„Es war eine Möglichkeit, tiefer in den Kunstbereich einzudringen und … ich habe eine Auszeit gebraucht, um zu überlegen, wie es mit Cami Designs weitergeht und was ich eigentlich als Grafikerin erreichen möchte. Weshalb ich heute hier bin. Ich will diesen Job.“ Unbedingt.
Gott, habe ich gerade das Wort „eindringen“ benutzt?
Wie peinlich. Meine Wangen fangen an zu brennen.
Connor lehnt sich zurück. Abschätzend betrachtet er mich. Aber ich kann beim besten Willen nicht erkennen, ob er mich als Arbeitskraft abschätzt oder als Frau. Sein Blick ist widersprüchlich, unmöglich zu deuten. Was geht hinter diesen sturmgrauen Augen vor sich? Was wird dieser Mann, von dem Brancheninsider behaupten, er wäre fordernd und clever, in Bezug auf mich entscheiden?
Ich spüre ein Ziehen im Bauch, während ich warte. Leider steigt dabei auch eine Hitze in mir hoch, weil ich diesen Mann unleugbar anziehend finde. Etwas, mit dem ich nicht sehr vertraut bin und das mich ziemlich nervös macht, da ich nicht damit gerechnet habe. Es trifft mich unvorbereitet. Eigentlich bin ich nicht gerade die Art Frau, die einfach so scharf auf einen Mann ist oder spontane Anziehungskraft auf täglicher Basis kennt. Und schon gar nicht weiß ich damit richtig umzugehen. Merkwürdigerweise genießt ein Teil von mir das Prickeln, das dieser Mann in mir auslöst, wenn seine Augen über mein langes Haar und meinen Körper wandern, so wie jetzt, als habe er vergessen, dass es sich hierbei um einen Geschäftstermin handelt und er mir eigentlich noch eine Entscheidung mitteilen muss.
Ich zucke zurück, als er sich plötzlich erhebt, um hinter seinem Schreibtisch auf und ab zu gehen. Ein harter Zug überschattet seine attraktiven Gesichtszüge. Und ja, er ist definitiv groß und durchtrainiert.
„Ich verlasse mich im Grunde genommen immer auf meinen Instinkt. Was das Geschäft betrifft, hat er mich noch nie im Stich gelassen. Und mein Instinkt sagt mir, dass Sie genau die Richtige für diesen Job sind. Aber etwas sagt mir, dass ich mit Ihnen ein nicht kalkulierbares Risiko eingehe. Und ich mag keine Risiken, die ich nicht kontrollieren kann.“
Er baut sich förmlich vor mir auf, sieht auf mich herab. Ich muss ein Schaudern unterdrücken, dessen wahre Ursache ich nicht zu ergründen wage.
„Ich werde Ihnen dennoch eine Chance geben, Cami“, verkündet er, und die Art, wie er meinen Namen dabei sagt, ist geradezu intensiv.
„Aber ich werde Sie nicht fest einstellen.“
Überrascht sehe ich zu ihm hoch. Seine Arme hat er vor seiner Brust verschränkt, als müsse er sich vor etwas abschirmen.
„Ich verstehe nicht, wie Sie das meinen.“ Soll ich mich freuen oder nicht? Habe ich den Job nun oder nicht?
„Sie werden als Grafikerin für mich arbeiten … Doch Sie werden keine Angestellte sein und ich nicht Ihr Boss … Ich biete Ihnen einen Vertrag an als Agenturgrafikerin. Das bedeutet, ich wäre Ihr Auftraggeber und Sie würden mir mit Ihrer Firma exklusiv zur Verfügung stehen. Veith Media kommt dabei immer an erster Stelle. Sie können andere Aufträge annehmen, allerdings dürfen Sie nicht in direkter Konkurrenz zu uns oder einem unserer Kunden stehen. Wir vereinbaren einen Rahmenvertrag und eine Honorarbasis, mit der Sie bestimmt einverstanden sein werden. Danach sehen wir weiter.“ Sichtlich zufrieden mit sich und seinem Angebot setzt er sich auf die Schreibtischkante, direkt vor mir.
„Ich würde also für Sie arbeiten als freie Grafikerin, aber dennoch so bezahlt werden, als wäre ich angestellt. Sie wären mein wichtigster Auftraggeber, aber ich wäre dennoch selbstständig. Wieso sollten Sie das tun?“
„Weil ich Ihnen diese Chance geben möchte, und ich denke, Sie und Ihre Arbeit werden Veith Media einen frischen Touch verleihen und die Agentur weiterbringen. Aber als eine meiner freien Mitarbeiter sind Sie mir nicht als Angestellte unterstellt. Das wird uns Zeit geben, auszutesten, was zwischen uns möglich ist.“ Ein merkwürdiger Ausdruck huscht über sein Gesicht, den ich bis tief in den Unterleib spüren kann, auch wenn ich gar nicht weiß, was das genau bedeutet.
