Langsam verfliegt ihre andächtige Stimmung.
„Gut, dass du deine Simpsons-Socken nicht anhattest“, murmelt Maja. „Die Dinger sind so albern, die hätten mich wahrscheinlich im letzten Moment noch abgetörnt.“
Lorenzo grinst im Halbdunkel. „Ach, die hättest du mir doch in Sekundenbruchteilen vom Leib gerissen. Was hast du eigentlich heute gegessen? Was auch immer es war, wir müssen mehr davon kaufen.“
„Ich hätte im Schullabor nichts von diesem neuen Wirkstoff probieren sollen“, frotzelt Maja.
„Damit gewinnst du hundert Pro bei Jugend forscht “, behauptet Lorenzo und streckt seinen durchtrainierten Körper. Kaum zu glauben, dass er als Kind dick gewesen ist und seine Mitschüler ihn “Klops“ gerufen haben. Maja hat es erst geglaubt, als er ihr die Fotos gezeigt hat. Erkannt hat sie ihn nur an den Haaren, dem kleinen Grübchen im Kinn und dem Ausdruck in den Augen.
Maja legt den Kopf auf Lorenzos sommersprossigen Bauch, so dass ihre langen Haare über seinen Körper strömen. „Na, dann drück mir mal die Daumen“, murmelt sie und küsst seine warme Haut. In Wirklichkeit experimentiert sie nicht mit neuen Wirkstoffen, sondern mit einem Warngerät, das einen darauf aufmerksam macht, wenn in der Küche zu viele Schimmelsporen herumfliegen. So richtig ausgereift ist das Ding noch nicht, aber es macht Spaß, daran weiterzuarbeiten.
„Kannst du noch bleiben?“, fragt Lorenzo, sein Blick streift seinen Wecker. „Wie wär´s mit einem Snack? Später muss ich leider noch los. Dutzende von Pizzas warten darauf, ausgeliefert zu werden an lauter Leute, die nicht wissen, dass man am Abend keine Kohlehydrate mehr essen sollte.“
Maja fällt ein, was sie daheim erwartet, und ihre Stimmung sackt ab. Sie schüttelt den Kopf. „Besser, ich bin zum Abendessen daheim. Meiner Mutter geht´s nicht so gut.“
Lorenzo wirft ihr einen forschenden Blick zu, doch er fragt nicht nach. „Schade“, sagt er nur. „Aber morgen sehen wir uns, oder?“
„Ja, logisch“, antwortet Maja, und als sie ihn ansieht, kann sie ihr Glück kaum fassen. „Ach, übrigens, habe ich dir heute schon gesagt, dass ich dich liebe?“
Auf seinem Gesicht geht die Sonne auf. „Hm, heute noch nicht, da bin ich mir ziemlich sicher.“
„Ich liebe dich“, flüstert Maja und Lorenzo küsst sie lange.
Dann wirft sich Maja ein T-Shirt über und tappt auf bloßen Füßen zur Dusche.
Unmöglich. Unmöglich, jetzt zu schlafen. So viel ist geschehen. Maja spürt den Gefühlen von vorhin nach, erinnert sich an Lorenzos Berührungen und lächelt in sich hinein. Ein bisschen wund fühlt sich ihr Körper an, aber das wird vorübergehen. Sie haben es getan. Endlich. Und ausgerechnet heute, nach diesem schrecklichen Brief. Total strange . Den richtigen Moment hat sie sich romantischer vorgestellt, irgendwie. Aber das hier ist eben die richtige Welt und nicht Hollywood...
Dieser Brief. Maja fragt sich, ob ihre Mutter jetzt ebenso wach liegt – wahrscheinlich schon. Fünf Tage. In fünf Tagen ist Robert Barsch frei, und was dann? Wie ein giftiger Dunst steigen die Erinnerungen in Maja hoch.
Noch sind Mama und dieser Robert zusammen. Aber ich wundere mich über die vielen blauen Flecken, stammen die wirklich daher, dass Mama vom Fahrrad gefallen ist? In den ersten Monaten kam mir Robert so nett vor, aber dann hat er immer wieder Sachen gesagt, für die ich ihm am liebsten eine geknallt hätte – wieso lässt sich Lila das bieten, dass er sie Schlampe nennt? Ich glaube, sie hat Angst vor ihm. Robert will nicht, dass Mama Freunde hat, besonders keine männlichen. Wenn jemand anruft, um zu fragen, wie es ihr geht, gibt es Streit. Einmal rastet Robert wegen so etwas völlig aus – Mama kauert auf dem Boden und Robert schlägt auf sie ein, als wäre er verrückt geworden. Ich brülle ihn an, aber er beachtet mich nicht mal. Ich schließe mich im Bad ein und rufe die Polizei an, meine Finger zittern so sehr, dass ich kaum die Nummer wählen kann ...
