„He, willst du das wirklich?“, ruft Lorenzo lachend, als sie sich in seine Arme wirft. „Ich bin klatschnass ...“
„Ist mir egal“, sagt Maja und hört, dass ihre Stimme erstickt klingt. Auch Lorenzo hört es und wird ernst. Sie fühlt seine warme Hand an ihrer Wange, seinen Kuss auf ihren Lippen. „Was ist passiert?“
Doch Maja bleibt stumm, sie bringt die Worte nicht über ihre Lippen. Besser, sie behält es für sich. Es ist beschissen gelaufen in ihrer letzten Schule. Als die Leute dort Wind von der ganzen Sache bekommen haben, hatten sie ihre Sensation, begierig haben sie immer wieder nachgefragt. Wow, das ist ja wie im Krimi, und was genau hat der Typ dann gemacht? Was, die Bullen waren schon wieder bei euch, was ist denn passiert? Aber nach einer Weile gab es andere Dinge, die interessanter waren, und irgendwann hatte Maja das Gefühl, dass es einfach nur nervte, wenn sie schon wieder davon erzählte. Wie sich das wirklich anfühlte, wie schlimm es war, konnten die anderen sowieso nicht verstehen.
Sie will nicht, dass es ihr mit Lorenzo auch so geht. Ihre Zeit mit ihm soll absolut Robert-Barsch-frei sein. Nicht verseucht von all diesem Mist.
Vorsichtig lässt Lorenzo sie los und sieht sie mit einem forschenden Blick an. „Ich dusche ganz schnell, dann bin ich wieder bei dir, ja?“, verspricht er und Maja nickt mechanisch.
Lorenzo hält Wort, schon nach wenigen Minuten ist er wieder da und sieht in seinem schwarzen Kapuzen-Sweatshirt und den Jeans verwegen und unglaublich gut aus.
Minutenlang stehen sie einfach nur auf dem Hof und Lorenzo hält sie ganz fest, während die anderen Leute an ihnen vorbeilaufen. Maja drückt ihr Gesicht in seine Halsbeuge und atmet seinen Geruch nach frisch gebackenem Pizzateig ein, der wie so oft in seinen Klamotten hängt.
„Irgendwas mit deiner Familie? Zoff gehabt?“, versucht Lorenzo es noch einmal, doch als Maja schweigend den Kopf schüttelt, gibt er vorerst auf.
Sie fahren zu ihm nach Hause, und Maja schleppt sich mit Mühe die Treppenstufen des Altbaus hoch, sämtliche Energie scheint sie verlassen zu haben. Seine Eltern sind gerade nicht da und das ist vielleicht besser so. Bei Lorenzos Vater, der aus einem kleinen Ort in Norditalien stammt, hat Maja manchmal das Gefühl, er wünsche sich ein anderes Mädchen für Lorenzo. Eins, das nicht besser in Physik ist als sein Sohn, ein Mädchen, das irgendetwas anderes werden will als Lebensmittelchemikerin – jedes Mal fragt er sie ungläubig, ob sie das ernst meine. Und jedes Mal kommen daraufhin in Maja die Zweifel hoch, ob sie sich dieses lange und schwierige Studium wirklich zutraut. Da hilft es wenig, wenn Lorenzos selbstbewusste, rothaarige Mutter Nelly ihr verschwörerisch zuzwinkert, als wolle sie sagen: So sind sie halt, die Männer. Und wenn die Großeltern da sind, dann ist alles noch schlimmer, irgendwann regt sich Lorenzos Nonna garantiert wieder über Lorenzos holpriges Italienisch auf.
Doch heute ist außer ihnen niemand da.
Lorenzo geht voraus in sein Zimmer, ein gemütliches Chaos aus Klamotten – zum großen Teil ungewaschen –, Bibliotheksbüchern, die bestimmt längst überfällig sind, und selbst gebrannten Foto-CDs. Instinktiv geht Maja zum Fenster, schaut hinaus, kontrolliert wie schon zahllose Male zuvor, ob sie jemand Verdächtiges auf der Straße sieht. Nein, da ist niemand. Erschöpft presst sie die Stirn gegen die Fensterscheibe und fühlt, wie die Kälte in ihre Haut sickert.
„Bleib so“, flüstert Lorenzo und dann hört sie das satte Klack-Klack seiner digitalen Spiegelreflex. Schweigend zeigt er ihr die Bilder, und Maja staunt wieder einmal, wie hübsch sie auf Lorenzos Fotos aussieht. Vielleicht haben er und seine Kamera sich gemeinsam in sie verliebt, und die Bilder zeigen, wie Lorenzo sie sieht. Jedenfalls wirkt das Mädchen auf dem Bild wie eine verbannte Prinzessin, und das sonst so hässliche graue Winterlicht legt einen Perlenschimmer auf ihr langes, eichenholzfarbenes Haar.
