Kurz darauf schafft es unsere getigerte Katze Jumpy, rauszuschlüpfen auf die Straße. Am nächsten Tag liegt ihre blutige Pfote vor unserer Tür. Es ist eine Botschaft, das ist klar. Wir heulen alle, Elias ist völlig hysterisch. Mama ruft sofort die Polizei an, will wieder einmal Anzeige erstatten, aber sie erfährt, dass es nur eine Sachbeschädigung ist, eine Katze zu töten. Nur eine Sachbeschädigung!
Mamas Anzeigen und Einstweilige Verfügungen beeindrucken Robert Barsch sowieso nicht, er ignoriert einfach, dass er sich uns nicht mehr nähern darf. Die Polizei gibt zur Auskunft, dass sie uns nicht helfen könne.
Bis eines Tages ...
Nein. NEIN! Verdammt, nein! Bloß nicht an all das denken. Maja versucht es mit einer der Übungen, die der Psychologe ihr erklärt hat, und tut ihr bestes, um das heitere Bild in sich heraufzubeschwören. Ich liege auf einer Sommerwiese, über mir der blaue Himmel. Wolken ziehen an mir vorbei. Ich stelle mir vor, dass ich die düsteren Gedanken auf einer dieser Wolken ablege. Sofort fühle ich mich leichter, die Last auf mir ist weg. Die Wolke wird vom Wind über den Himmel geschoben und nimmt die Gedanken mit ...
Es funktioniert, Maja fühlt sich ein wenig besser. Er weiß nicht, wo wir jetzt leben, sagt sie sich immer wieder. Er ist weg, wir sind hier in Sicherheit .
Aber was ist, wenn er aus dem Knast kommt und dann wieder anfängt, sie zu verfolgen? Würden sie das noch mal durchstehen? Müssen sie dann wieder so leben wie damals, im Haus verschanzt, voller Panik, hilflos, ausgeliefert ohne echten Schutz?
Schluss jetzt! Er wird nicht herausfinden, wo wir sind . Klar?
Klar, antwortet Maja sich selbst gehorsam. Sie tappt doch noch ins Bad, aber nur, um sich kaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen. Zwei Uhr nachts. Das wird mal wieder toll werden in der Schule, ein endloser Kampf gegen nach unten sackende Augenlider. Wenigstens schreiben sie morgen keine Klassenarbeit, das hätte ihr gerade noch gefehlt.
Maja kriecht unter ihre Bettdecke und schließt die Augen. Die Sommerwiese ist weg und nicht wiederzufinden. Und gerade jetzt bräuchte Maja sie so dringend, schon spürt sie, wie die Vergangenheit über sie herfällt ....
Ich komme von der Schule nach Hause – und schon von Weitem sehe ich das Blaulicht. Je näher ich komme, desto schneller gehe ich, eine furchtbare Ahnung steigt in mir auf. Ja, es ist unser Haus, vor dem Kranken- und Polizeiwagen stehen! Ich frage, was los ist, aber keiner will es mir sagen, ich rede immer lauter, schreie herum ... und dann tragen sie Mama heraus, blutüberströmt, eine Sauerstoffmaske über dem Gesicht ...
Jetzt erst kommen die Tränen, sie kitzeln auf ihrem Gesicht, sickern ins Kissen. Und seltsam ... das Weinen hilft, endlich ist Majas Kopf leer.
Endlich kann der Schlaf sie zu sich holen.
Der nächste Morgen ist eine Zumutung. Maja fühlt sich, als hätte sie gestern alleine eine Flasche Tequila geleert, die Kopfschmerzen sprengen ihr fast den Schädel. Schweigend beißt sie in ihr Aufbackbrötchen. Lila versucht, fröhlich dreinzublicken. Doch unter ihren Augen zeichnen sich tiefe Schatten ab, ihre Haut sieht aus wie dünnes, zerknittertes Papier und selbst ihre langen, dunklen Locken wirken heute nicht so prachtvoll wie sonst. Sie hat ihre Narben noch nicht überschminkt, man sieht sie an der Schläfe und neben dem Kinn. Aber sie sind verblasst in den letzten Jahren. Vielleicht verschwinden sie irgendwann einmal ganz. Wie die Erinnerungen hoffentlich auch.
„Darf ich noch ein Brötchen süß?“, fragt Elias, sein hellblondes Haar steht noch ungekämmt zu Berge. Er mustert hoffnungsvoll das Glas mit der Schokocreme. Sein grün-orangener Kuscheldrache sitzt neben ihm auf dem Frühstückstisch und scheint die Schnauze in Richtung Schokoglas zu recken.
„Na gut, ausnahmsweise“, antwortet Lila. „Und lass uns mal besprechen, wen du zu deinem Geburtstag übernächste Woche einladen willst.“
Elias blickt auf seinen Teller. „Weiß nich. Nur Lorenzo.“
Maja muss lächeln. Das ist süß, aber eigentlich hatte ihnen eher eine Kinderparty vorgeschwebt. „Wen magst du denn in deiner Klasse?“, versucht sie nachzuhelfen.
