„Du hast ja blendende Laune, mein Freund“, begrüße ich ihn und setze mich dabei auf meinen Stuhl. Seine Sitzgelegenheit ignoriert er und lehnt provokant gegen meine Schreibtischkante. Immer noch grinsend starrt er mich an. Wir beide haben so einige Vaterprobleme gemeinsam, dennoch habe ich mein pubertäres Trotzverhalten inzwischen abgelegt und muss nicht immer auf Konfrontationskurs gehen und jedem zeigen, dass ich nicht auf Autorität stehe. Paul sieht das anders. Und nach knapp zweiunddreißig Jahren wird sich daran wohl so schnell nichts ändern.
„Wie sollte ich nicht bester Laune sein. Ich habe vorhin deine neue Grafikerin kennengelernt … Cami.“ Paul zieht ihren Namen absichtlich in die Länge, als genieße er einen süßen Geschmack, solange es geht, auf der Zunge. Ich würde mich nicht als pubertär bezeichnen, dennoch will ich ihm gerne eine verpassen.
„Du kennst sie jetzt also“, sage ich beiläufig.
„ Kennen? Das würde ich nun nicht sagen. Aber sie angesehen habe ich mir auf jeden Fall.“ Das dreckige Grinsen in seinem Gesicht gefällt mir nicht, aber ich lasse das unkommentiert.
„Seit wann stellst du Frauen ein, die so aussehen? Habe ich da etwas verpasst? Ich dachte, du lebst noch immer nach der Devise: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt – privat und beruflich.“ Abwartend fixiert er mich und verschränkt die Arme vor der Brust. Ich kenne ihn. Er wird sich nicht ohne eine Antwort abspeisen lassen.
„Erstens wäre es diskriminierend, wenn ich sie nicht eingestellt hätte, nur weil sie sehr attraktiv ist – sie war immerhin die mit Abstand beste Bewerberin. Zweitens halte ich mich für erwachsen und professionell genug, die Tatsache ihres attraktiven Äußeren, soweit es geht, zu ignorieren. Ich bin schließlich Herr meiner Sinne, mein Lieber! Und drittens weißt du, dass ich mir bisher nie viel aus Blondinen gemacht habe.“ Zugegeben ein wenig arrogant, aber ich habe zumindest meinen Standpunkt deutlich gemacht.
„Bisher?“, zieht er mich auf und presst die Lippen aufeinander.
„Klugscheißer mag niemand!“
„ Das kommt ausgerechnet von dir, Connor? Mister Erstens-Zweitens-Drittens …“
„Warum sind wir noch mal Freunde?“, frage ich rhetorisch und schnappe mir ein paar der anstehenden Pitches auf meinem Schreibtisch, um das Thema zu beenden.
„Weil du mich brauchst, mein irischer Freund. Weil ich das Salz in deiner würzfreien Suppe bin … Außerdem mache ich verdammt gute Fotos.“
Das stimmt immerhin. Paul ist einer der besten Fotografen, die ich kenne. Er hat schon unzählige Shoots für Veith Media gemacht. Aber ich sage ihm nie, wie gut er wirklich ist, denn er würde mich das niemals vergessen lassen.
„Ach ja, das“, nuschle ich, was ihn wahnsinnig macht.
„Rede du nur … Aber zurück zum Thema: die umwerfende Blondine – und nein, ich glaube dir keine einziges Wort. Von wegen du stehst nicht auf blond. Bei einer Schönheit wie ihr, die auch noch was auf dem Kasten hat, ist die Haarfarbe doch völlig egal.“
Kopfschüttelnd schnappt er sich die Papiere, die ich mir gerade angesehen habe, und verlangt damit nach Aufmerksamkeit. Pubertär, wie ich sagte.
Jeder andere, der so mit mir umgehen würde, wäre seines Lebens nicht mehr froh. Aber Paul hat nun einmal einen Sonderstatus. Er ist mit mir durch die Hölle gegangen, das vergesse ich nicht. Deshalb lasse ich ihm auch seine Frechheiten durchgehen. Aber wie eng unsere Freundschaft auch ist, ich würde lieber auf glühenden Kohlen laufen, als ihm zu gestehen, dass Camis wunderschöne goldene Mähne mir alles andere als egal ist. Und ihre Beine erst.
„Du bist wie ein Hund mit seinem Knochen“, werfe ich ihm vor und versuche dabei verständnisvoll zu lächeln.
„Ja, weil ich vorhin gesehen habe, wie du sie ansiehst. Und ich kenne diesen Blick , auch wenn ich ihn schon lange nicht mehr gesehen habe.“ Sein plötzlicher Ernst behagt mir ebenso wenig wie das Gesagte selbst.
