Don Xavier kam gegen Ende der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts nach Artà, genau weiß ich es nicht, denn ich selbst war damals noch nicht in der Stadt. Eines Tages stand er auf der Placa d’ Espanya und war einfach da.
Der alte Jaume, einer der wenigen noch Lebenden aus dieser Zeit, behauptet, ihn als Erster gesehen zu haben und schwört, der Rabe hätte damals schon einen schwarzen Anzug, ein weißes Hemd und einen gelben Strohhut mit schwarzem Band getragen. Auch wenn der alte Jaume inzwischen die zweite Hälfte seiner neunziger Jahre ansteuert und des öfteren wirre Merkwürdigkeiten von sich gibt, erscheint mir seine Darstellung von der Ankunft des Raben durchaus glaubhaft. Aber die Details dessen sind wohl eher zweitrangig, obwohl man hierzulande, das sollten Sie wissen, Don Diego, gerade auf Einzelheiten und die Möglichkeiten, diese auszuschmücken, allergrößten Wert legt.
Als er von den Bergen herabgestiegen war, hieß er auch noch nicht Marrasca, diesen Namen hat er erst später, etwa ein Jahr vor seiner Hochzeit mit der jungen Maria Campillo angenommen. Ich selbst kenne keinen Menschen, der weiß, welchen Namen Don Xavier von Geburt an getragen hat.
Vielleicht hatte er nur seinen Vornamen, die Bevölkerung in den abgelegenen Bergdörfern lebte damals zum Teil noch unter recht archaischen Verhältnissen. Da war ein Nachname ohne Wert, man kannte sich ohnehin in der kleinen Gemeinschaft des Dorfes. Vielleicht wollte er seinen richtigen Namen auch bewußt nicht nennen. Die Leute in den Bergen gingen nicht immer ganz realen Geschäften nach, Schmuggel und Wegelagerei waren beliebte Erwerbsquellen. Da konnte es durchaus von Vorteil sein, keinen Namen zu haben. Und Xavier, ja, Xavier hießen viele hier auf der Insel. Aber das sind alles nur Vermutungen, durch nichts bewiesen. Schließlich bin ich der Letzte, der einem Toten Dinge, die er nicht zu verantworten hat, in die nunmehr leeren Schuhe schieben will. Da sei mein geistlicher Stand vor.“
An dieser Stelle kicherte Don Remigio, ich muß schon sagen: frech in die Runde, aber sein Kollege beachtete die kleine Provokation nicht weiter und fuhr stattdessen in seiner Erzählung fort.
„Ich selbst bin 1888 als junger Priester nach Artà gekommen und habe natürlich alle Honoratioren der Stadt, darunter auch Don Xavier, schnell kennengelernt, das war unvermeidlich. Nach einiger Zeit fiel mir auf, daß der Rabe keinem eigentlichen Beruf nachging, will sagen, er übte weder ein Handwerk aus, noch hatte er nennenswerten Grundbesitz, von dem es sich auskömmlich leben ließ. Dennoch gehörte er zu den wenigen Begüterten des Ortes. Er protzte nicht mit seinem Vermögen, er schmiß mit dem Geld nicht um sich, war aber auch nicht kleinlich, wenn er die Kirche, die Stadt oder die Armen regelmäßig mit großzügigen Zuwendungen bedachte. Schon zu dieser Zeit fragte ich mich oft, woher die Wohlhabenheit Don Xaviers wohl stammen könnte, bin aber nie dahinter gekommen.
Selbst der alte Pedro Campillo, sein Schwiegervater, hat immer nur bedeutungsvoll die Brauen hochgezogen, wenn das Gespräch auf die pekuniären Quellen des Mannes seiner Tochter kam, aber gesagt hat er nichts. Vielleicht hat er aber auch nichts gewußt oder sich bewußt nicht darum gekümmert, denn er sah seine Tochter gut versorgt und er selbst lebte auch nicht schlecht in der materiellen Sicherheit, die sein Schwiegersohn garantierte.
Noch als Junggeselle war der Rabe oft auf Reisen quer über die Insel. Später, als verheirateter Mann hielt er es ebenso, häufig nahm er seine Frau, Dona Maria, mit sich. Die beiden führten auch nach heutigen modernen Verhältnissen ein komfortables, manche würden sagen: aufregendes Leben und schienen bar jeglicher Sorgen zu sein. Jedenfalls jeglicher finanzieller Sorgen, was sonst noch gewesen sein mochte, fand, wenn überhaupt etwas war, jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit statt.
