Stumm schüttelt Elias den Kopf.
Nina Koretzki schenkt ihm noch einen mitleidigen Blick und wendet sich an Maja. „Es bedeutet, sich ein ganz neues Leben aufbauen, und keiner wird dich kennen dort, wo du hinziehst.“
Lorenzo. Maja hat eine Gänsehaut, plötzlich fällt es ihr schwer zu atmen. „Was ist mit ... jemandem, den man liebt?“
„Keine Ausnahmen“, sagt Nina Koretzki und begegnet ihrem Blick. „Und keine Abschiedsrituale. Wenn jemand wirklich in Lebensgefahr schwebt, dann darf niemand etwas davon wissen, dass und wann derjenige untertaucht.“
Maja ist noch immer nicht sicher, ob sie richtig verstanden hat. Heißt es, dass sie sich von Lorenzo trennen müsste? Dass sie sich nicht einmal von ihm verabschieden dürfte? Das kann doch nicht sein, oder?
Fahrig streicht Lila ihre dunklen Locken zurück. „Was ist mit meinem Beruf? Könnte ich den weiter ausüben? Wie sollte ich denn beweisen, dass ich überhaupt eine Ausbildung habe?“
„Die Abteilung, die mit Zeugen- und Opferschutz befasst ist, würde Ihnen natürlich neue Zeugnisse organisieren“, versichert die Polizeibeamtin. „Sie wären von einer anderen Firma ausgestellt, damit es keine Verbindung zu Ihrem alten Leben gibt.“
„Haben wir dann einen falschen Pass und so?“ Elias wirkt fasziniert.
„Nein, eure Pässe wären echt. In solchen Fällen wird einfach für den neuen Namen ein Pass bei den Behörden beantragt und ausgestellt.“
Doch Maja hörte kaum noch zu. Sich von Lorenzo zu trennen kommt überhaupt nicht in frage, niemals, das können die so dermaßen von vergessen! Der alte, ungeheure Hass auf Robert Barsch steigt wieder in ihr auf. Dieser Lebenskaputtmacher, dieses Riesenarschloch, sie würde so gerne quitt werden, ihm zur Abwechslung auch mal irgendetwas antun.
„Denken Sie darüber nach, ja?“, sagt Nina Koretzki. „Ich will Ihnen nichts vormachen, es wäre furchtbar schwer für Sie alle, aber ...“
„Es ist jetzt schon furchtbar schwer“, gibt Lila bitter zurück. „Was denken Sie denn? Dass es Spaß macht, sich wie ein gejagtes Tier zu fühlen?“
Darauf geht die Kriminalhauptkommissarin gar nicht erst ein. „Lassen Sie uns darüber nachdenken, was Sie als nächstes tun sollten, in Ordnung? Können Sie und die Kinder ein paar Wochen lang irgendwo anders unterkommen? Da jetzt offensichtlich bekannt ist, wo Sie wohnen...“
Lila atmet aus, knetet sich mit den Fingerspitzen die Stirn. „Ich ... ich weiß nicht ... wir ...“
Tröstend legt Nina Koretzki ihr die Hand auf den Arm. „Denken Sie ganz in Ruhe nach. Sie können auch mein Telefon benutzen. Ihr bisheriges Handy lassen Sie besser ausgeschaltet, besorgen Sie sich möglichst bald ein neues Prepaid – du auch, okay?“ Sie blickt Maja an und Maja nickt.
Die Polizeibeamtin gibt ihnen die Nummer des Weißen Rings, einer Opferschutzorganisation; die hätten einen Spezialisten für neue Identitäten und könnten vielleicht auch mit ganz praktischen Dingen wie dem Handy helfen. Dann geht sie für Lila und Maja einen Kaffee holen, vielleicht auch, damit sie in Ruhe nachdenken können.
Inzwischen hat Lila sich wieder etwas erholt, erleichtert sieht Maja, dass ihre Mutter entschlossener aussieht, nicht mehr so hin- und hergerissen ist zwischen lähmender Angst und Wut. Früher war sie oft so fertig, dass sie beim kleinsten Anlass in Tränen ausgebrochen ist und fast nichts mehr auf die Reihe bekommen hat. Ohne ihren Therapeuten Dr. Salzmann ging in dieser Zeit gar nichts mehr. Und Maja ging es nicht viel besser. Aber in den letzten drei Jahren haben wir Kraft gesammelt, denkt Maja. Drei Jahre normales Leben ... sind die jetzt vorbei, einfach so? Noch kann Maja es nicht begreifen, der Gedanke weigert sich, einzusinken.
„Lasst uns mal überlegen, wo wir unterkommen könnten“, sagt Lila und gibt Elias einen Kuss auf die Nasenspitze. Majas kleiner Bruder sieht so verloren aus wie ein Tier, das man ausgesetzt hat. Auch er scheint langsam zu begreifen, dass sich vieles ändern wird, so oder so.
„Wie wäre es mit einem Hotel?“, schlägt Maja vor. „Oder ist das zu teuer?“ Es ist ein seltsames Gefühl, dass sie noch nicht weiß, wo sie heute übernachten wird. Oder die Tage danach.
