seinem Kumpan unter die Nase, der noch gar nicht weiß, wie ihm geschieht. Doch plötzlich entdeckt dieser den Schlüssel und geht zum Gegenangriff über.
„Warum trägst du den Schlüssel des Kerkermeisters? Er wird ihn dir nicht gegeben haben, und wenn du ihn gestohlen hast, wirst du das mit deinem Kopf bezahlen!“ Der andere sieht an sich herunter. Doch da ist der erste schon über den halben Burghof und eilt mit schnellen Schritten dem Thronsaal entgegen, um das richtigzustellen. Diese Anschuldigung wird er auf keinen Fall auf sich sitzen lassen. Der andere, immer noch verdutzt den Schlüssel in der Hand, rennt ihm nach, um ihn aufzuhalten. Wahrscheinlich würde er ihm vor Wut und Schmerz am liebsten an die Gurgel springen.
Die beiden sind so miteinander beschäftigt, dass meine Freunde schnell an mir vorbei und zu dem pompösen Turm hinüberlaufen können, den sie hier den Bergfried nennen. Ich selber folge ihnen mit wenigen Schritten und schließe die schwere Tür hinter mir mit einem Riegel. Hier drinnen ist niemand. Nur kahler Stein, eine Treppe, die hinaufführt, und ein Brunnen in der Mitte des Raumes, der mit einer schweren Abdeckung versehen ist.
„Und was nun?“, fragt Dina, ohne eine Idee, wie es weitergehen könnte.
„Meine Achtung“, flüstert Rawhide anerkennend und blickt mich fest an, obwohl er mich doch gar nicht sehen kann! „Es ist viel Magie in euch.“
Annikki ignoriert ihn und analysiert sogleich die Lage. „Ich bin mir sicher, der Weg beginnt hier unten im Turm, denn er führt schließlich auch nur nach unten.“
„Es kann nur der Brunnen sein“, sagt Andy. „Das ist die einzige Lösung, die ich sehe. Lasst uns mal die Abdeckung runternehmen!“
Robin geht ihm sogleich zur Hand, das mit Eisen beschlagene Holzbrett zu entfernen.
„Aber der Brunnen ist doch zur Wasserversorgung da“, meint Brendan, „wenn die Burgbewohner sich hier verschanzt haben, ist er die einzige Möglichkeit, an Trinkwasser zu kommen. Warum sollte man aus ihm einen Geheimgang machen?“
„Vielleicht haben wir es hier mit einem Volk von feigen Angsthasen zu tun, die die Flucht suchen, sobald es hart auf hart kommt“, zischt Robin. „Das kindische Spiel im Saal scheint das zu bestätigen. Womöglich ist auch der ganze Turm nur Schein und dient einzig dem Versteck des Geheimgangs …?“ Er sieht mich fragend an, als ich für einen Augenblick die schützende Wand der Unsichtbarkeit von mir gleiten lasse.
„Vielleicht beginnt der Wasserstand auch weiter unten als der Eintritt in den Tunnel, schließlich sind wir hier auf einer Anhöhe“, meint Andy und beugt sich über den Brunnenrand. „Ich wage ohnehin zu bezweifeln, dass das Grundwasser hier nicht völlig versalzen ist … Aber das kann uns egal sein. Für uns ist nur von Bedeutung, ob wir durch den Brunnen fliehen können.“
Ich trete näher an die anderen heran, um einen Blick hineinzuwerfen, doch uns gähnt nur ein schwarzes Loch an, in dem sich nichts erkennen lässt.
„Ich kann nicht zurückgehen, bevor wir den Gang nicht mit Sicherheit gefunden haben“, sage ich.
„Und das sollte schnell geschehen“, ergänzt Andy. „Wie haben die Leute hier wohl ihre Flucht organisiert? Sie mussten Feuer haben und auch ein Seil oder eine Leiter …“ Suchend sieht er sich um. Doch Rawhide kommt ihm zuvor und lässt in seiner Hand ein hell glühendes Licht erscheinen, was er Andy reicht, um besser sehen zu können. „Nimm das“, sagt er knapp, „ich werde ein Seil suchen.“
Andy hält ohne zu zögern seine Handflächen auf, und der Fremde übergibt ihm die Flamme, die die Haut nicht zu verbrennen scheint. Auch auf Andys Fingern hält sich das Licht und breitet seinen Schein im ganzen Raum aus. Von der neuen Helligkeit erleuchtet, erkenne ich erloschene Fackeln an den Wänden des Raums, und auch ein stabiles Tau findet sich auf dem Boden.
„Das ist der Gang, kein Zweifel“, ruft Andy triumphierend, als er sich in den Brunnenschacht hinabbeugt. „Etwa zehn Fuß unter uns ist ein Loch in der Wand, das scheint in den Tunnel zu führen.“
„Zehn Füße?“, fragt Anjáli verwirrt und weiß die Einheit nicht zu übersetzen.
„Cariña, auch das erkläre ich dir“, antwortet Robin belustigt und macht sich daran, mit Rawhide das Seil aufzuwickeln. „Es ist jedenfalls nicht tief.“
„Lasst es uns herausfinden“, meint Andy und dreht sich ernst zu mir um. „Wir sehen uns am Leuchtturm, mein Engel“, flüstert er mir ins Ohr und küsst mich zart auf die Lippen. Am liebsten würde ich ihn gar nicht wieder loslassen, aber dann erinnere ich mich, dass ich bald wieder bei ihm bin. Ich muss mich nur beeilen.
Dann steigt er als erster hinab in den Brunnen und macht sich auf den Weg in den feuchten Gang, der aus der Burg hinausführt. Währenddessen verschwinde ich erneut hinter einem magischen Tuch und verlasse den Turm. Ich rufe die Prinzessin.
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