„Ich bitte dich! Das ist nicht dasselbe. Du irrst dich!“, fahre ich ihn an. „Ich kenne diese Frau doch kaum … Diese ganze Unterhaltung ist einfach nur lächerlich.“ Ich stehe auf, weil ich eine nervöse Unruhe in mir fühle, die mich zur Bewegung zwingt.
„Vielleicht“, meint er ruhig und sieht mir dabei zu, wie ich auf und ab tigere, etwas, das ich in meinem Büro für gewöhnlich nicht tue.
„Aber damals hast du sie auch nicht gekannt. Und ein einziger Blick hat genügt, und du warst Feuer und Flamme.“ Seine Ruhe verwandelt sich in Sorge, nichts ist mehr von der spielerischen Unterhaltung, die er in Gang gesetzt hat, übrig. Während ich seinem Blick standhalte, verdränge ich jede Erinnerung, die, durch seine Worte angelockt, aus meinem tiefsten Inneren hervorzukriechen versucht.
„Ja, und dieses Feuer hat mich verzehrt. Das wird nicht noch einmal geschehen. Ich sorge seit Jahren dafür. Nichts wird das je ändern“, lasse ich ihn wissen. Und ich meine jedes Wort verdammt ernst. Ich kenne mich, und ich kenne die Grenzen, die ich mir setze. Ich alleine habe die Kontrolle darüber, und das lasse ich mir nicht nehmen – von niemandem.
„Ich glaube dir, Connor. Das tue ich wirklich.“
Ich atme tief ein und aus, ehe ich mich wieder setze. Die Unruhe ist weg. Die Kontrolle kehrt zurück.
„Gut.“
„Aber eins musst du mir dennoch erklären“, verlangt Paul. Ich nicke, denn er kann fragen, was er will.
„Wieso zum Teufel hast du sie dann nicht angestellt ?“
Da ist sie nun, die Frage, die ich mir selbst nicht ganz ehrlich beantworten kann. Warum habe ich Cami nicht richtig angestellt, wie es eigentlich geplant war? Ich habe ihr und mir versucht zu erklären, dass ich das Risiko minimieren möchte, dass es für sie und ihre Firma gut wäre und ebenso für mich. Eigentlich eine optimale Lösung für eine aufstrebende Agentur wie Veith Media und eine junge Grafikerin, der es noch an Erfahrung fehlt. Das ist auch die Wahrheit. Irgendwie. Es gibt aber noch einen anderen Grund, einen Grund, für den ich mich schämen sollte, einen Grund, der all die Worte über erwachsenes Verhalten und Kontrolle wie üble Heuchelei aussehen lässt. Denn ein Teil von mir, der Teil, der sich wahnsinnig zu ihr hingezogen fühlt, will nicht zulassen, dass sie tatsächlich meine Angestellte ist, der ich unter keinen Umständen näherkommen darf. Und alleine dafür könnte ich mir in den Hintern treten. Selbst Paul sage ich nicht die Wahrheit. Denn mich selbst zu belügen, passt sehr viel eher zu meinem Plan, mich von Camilla Johansson fernzuhalten.
„Ich hatte meine Gründe“, ist alles, was ich ihn wissen lasse.
„Gute Gründe?“ Skeptisch zieht er eine Braue nach oben.
„Manche davon besser als andere.“
Cami
Die Zeit vergeht wie im Flug. Heute ist mein vierter Tag in der Agentur, und mir schwirrt der Kopf von all den neuen Eindrücken, den Brandbooks der Stammmarken, die wir betreuen, und von den vielen Namen, die ich mir kaum alle merken kann.
Bereits am zweiten Tag habe ich ein paar kleinere Arbeiten erledigt, die einer der Art-Direktoren überprüft und einer der drei Grafiker namens Marco mit mir besprochen hat. Da es gut gelaufen ist, waren die ersten Tage zwar anstrengend, aber zufriedenstellend. Ich fühle mich wohl und versuche zu ignorieren, dass ich Connor seit meinem ersten Tag, als ich ihn kurz dabei ertappt habe, wie er mich beobachtet, nicht mehr gesprochen habe. Ehrlich gesagt habe ich ihn kaum zu Gesicht bekommen und wenn, dann ging er nur an mir mit einem knappen Nicken vorbei und wirkte stets sehr beschäftigt. Daher bin ich umso nervöser, dass ich heute ein paar Plakate und eine kurze Präsentation für einen Pitch nicht mit David, einem der leitenden Art-Direktoren, durchgehen soll, sondern direkt mit ihm. David versuchte mich zu beruhigen, es sei so üblich. Aber die Nervosität, wieder in Connors Nähe zu sein, bleibt.
Читать дальше