„Sie meinen, welche Art von Zusammenarbeit zwischen uns möglich ist?“, werfe ich ein.
„Ja. Auf diese Weise minimieren wir das Risiko.“ Für ihn. Oder? Darum geht es doch. Er will mit mir kein Risiko eingehen, aber mir dennoch eine Chance geben.
Ich kann es immer noch nicht glauben, deshalb muss ich es noch mal genau wissen.
„Dann habe ich den Job also?“
„Sie haben den Job, Cami. Anders als gedacht vielleicht, aber Sie haben ihn“, stellt er klar und schenkt mir ein umwerfendes Lächeln. Mir bleibt förmlich die Luft weg. Wie soll ich bloß denken können, wenn er mich anlächelt?
Ich stehe auf und weiß nicht so recht, wie ich mich nun verhalten soll, also mache ich einen Schritt auf ihn zu und strecke ihm die Hand entgegen.
„Danke“, sage ich und warte darauf, dass er meine Geste annimmt. Als er seine leicht rauen, warmen Finger um meine schließt, fühle ich das Brennen in meinen Wangen nur allzu deutlich.
„Sie werden es nicht bereuen“, verspricht er mir, während er mich mit einem ernsten und eindringlichen Blick bedenkt.
„Ganz bestimmt nicht. Das ist geradezu ein wahr gewordener Traum“, stammle ich. Nachsichtig lächelt er über meine Begeisterung.
„Wir werden sehen, wie traumhaft Sie es finden, wenn ich Ihnen mehr abverlange, als Sie je für möglich gehalten haben.“ Seine halb ernste Warnung löst bei mir ein seltsames Gefühl aus, das mich fast vergessen lässt, dass er immer noch meine Hand in seiner hält. Langsam und sehr ungern ziehe ich meine Hand aus seiner.
„Die Details wird Ihnen mein Assistent Daniel zukommen lassen … Sie fangen nächste Woche an.“ Er fragt gar nicht erst, ob ich damit einverstanden bin. Er nimmt es als gegeben hin. Daran muss ich mich wohl bei ihm gewöhnen.
„Gut. Dann gehe ich jetzt.“ Ein Teil von mir freut sich schon darauf, an der Anzugparade vorbeizulaufen in dem Wissen, dass ich, die Trägerin des Frühlingskleides, für die alle nur mitleidige Blicke übrighatten, die Stelle habe. Ich schnappe mir meine Sachen und bin froh darüber, dieses Büro zu verlassen, da Connor Veiths Nähe richtiggehend überwältigend ist. Gerade als ich durch die Tür verschwinden will, hält Connors tiefe Stimme mich nochmals zurück.
„Nur für die Zukunft … An Ihrer Stelle würde ich ein nicht ganz so freizügiges Kleid anziehen, wenn Sie in meinem Namen oder im Namen der Agentur auftreten.“
Mit hochroten Wangen drehe ich mich zu ihm um und kann nicht verhindern, dass mein Mundwerk und meine zwanghafte Ehrlichkeit mich erneut in Schwierigkeiten bringen.
„Ich hatte nicht das Gefühl, dass Ihnen mein Kleid missfällt.“
Amüsiert wirft er mir einen Blick zu und schüttelt dabei leicht den Kopf.
„Dennoch … Ein paar Zentimeter weniger Bein das nächste Mal. Ich sage das nur in Ihrem Interesse.“
Wieder schenkt er mir diesen intensiven Blick, den ein Boss – nein, ein Auftraggeber – für seine neue Grafikdesignerin eigentlich nicht übrighaben sollte.
„Ich werde es mir durch den Kopf gehen lassen.“
Auch wenn er Connor Veith ist, Geschäftsführer einer erfolgreichen Agentur und der anziehendste Mann, der mir je über den Weg gelaufen ist, lasse ich mir von ihm nicht vorschreiben, was ich trage oder nicht. Zu hart habe ich daran gearbeitet, ich selbst zu sein und dazu zu stehen.
Außerdem hat es mir viel zu gut gefallen, wie er mich in dem Kleid angesehen hat. Aber das würde ich niemals vor ihm zugeben.
„Tun Sie das“, höre ich ihn amüsiert murmeln, als ich die Tür hinter mir schließe.
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