Lila verzieht das Gesicht. „Die Hotels in der Gegend wird er garantiert abtelefonieren. Besser wäre irgendein privates Ferienhaus oder ein Gästezimmer in einem Haus.“ Sie überlegen schweigend, dann wählt Lila von Frau Koretzkis Apparat aus eine Nummer. „Eine Kollegin von mir. Rosi. Teamassistentin“, sagt sie dabei, ohne aufzublicken. „Die hat mal angeboten, mir zu helfen. Sie hat selber schon Probleme mit einem Stalker gehabt, sie weiß, wie das ist. Hoffentlich ist sie noch nicht heimgefahren, ich hab nur ihre Büronummer.“
Das Wunder geschieht – diese Rosi ist nicht nur da, sondern ihre Mutter hat auch ein Haus am Stadtrand, in dem mehrere Zimmer leer stehen, seit ihr Mann gestorben ist und die Kinder aus dem Haus sind.
„Sie ruft gleich bei ihrer Mutter an und fragt, ob das in Ordnung geht“, sagt Lila und schweigend warten sie. Warten. Warten. Auch Elias sagt kein Wort.
Lila ruft noch einmal an. Besetzt. Die Zeit dehnt sich endlos, während sie in diesem fremden Büro sitzen, zu sagen gibt es nichts mehr. Maja lässt den Blick über Akten und Flyer wandern. Elias´ kleine, schwitzige Hand wandert zu ihrer, und sie halten sich aneinander fest. In der anderen Hand – ihr ausgeschaltetes Handy. Schon Viertel nach sechs. In weniger als einer Stunde ist sie mit Lorenzo verabredet, sie muss ihm doch Bescheid sagen, was los ist, dass sie wahrscheinlich nicht kommen kann ... soll sie darum bitten, dass sie ihn über dieses Büro-Telefon anrufen kann? Doch ihre Lippen scheinen aufeinander zu kleben.
Frau Koretzki kommt mit dem Kaffee zurück und hat sogar einen Kakao für Elias organisiert. Dankbar trinken sie, obwohl Maja der Kaffee unglaublich bitter vorkommt.
Die Finger der Beamtin klackern über die Tasten, sie schreibt schon mal ihren Bericht. Zehn Minuten später versucht Lila es wieder bei ihrer Arbeitskollegin. Während sie zuhört und nickt, beginnen ihre Augen seltsam zu schimmern. Maja ist alarmiert. Was ist denn jetzt los, warum weint sie? Klappt es doch nicht?
„Alles okay“, sagt Lila, als sie auflegt. „Es gibt doch noch nette Menschen.“
Maja wird klar, dass es Tränen der Erleichterung sind.
Ihre Mutter wendet sich an die Hauptkommissarin. „Aber was ist mit unseren Sachen?“
Nina Koretzki bittet zwei Kollegen, Lila, Maja und Elias noch einmal zu ihrer bisherigen Offenbacher Wohnung zu fahren, das Familienauto muss hier stehen bleiben, es ist ein roter Toyota, der ist in den nächsten Monaten viel zu auffällig. Leicht zu verfolgen. „Denken Sie daran – zu keinem ein Wort“, gibt ihnen die Polizeibeamtin noch mit. „Ihr Leben kann davon abhängen, dass Sie dichthalten.“
Und dann – daheim. Maja sprintet die vertrauten Treppenstufen hoch, ihr Herz hämmert. Schnell holen sie die Koffer aus der Abstellkammer, ihre Hände sind ungeschickt vor lauter Eile. Die Polizisten haben anderes zu tun, als auf sie zu warten, mehr als eine halbe Stunde Zeit ist nicht zum Packen.
„Nur ganz wichtige Sachen und ein bisschen Anziehkram“, schärft Lila Elias ein. Dann steht Maja in ihrem Zimmer, sieht sich hilflos um. Was ist wichtig, was nicht? Als Erstes natürlich ihr Laptop, auf dem ihre Daten und Fotos sind, der kommt in ihren Rucksack, sie schiebt noch den MP3-Player und ein paar Zeugnisse dazu, ihre Bankkarte und das Fotobuch, das sie und Lorenzo mit gemeinsamen Bildern gestaltet haben. Die Riesenmuschel, die sie von ihrem Vater bekommen hat, muss mit, und ihre Sammlung von Vogelfedern, die nimmt nicht viel Platz weg. Drei ihrer Lieblingsbücher, die wichtigsten. Ihr Schmuckkästchen aus Spanien mit schwarz-weißen Einlegearbeiten aus Holz, das hat ihr Lila aus dem Urlaub mitgebracht. Die edle Schreibfeder, die Lorenzo ihr mal geschenkt hat. Sie hat sich furchtbar mit Tinte bekleckert, als sie die ausprobiert hat. Was ist mit ihrer Gitarre? Muss wohl dableiben, die Transporttasche ist kaputt, und außerdem ist sie zu sperrig.Zwischendurch wirft Maja immer wieder Blicke aus dem Fenster, bemerkt eine Bewegung in der Dunkelheit – dort draußen ist jemand! Nur irgendein Nachbar, der mit seinem Hund spazieren geht? Robert Barsch? Nein, kann nicht sein, noch nicht, aber vielleicht einer seiner Komplizen? Instinktiv hält Maja sich vom Fenster fern, die Angst krallt sich in ihren Magen.
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