„Eigentlich niemand“, sagt Elias. „Die sind alle doof.“
„Ach, wir müssen auch gar keine Party machen“, sagt Lila rasch. „Wie wär´s, wenn wir drei und Lorenzo zusammen Pommes essen gehen?“
Zum Glück nickt Elias und versucht sogar ein Lächeln. Maja lächelt zurück. Was für ein Mist, dass er in seiner Klasse immer noch keinen Anschluss gefunden hat. Wahrscheinlich ist er den anderen zu schüchtern, oder zu uncool. Es tut weh, sich vorzustellen, dass ein lieber Kerl wie er jeden Tag allein auf dem Pausenhof steht und sein Brot in sich hineinmümmelt. Lorenzo hat erzählt, dass er früher auch gemobbt wurde, und unterhält sich immer total nett mit Elias, wenn er Maja besucht. Kein Wunder, dass Elias ihn mag.
Irgendwie schleppt sich Maja durch den Schultag. Lorenzo ist ein Jahr älter als sie und eine Stufe über ihr, sie sieht ihn nur in den Pausen und in der Mensa. Aber allein sind sie keinen Moment lang, und Maja freut sich schon auf den Abend mit ihm. Ob sie wieder miteinander schlafen werden? Will sie das? Sie ist noch nicht ganz sicher, die Stimmung muss passen.
Als Maja heimkommt, wirft sie sich völlig erschöpft aufs Sofa. Mit Jana hat sie ausgemacht, dass sie gegen fünf Uhr anruft, um ihr Kostüm für die Party abzusprechen. Patrick selbst wird als „Man in Black“ gehen, so viel ist schon klar, aber Jana schwankt noch zwischen Lara Croft und irgendeiner Figur aus den Tolkien-Verfilmungen. Maja hat noch keine wirkliche Idee. Sie fühlt sich in der Stimmung für ein King-Kong-Kostüm, am liebsten würde sie jetzt sofort den einen oder anderen Wolkenkratzer umkippen.
Elias ist auch aus Schule und Hort zurück. Mit zwei Vulkan-Büchern unter dem Arm verzieht er sich in sein Zimmer, steckt dann aber noch mal den Kopf durch die Tür und schaut sie mit Dackelblick an. „Hilfst du mir nachher noch, an meinem Vulkan weiterzubauen?“
„Okay“, sagt Maja und seufzt. Elias bastelt seit Wochen an einem fast einen Meter hohen Vulkanmodell aus Pappmaché, das er mit rot-gelben Lavaströmen bemalt hat.
„Er soll nämlich richtig Feuer spucken, und ich weiß nicht, wie ich das hinkriegen soll“, meint Elias.
„Ich müsste mal im Internet nachschauen, ob so was überhaupt geht“, wendet Maja ein. „Außerdem klingt das ziemlich gefährlich.“
„Aber es ist wichtig, dass der Vulkan richtig ausbrechen kann! Sonst kann ich doch nicht ...“
Es ist fünf Uhr und das Festnetz-Telefon klingelt. Ganz kurz wundert sich Maja, warum sich Jana nicht auf dem Handy meldet, aber da hat sie schon abgenommen.
Doch es ist nicht Janas Stimme, die aus dem Hörer dringt. Sondern die eines Mannes. Maja erkennt sie sofort und ein eisiger Schauer rieselt durch ihren ganzen Körper.
„Ihr dachtet, ihr seid mich los, was?“, sagt der Mann. „Aber ich weiß, wo ihr seid. Sag deiner Mutter, sie soll zu mir zurückkommen. Sonst killen wir euch ...“
Das Telefon fällt Maja aus der Hand und kracht auf den Boden.
Nein!
Nein!
Zur Schule zu gehen, kommt nicht mehr in frage, zu riskant. Eine halbe Stunde später sitzen sie alle drei bei der Polizei, vor ihnen eine Beauftragte für Familie und Kinder. Lila schreit beinahe. „Wie konnte denn das passieren? Wie kann dieser Mistkerl überhaupt an ein Telefon herankommen, wenn er in Haft ist?“
Die dunkelhaarige Polizeibeamtin, die Koretzki heißt oder so ähnlich, verzieht das Gesicht. „Natürlich darf er im Gefängnis normalerweise nicht telefonieren, das versteht sich von selbst. Aber wenn die wirklich entschlossen sind, schaffen sie es doch irgendwie, sich ein illegales Handy zu besorgen. Oder Drogen, oder sonstwas. Aha, ich sehe in den Unterlagen, dass die Gefängnisverwaltung mehrere seiner Briefe an Sie gar nicht erst an Sie zugestellt hat, weil sie Drohungen enthielten.“
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