Sihena konnte kaum verstehen, warum sich bis heute weiterhin Menschen für diesen geschichtlichen Habenichts interessierten. Selbstverständlich waren seine Anleitungen zu gutem Regieren und Verwalten klug und richtig. Doch was hatte das mit echtem Glauben zu tun? Mit der Ausrichtung des eigenen Lebens? Konfuzius gehörte ihrer Meinung nach noch nicht einmal zu den mittelmäßig talentierten Philosophen, hatte auch mit seiner Art der Lebensführung keinen nachhaltigen Erfolg gefeiert. Längst schon griesgrämig wegen seiner anhaltenden Bedeutungslosigkeit geworden, hatte sich der Mann wahrscheinlich nur aus einem einzigen Grund seine vielen Verhaltensregeln und Selbstkasteiungen ausgedacht, nämlich um andere Menschen zu maßregeln und sich an ihnen auf diese bösartige Weise zu rächen. Ja, Konfuzius besaß eigentlich recht viel Ähnlichkeit mit ihrem vom Leben so sehr enttäuschten Vater Wengdo.
Oder umgekehrt.
Hatte das Auftauchen ihrer Mutter in ihren Träumen etwas mit ihrem Glauben zu tun? Sorgte sich die längst Verstorbene um ihr Seelenheil? Sie war zwar Christin, ja Katholikin, geworden, doch ohne jeden Glauben an einen Gott, Jesus oder den Heiligen Geist, die Apostel und all den übrigen Zauber. Als ihre Kinder noch klein waren, besuchten sie zwar gemeinsam und geschlossen als Familie an jedem Sonntag pflichtbewusst die Messe, sangen die Lieder und sprachen die Gebete der Gläubigen mit, schluckten auch brav die trockene Scheibe Keks, die ihnen der Priester jeweils auf die Zunge legte, genossen beinahe die eineinhalb Stunden Eintönigkeit und Scheinheiligkeit in der angenehmen Kühle der Kathedrale.
Alles zum Wohle des Unternehmens.
Alles zur Steigerung des Wohlstand.
Denn hinterher, vor der Kirche und nach dem Verabschieden durch die Priesterschaft, da trafen sich die Honoratioren und Geschäftsleute zum Plaudern und Austauschen. Zenweih Ling und auch sie selbst schnappten dort mehr als eine wichtige Neuigkeit auf oder fanden gute Gelegenheiten, neue und nützliche Kontakte zu knüpfen.
Womöglich waren ihre Albträume bloß die Vergeltung für ihre fehlende Religiosität? Eine Art von Prüfung? Wie ein Warnschuss, endlich umzukehren und den Rest ihres Lebens einem Gott zu widmen? Fromm zu werden?
Sihena lachte auf, kurz und böse.
Nein, sie war sich ziemlich sicher. Ihre Albträume mussten weit tiefere, aber auch direktere Gründe haben. Denn warum schlief sie erst seit wenigen Monaten derart schlecht, wachte jede zweite oder dritte Nacht völlig aufgelöst auf, rief manchmal nach ihrer Mutter oder sah zumindest ihr Gesicht vor Augen, sobald sie einigermaßen bei Bewusstsein war?
An Schlaf war in dieser Nacht nicht mehr zu denken und so stand die chinesisch-stämmige Brasilianerin seufzend auf, ging hinüber ins Bad und stellte sich unter die Dusche. Ihr welker Körper mit den tief gegen den flachen Bauch herabhängenden, schlaffen Brüsten war immer noch schlank, wirkte beinahe knabenhaft. Ihr Bauch zierten allerdings lange Narben, Zeugnisse der Kaiserschnitte, mit deren sie alle ihre Kinder zur Welt gebracht hatte, um sich nicht ihr schmales Becken bei der Geburt zu ruinieren. Auch in dieser Beziehung war sie ganz Brasilianerin geworden.
Sie seifte sich mehrmals ein, wusch sich auch das kurz geschnittene Haar. Früher trug sie es länger, bis hinunter zur Schulter. Doch seit etwa zwei Jahren konnte sie ihre Arme kaum mehr richtig hinter ihren Kopf heben, um die Frisur zu richten. Die Gelenke schmerzten einfach zu sehr, schienen zunehmend steif zu werden. Sie nahm entzündungshemmende Medikamente dagegen. Denn eine Operation kam für sie nicht in Frage. Zu viele ihrer Bekannten hatten sich mit ähnlichen Beschwerden unters Messer gelegt und sich ihre Schultergelenke von irgendeinem pfuschenden Chirurgen versauen lassen. Einigen hatte der Eingriff zwar ein wenig Besserung oder zumindest Linderung gebracht. Die meisten jedoch klagten über andauernde und sogar weit schlimmere Schmerzen als zuvor, über plötzlich fehlende Kräfte in ihren Armen oder dass ihnen fortwährend die Hände einschliefen.
