Cami
„Ich kann nicht glauben, dass du tatsächlich dieses Kleid getragen hast!“
Meine Freundin Ella wirft einen fassungslosen Blick auf das ziemlich knappe Frühlingskleid, das achtlos über einen Sessel geworfen harmlos aussieht, obwohl es in letzter Zeit für einigen Wirbel gesorgt hat. Für jemanden wie Ella, eine der vernünftigsten Frauen, die ich kenne, ist die Vorstellung, derart gekleidet zu einem geschäftlichen Termin zu gehen, unvorstellbar. Sie arbeitet als Managerin im Hotel No.1 Wien und gehört mehr zu den Befürworterinnen des stilvollen Businesslooks. Ihr steht es auch richtig gut.
Sie sieht darin sexy und kompetent aus, was wohl an ihren ausgeprägten Kurven liegt, auf die ich etwas neidisch bin, zumindest was den Bereich der Oberweite angeht.
„Erde an Cami!“ Ella wedelt amüsiert mit ihren Armen herum. „Hörst du mir zu? Ich sagte, dass ich nicht glauben kann, dass du den Job wirklich in diesem Kleid an Land gezogen hast.“ Noch immer bester Laune schnappt sie sich einen Stapel DVDs und stellt eine nach der anderen auf das noch leere Regal.
„Vielleicht lag es ja nicht am Kleid. Vielleicht verdanke ich den Job meinen ausgezeichneten Grafiken“, halte ich dagegen, auch wenn ich mir da gar nicht so sicher bin.
Nun bin ich an der Reihe, weitere DVDs zu den anderen zu stellen. Viel mehr ist noch nicht in der neuen leeren Wohnung zu sehen. Nur ein paar aufgestellte DVDs, Essenskartons vom Chinesen und ein paar von Ellas alten Möbeln, die hiergeblieben sind. Als ich nach meiner Auszeit in Berlin zurück in meine Heimatstadt Wien kam, wollte ich um alles in der Welt nicht bei meiner Mutter wohnen, und eine lange Wohnungssuche war deshalb unmöglich. Da bot Ella mir an, dass ich ihre alte kleine Wohnung übernehmen könnte. Dafür war ich ihr dankbar und habe natürlich sofort zugeschlagen. Wer schlägt schon eine mietpreisgebundene Wohnung in Wien aus, die auch noch zentral liegt und teilweise eingerichtet ist? Ich jedenfalls nicht. Für Ella war es, wie sie sagt, die optimale Lösung. Sie liebt diese Wohnung, musste sie aber aufgeben, als sie mit ihrem Freund Jan zusammengezogen ist. Ich habe beide in Berlin zusammen erlebt, als Ella und ich uns eine Wohnung geteilt haben. Dabei habe ich zwangsläufig einiges von ihnen als Paar mitbekommen und muss zugeben, dass ich selbst nie eine derartige Beziehung geführt habe, auch wenn ich über zwei Jahre mit jemandem zusammengelebt habe. Ella und Jan lieben sich wie verrückt, haben aber lange gebraucht, um endlich zusammenzukommen. Ella wurde dank meiner Auszeit in Berlin zu einer wahren Freundin, zu einer Zeit in meinem Leben, in der ich dringend eine gebraucht habe, und ich denke, ihr ging es genauso. Seither sind wir beinahe unzertrennlich. Als sie damals ihr schwuler bester Freund Sascha in Berlin besucht hat, hatte ich keine andere Wahl, als auch ihn in mein Leben zu lassen. So ist er nun mal. Zuerst findet man ihn aufdringlich, vielleicht sogar unmöglich, aber wenn Sascha einen mag, wird man ihn nicht mehr los. Und das ist auch gut so.
„Wo bleibt eigentlich Sascha?“, frage ich Ella, die gerade weitere Umzugskartons mit einem Teppichmesser öffnet.
„Er muss für einen kranken Kollegen am Empfang einspringen und schafft es heute leider nicht mehr“, lässt sie mich wissen und streicht sich die Haare aus dem Gesicht.
„Schade, ich hätte gedacht, mein Einzug wäre eine Aktion für die drei Musketiere.“ Ella lacht sofort auf.
„Das stimmt. Aber geben wir es zu! Wir wollen doch nur einen Kerl, der die richtig schweren Kartons hebt, und dafür können wir Jan einplanen … Er kommt später nach.“ Hintergründig lächelnd sortiert sie meine Sachen. Jan und Ella, die mir beim Einzug helfen …
Wenn das mal nicht damit endet, dass die beiden wieder vor mir rummachen.