Die Gedanken wühlen in Majas Magen, sie wegzuschieben klappt nicht. Ablenken. Irgendwie muss sie sich ablenken. Maja nimmt ihr Handy, überlegt, wen sie anrufen könnte. Eigentlich niemanden mehr, nicht um diese Uhrzeit. Lorenzo? Der ist wahrscheinlich noch unterwegs und liefert Pizzas. Eine beste Freundin könnte man schon noch anrufen, aber die muss man erst mal haben. Maja fährt ihren Laptop hoch, geht auf Facebook. 120 Freunde dort, immerhin, das ist doch was. Sie hat eine Einladung von Patrick bekommen zu einer Faschingsparty unter dem Motto „Filmstars“. Klingt lustig. Maja sagt zu, dann postet sie: So ein Mist, ich kann nicht schlafen, zu viel im Kopf, geht es euch auch manchmal so???
Wow, schon nach ein paar Minuten kommen die ersten „Likes“ und mitfühlenden Kommentare.
Ja, klar, kenn ich auch, ich drück dir die Daumen, dass dir bald die Augen zufallen! Das ist von Martina.
Augen zumachen und eine Weile tieeeef durchatmen, das hilft wirklich. Ich drück dich! Cheyenne – die ahnt natürlich nichts von dem Giftmüll in Majas Kopf.
Bin auch noch wach, um diese Uhrzeit bin ich eigentlich am fittesten!, postet Natascha.
Mark schreibt: Schon Schäfchen gezählt?
Depp!
Trotzdem. Es tut gut. Sich nicht allein zu fühlen in dieser Scheißnacht.
Gegen eins legt Maja sich wieder hin. Aber sie ist immer noch nicht müde genug, um sofort wegzudämmern, und schon sind die Gedanken wieder da, aufdringlich wie ein Heer Ameisen.
Irgendwie hat sich Robert wieder in unser Leben gedrängt. Beim nächsten Streit rastet er aus, wirft eine volle Konservendose – nach mir! Ein heftiger Schlag, plötzlich liege ich am Boden, Blut läuft mir in die Augen. Krankenhaus. Mama erstattet Anzeige - und sagt Robert, dass er uns endlich in Ruhe lassen soll, nie wieder will sie irgendetwas mit ihm zu tun haben. Robert ist wütend, so furchtbar wütend. In den nächsten Tagen klingeln alle unsere Telefone ständig. Alle paar Minuten ruft er an, nachts einmal die Stunde, schläft der Typ gar nicht, verdammt? Mama erzählt, dass er ihr jeden Tag Dutzende Mails schreibt. Sie antwortet nicht, aber das scheint ihn nicht zu stören. Wir stöpseln das Telefon aus, Mama beantragt eine neue Nummer, wir ändern unsere Mail-Konten. Aber das macht ihm nichts aus, er ruft sie einfach auf der Arbeit an und schreibt ihr Briefe, die Mama am liebsten verbrennen würde, jedoch als Beweismittel aufheben muss. Ich schaffe es kaum noch einzuschlafen, weil er vielleicht schon wieder vor der Tür steht... und wenn ich schließlich schlafe, dann nur mit fiesen Träumen...
Maja fragt sich, ob die Albträume heute noch wiederkommen werden – vielleicht ist es die Angst vor ihnen, die sie wach hält. Klingt logisch. Aufgedreht und todmüde zugleich wandert Maja durch die Wohnung, redet sich ein, dass sie nichts Bestimmtes sucht. Im Bad ist der Schrank mit Lilas Medikamenten, starkes Zeug hat sie da drin. Zu stark, stärker als sie manchmal. Besser nicht mehr dran denken.
Irgendwie schafft Maja es, am Bad vorbeizugehen. Sie kommt am Zimmer vorbei, in dem Elias schläft, sie kann seinen ruhigen Atem hören. Lila hat wohl geschafft, ihm vorzumachen, dass alles in Ordnung ist. Gott sei Dank. Früher war das anders, da ging das nicht mehr ...
Wir spielen viel drinnen mit Elias, weil wir alle Angst haben, draußen wieder Robert Barsch zu begegnen. Meistens bleiben die Rollläden unten. Elias stellt viele Fragen, will wissen, warum manche Menschen so böse sind und was er eigentlich von uns will. „Er will über uns herrschen, glaube ich – wie so eine Art König“, sagt Lila. „Ein böser König“, sagt Elias und nickt, das versteht er, so was gibt es auch in seinen Märchen. Lila und ich blicken uns an. Ist es das? Oder ist es noch viel schlimmer? Vielleicht will er uns jetzt nur noch bestrafen. Sich rächen dafür, dass Mama ihn nicht mehr will. Uns vernichten.
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