Doch das Kämmen der Haare war ihr über die Monate immer schwerer gefallen und eine Kurzhaarfrisur darum der logische Ausweg.
Als sie aus der Dusche trat und sich mit dem Badetuch trocken rubbelte, betrachtete sich Sihena kritisch im großen Spiegel über dem Doppelwaschbecken. Nein, sie war keine Augenweide mehr. Ihre Nippel zeigten auf den Boden, ihre zwar weiterhin schlanken Oberschenkel wiesen trotz all dem Schattenboxen und Yoga viel Orangenhaut auf. Vor allem störte sie sich aber an ihren Händen, die sie vor dem Spiegel hin und her bewegte und sie ausgiebig von allen Seiten betrachtete. Früher war sie immer sehr stolz auf die beiden gewesen, denn Sihena besaß recht lange Finger, für eine Chinesin, setzte sie auch gekonnt in Szene, wischte sich beispielsweise gedankenverloren eine Strähne aus der Stirn oder spielte an einer langen Perlenkette. Doch nun zogen sich dicke, blaue Adern über ihre Handrücken und die Fingergelenke schienen allesamt entzündet und verdickt.
»Nicht einmal sie sind mir noch geblieben«, jammerte die über Sechzigjährige sich selbst im Spiegelbild vor, dachte gleichzeitig an ihre Kinder und deren Partner, auch an ihre Enkel und zuletzt sogar an ihren Ex-Ehemann Zenweih, der sie nicht nur verließ, der sich auch von ihr hatte scheiden lassen und sie wenig später ausbezahlte, ihr die Hälfte der Restaurant-Kette abkaufte, nur um sie endlich und endgültig und für alle Zeiten los zu sein.
Auch Sihena hatte bereits von der Affäre ihres Ex-Gatten mit diesem viel jüngeren Flittchen, einem ehemaligen Fotomodell und Beinahe-Miss-Brasilia, erfahren. Ein alter Mann gönnte sich eine junge Hure. Was für die Männer in diesem katholischen Land etwas völlig Normales schien, war für eine Frau immer noch eine Beinahe-Unmöglichkeit. Sihena hatte es trotzdem zumindest einmal versucht und sich einen wesentlich jüngeren Liebhaber genommen, wollte ihn offiziell in die gute Gesellschaft einführen. Doch das kam schlecht an bei ihren Bekannten. Man begann sie unverzüglich zu meiden, lud sie nirgendwo mehr ein, isolierte sie völlig. Also stieß sie diesen Carlos Ferrera von ihrer Bettkante, wollte so das Bisschen an Würde und Ansehen retten, das ihr noch geblieben war.
Zumindest ein paar ihrer Bekannten lenkten daraufhin rasch ein, nahmen sie wieder in ihren Kreis auf. Andere jedoch zeigten ihr bis heute die kalte Schulter, diese verfluchten Heuchler.
»Was, verdammt noch mal, ist denn bei Männern so viel anders als bei uns Frauen? Wieso dürfen Kerle sich vergnügen, wie sie nur wollen, erhalten dazu auch noch Beifall von allen Seiten, und wenn sich eine Frau dasselbe Recht herausnimmt, wird sie geschnitten und muss zu Kreuze kriechen. Was ist das bloß für eine scheinheilige Welt, die sich diese verdammten Katholiken hier geschaffen haben? In die sie sich regelrecht selbst einsperren?«
Sie fühlte sich zornig, war aufgebracht, zitterte vor Wut am ganzen Körper.
Oder doch eher vor Ohnmacht?
Langsam beruhigte sie sich wieder, schaute sich erneut musternd und prüfend im Spiegel an, drehte sich nach links, dann nach rechts. Ihre Haut war tief gebräunt, fühlte sich auch samtig weich an. Gute Pflegeprodukte und lange Sonnenbäder waren nun einmal das A und O eines attraktiven Aussehens. Und es gab durchaus noch viele geile alte Böcke, die noch so gerne mit ihr ins Bett gestiegen wären. Da war sich Sihena sicher, auch wenn auf den Partys ihrer Bekannten nur noch mit ihr geflirtet wurde. Doch sie konnte die Blicke der Männer immer noch lesen, auch wenn sich die meisten von ihnen vordergründig unnahbar, manchmal sogar zynisch abweisend gaben.
Mit den Ehemännern von zwei ihrer besseren Bekannten hatte sie tatsächlich geschlafen. Allerdings war das bereits viele Jahre her, kurz nachdem sie von den ersten Eskapaden ihres Gatten Zenweih erfahren hatte. Rache-Sex nannte man das wohl und Sihena hatte kein Bisschen Spaß dabei empfunden, weder als Vorfreude noch währenddessen oder hinterher. Im Gegenteil. Danach fühlte sie sich bloß benutzt und entwertet.
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