„Natürlich bin ich für jede Hilfe dankbar … Aber versprich mir, dass du nicht wieder die ganze Zeit mit ihm rummachst. Ich bin Single und brauche Abstand von allem Romantischen, wie du ja weißt.“ Mitfühlend legt Ella ihre Hand auf meinen Oberarm.
„Wir werden uns benehmen.“ Ella setzt sich auf einen der Stühle, die ich gestern Abend noch zusammengebaut habe. Hoffentlich hält er, denn ich habe verdammt lange gebraucht, um das Ding zusammenzubasteln.
„Ich weiß ja, dass es lange gedauert hat, deine letzte Beziehung zu verdauen. Aber gibt es denn wirklich niemanden, an dem du Interesse hast? Romantisch oder auch nicht ganz so romantisch?“, fragt sie mich mit einem Augenzwinkern.
Sofort taucht das Bild eines gewissen Mannes in meinen Gedanken auf, das ich so schnell wie möglich verdränge. Ich muss dabei wohl irgendein Gesicht gemacht haben, denn Ella beginnt gleich darauf breit zu grinsen.
„Oh. Mein. Gott. Kann das wahr sein? Dir gefällt jemand?“
Aufgeregt blickt sie mich an.
„Nein, da gibt es niemanden. Du weißt doch, dass ich die Finger von Männern lasse. Ich konzentriere mich auf meinen Job.“ Ich sage ihr besser nicht, dass besagter Job mit dem heißesten Mann zusammenhängt, den ich je gesehen habe.
„Und bist du deswegen schon aufgeregt?“
„Ja“, gebe ich zu. „Nächste Woche soll ich ein paar Tage lang in der Agentur bleiben, um alles kennenzulernen. Danach kann ich selbst entscheiden, ob ich von Zuhause aus arbeiten oder meine Workstation in der Agentur nutzen will. Beides geht. Ich muss nur einmal in der Woche zum wöchentlichen Agenturmeeting, um auf dem Laufenden zu bleiben. Mal sehen, wie es sich entwickelt.“ Ich schnappe mir meine Klamotten und hänge sie in meinen neuen Kleiderschrank, dankbar dafür, dass Ella einen annähernd gleich großen Bedarf an Platz für ihre Kleidung benötigt hat wie ich.
„Klingt gut. Und wie ist der Chef so, dieser Veith?“
Connor Veith … Wie soll man ihn bloß jemandem beschreiben, der ihn noch nicht gesehen hat? Fast unmöglich.
„Connor Veith ist … anders, als ich erwartet habe.“
„Soll heißen?“
„Er ist Anfang dreißig, sieht sehr gut aus und gibt tatsächlich jemandem eine Chance, die dieser hoffentlich nicht in den Sand setzt“, antworte ich ausweichend.
„Und … ist er auch ein Fan deines Kleidungsstils?“ Sie zieht mich auf, ohne zu ahnen, dass sie dabei genau ins Schwarze trifft. Ohne es verhindern zu können, erröte ich.
„Du wirst ja rot“, stellt sie erstaunt fest. „Sieht er so gut aus?“
„Es ist nicht nur das“, murmle ich vor mich hin, während ich mich fast schon im Schrank verkrieche.
„Was ist es dann?“ Typisch Ella. Sie lässt niemals locker.
„Keine Ahnung … Der Kerl ist irgendwie … intensiv. Und ich glaube, dass er mir definitiv auf die Beine gestarrt hat.“ Meine Haut prickelt, wenn ich daran denke.
„Natürlich hat er dir in dem Kleid auf die Beine gestarrt. Er ist ein Mann! “ Ich werfe Ella einen genervten Blick zu.
„Sieh mich nicht so an, Cami! Du bist eine der schönsten Frauen, die ich kenne, mit Beinen bis hier.“ Sie macht eine vage Geste in die Höhe. „Den Kerl, der dich in dem Kleid nicht schön und heiß findet, den gibt es nicht. Auch wenn ich mir von einem Agenturbesitzer erwartet hätte, dass er es in einem Bewerbungsgespräch ignoriert oder zumindest so tut, als ob.“ Nachdenklich kaut sie auf ihrer Unterlippe.
„Ignoriert hat er es bestimmt nicht! Er hat mir sogar nahegelegt, mich in Zukunft etwas züchtiger zu kleiden. Ist doch nicht zu fassen! “, stöhne ich. Niemand schreibt mir vor, wie ich mich anziehe. Niemand. So etwas lasse ich nicht mehr zu.
„Ich wette, er dachte sich: Gefahr erkannt, Gefahr besser gebannt“, säuselt Ella neckisch. Amüsiert lacht sie.
„Sehr witzig.“
„Hast du ihn gegoogelt?“ Natürlich habe ich das.
„Vielleicht“, flüstere ich und tue so, als ob das nicht so wichtig wäre.
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