Kurz nachdem Don Xavier in Artà angekommen war, machte er Maria Campillo den Hof, die ja auch wenige Jahre später seine Frau wurde und Ihnen, Don Diego, als Dona Maria wohl bekannt sein dürfte. Maria Campillo muß damals eine außergewöhnliche Schönheit gewesen sein, auf die die heiratsfähigen Männer der Stadt geradezu versessen waren. Aber gegen den Raben hatte kein anderer eine Chance.
Ich glaube, 1875 heirateten die beiden und aus Maria Campillo wurde Dona Maria Marrasca. Sie zogen in das Elternhaus von Dona Maria, bewohnten einen Teil der oberen Etagen, eben dasselbe Haus, das Sie geerbt haben und jetzt bewohnen.
Und hier kommt auch eine dieser kleinen Unrichtigkeiten zutage, mit denen der Rabe kokettierte und ab und an eine Kurve begradigen wollte. In seinem Brief an Sie, Don Diego, schreibt er sinngemäß vom Haus seiner Väter. Er hat aber erst in die Familie Campillo, der das Haus seit etlichen Generationen gehörte, hineingeheiratet. Ich habe das überprüft, es kann also nicht das Haus seiner, Don Xaviers, Väter gewesen sein.
Aber das sollte uns in der Betrachtung und Beurteilung seiner Person nicht weiter beeinträchtigen. Derlei Dinge sind bei uns an der Tagesordnung, damit nimmt es unser Menschenschlag hier nicht so ganz genau. Eine Weile regt man sich auf, dann ist alles vergessen und man akzeptiert das Gewünschte. Es schadet ja auch niemandem. Ja, das Ehepaar Marrasca lebte in Wohlstand zufrieden vor sich hin, nahm an den gesellschaftlichen Ereignissen unseres kleinen Städtchens teil, richtete sogar draußen vor der Stadt alljährlich eine große festa aus, und war überall wohlgelitten. Besonders Don Xavier schätzte man ob seiner Besonnenheit und seiner Klugheit. Deshalb in erster Linie auch sein Beiname der Rabe, den man ihm verliehen hatte, die ständige schwarze Kleidung und der gelbe Strohhut waren nur eine passende Beigabe.
Natürlich gab es, wie überall auf der Welt, auch hier Neider und böse Zungen. Aber das waren unbedeutende Randerscheinungen, die keiner ernst nahm. So ist es doch immer, wenn Eifersucht und Neid sich paaren, Sie kennen das sicher, Don Diego.
Ja und dann kam das unglückselige Jahr, in dem der Rabe starb. Die Tatsachen sind ja bekannt, er fuhr, wie er es häufig tat, mit seinem Boot von Canyamel aus hinaus aufs Meer, ein Sturm kam überraschend auf und Dan Xavier ertrank jämmerlich. Am nächsten Tag fanden Fischer Teile seines zerschmetterten Bootes am Strand. Zwar wurde seine Leiche nie irgendwo angeschwemmt, aber das hat nicht viel zu sagen, dafür kann es hunderte Erklärungen geben.
Im Ort meinten einige, mit den Geschäften des Raben sei es nicht mehr so gut gelaufen und er habe deshalb Hand an sich selbst gelegt.
Ich halte das für eine gewagte, nicht zutreffende Vermutung. Nichts, aber auch gar nichts wies darauf hin, daß es ihm schlecht ging. Kurz zuvor hatte er mit seiner Gattin noch eine längere Reise nach Barcelona unternommen. Ganze zwei Monate blieben sie auf dem Festland und schienen sich ausgiebig amüsiert zu haben. Dona Maria schwärmte noch Jahre danach von dieser Reise. Und kurz nach ihrer Rückkehr nach Artà geschah dann das Unglück. Nein, ich bin mir sicher, Don Xavier hat keinen Selbstmord begangen. Dazu war er einfach nicht der Typ. Und womit er sein Leben bestritt, wußte ja keiner. Niemand kannte seine Geschäfte.
Außerdem, so schlecht kann es ihm offensichtlich nicht gegangen sein, auch nach seinem Ableben hat Dona Maria die Zuwendungen an die Kirche, die Stadt und die Armen der Gemeinde fortgeführt und zwar über ihren eigenen Tod hinaus, entsprechende Verfügung über großzügige Schenkungen waren in jenem Teil des Testaments, das Sie nicht betraf. Lediglich die alljährlichen festas vor der Stadt hat sie nach dem Tod ihres Mannes nicht mehr veranstaltet. Aber das erscheint mir durchaus verständlich, obwohl ich glaube, sie tat das mehr aus Rücksicht auf das Gerede der Leute, denn aus Pietät ihrem espos gegenüber.
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