„Wir brauchen noch ein Motto für nächste Woche“, sagt Lorenzo, fährt seinen Laptop hoch und ruft Treibgut auf, ihren gemeinsamen Blog. Er fotografiert dafür, sie schreibt. „Diesmal bist du dran.“
Maja weiß, dass er sie ablenken will, und ist ihm dankbar dafür. „Wie wär´s mit Frost und Asche ?“ Es ist das Erste, was ihr in den Sinn kommt.
„Wow, du bist ja wirklich gut drauf“, grinst Lorenzo. „Ja, okay. Ich hab schon ein paar Motive dazu im Kopf. Und du? Artikel, Anekdote, Kurzgeschichte?“
„Vielleicht“, erwidert Maja. Am liebsten hätte sie so getan, als wäre alles in Ordnung, aber das ist furchtbar schwer. Und Lorenzo scheint es zu spüren. Er klappt den Laptop wieder zu und hockt sich im Schneidersitz auf sein Bett.
„Komm her“, sagt er sanft und sie geht zu ihm. Doch diesmal schmiegt sie sich nicht an ihn, um sich trösten zu lassen. Auf einmal ist es Wut, die sie fühlt, eine plötzliche heiße Wut auf die Welt. Sie küsst Lorenzo so heftig, dass er überrascht wirkt. Doch schon nach ein paar Momenten hat er sich darauf eingestellt, nimmt die Herausforderung an und küsst sie ebenso wild zurück. Wagemutig lässt Maja die Hände unter sein Kapuzen-Sweatshirt wandern, über die harten Muskeln seines Rückens, über seine glatte Brust, über die Ausbeulung in seiner Jeans. Sie zieht sich den Pullover und das Top über den Kopf, lässt beides auf den Boden fallen.
Was ist los mit ihr? Ein halbes Jahr lang hat sie diesen Moment hinausgezögert und jetzt ist die Furcht davor einfach weg. Wahrscheinlich wird es wehtun – na und?
Lorenzo steht nur noch einmal kurz auf, um die Tür seines Zimmers abzuschließen und in einer Schublade hektisch nach etwas zu kramen – aha, einem Kondom – , dann kehrt er zu ihr zurück. Seine Lippen tasten sich voran, gleiten über ihre Haut, berühren geheime Stellen ihres Körpers. Er wirkt ein klein wenig nervös, schaut immer wieder zu ihr hoch, wartet auf ein Stopp , das nicht kommt. Ein warmer Schauer rieselt durch Majas ganzen Körper, ihr Atem geht schnell.
„So? Ist das gut so, oder ...?“ Lorenzo hält kurz inne. „Ja, ja, und ja“, flüstert Maja, sie will, dass er weitermacht, merkt er nicht, dass es ihr gefällt? Wieso hört er auf? Vielleicht, weil sie jetzt dran ist? Ihre Hände tasten sich vor und Lorenzo keucht auf. Maja streift ihren Slip ab, und endlich kommen von Lorenzo keine Fragen mehr. Wo hört sein Körper auf und beginnt ihrer?
Ja, es tut wirklich einen Moment lang weh und ist auch ziemlich schnell vorbei, aber das macht nichts. Ganz eng liegen sie beieinander und halten sich fest, nackt und verschwitzt unter der Daunendecke. Wow. Sie haben es getan. Sehr viel erwachsener als vorher fühlt Maja sich nicht, vielleicht kommt das noch.
Lorenzo streicht über ihre Wange, lässt einen Finger über ihre Stirn, ihre Nase, ihr Kinn gleiten. So unsagbar zärtlich, dass Maja fast die Tränen kommen. Aber sie kann jetzt nicht weinen, das würde er falsch verstehen.
„Wie gut, dass du mich damals gesucht und gefunden hast“, flüstert sie ihm zu. „Wenn du das nicht getan hättest ...“
„Daran will ich gar nicht denken“, wispert Lorenzo. „Es gibt so viele verpasste Gelegenheiten im Leben ... aber manchmal hat man eben auch Glück ...“
Glück? Hat sie Glück gehabt im Leben? Wenn Maja Lorenzo ansieht, dann steigt eine große Wärme in ihr hoch. Ja. Die furchtbare Zeit in Marburg ist Vergangenheit, ganz sicher ist sie das!, und Lorenzo ist ihre Zukunft. Noch nie hat sie jemanden getroffen, mit dem sie sich so auf Anhieb verstanden hat, mit dem sie so vieles teilen kann.
Irgendwie spürt Lorenzo, dass ihr so einiges durch den Kopf geht, er stützt sich auf einen Ellenbogen und betrachtet sie nachdenklich. Doch Maja will jetzt kein Problemgespräch, sie will genießen, wie sie sich jetzt fühlt. Ganz und gar lebendig. Froh. Geborgen. Das ist ja wohl ein Zeichen, dass sie das Richtige getan haben, oder?
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