Sie nannten Kindheit einmal den „Einstieg des Menschenwesens in seine Zeit“. Ihre Helden erleben Krisen auf dem Weg zu sich selbst. Ist Erwachsenwerden wirklich so schwer?
Nun, der Körper wächst von allein, aber ein „freier Geist“ will erarbeitet sein, und die „liebe Seele“ soll keine Ruhe haben, sie soll empfänglich sein für eigene Signale und das Mitfühlen erlernen. Das geht nicht ohne kleine und große Konflikte, die zumeist nicht offen ausgetragen oder in einem Ersatzproblem versteckt werden. Aber im stillen Kämmerlein kann ich nicht wachsen, und wenn ich mich finden will, dann muss ich mich in den anderen suchen. Das heißt, ich muss mich der Welt stellen, in die ich hineinwachsen will.
Ich gestalte Einzelbeispiele, die zuspitzen sollen, was ich bei Heranwachsenden für wünschens- und erstrebenswert halte: frei, eigenständig und aufrecht laufen zu lernen. Wir nehmen aber unsere Kinder lieber an die Hand als dass wir sie auf die eigenen Beine stellen. Wir wollen immer alles fest im Griff haben und dabei lässt sich doch nichts festhalten.
Es ist noch gar nicht so lange her, da unterschieden sich Mädchen in ihren Träumen und Taten erheblich von den Jungen, und so stand es auch in den Büchern. Reste des traditionellen Rollenbildes sind immer noch zu finden. „Ihre „Julia“ und Luise aus „Feen sterben nicht“ tragen dagegen interessante neue Züge. Warum wählen Sie so häufig Mädchen als literarische Helden, und welche Konsequenzen hat es, wenn Sie einen Jungen oder ein Mädchen in den Mittelpunkt stellen?
Ich denke, Literatur hat auch die Aufgabe, mit der Jahrhunderte währenden Ungerechtigkeit gegenüber den Frauen aufzuräumen. Ich habe als Mann kein Problem, Frauen als gleichwertige und gleichberechtigte Menschen zu sehen. Frauen könnten, wenn Männer es denn zuließen, sehr viel Eigenes in unsere zerstrittene Welt einbringen; vielleicht lässt sich ja mit „Weiblichkeit“ eher Vernunft und Toleranz durchzusetzen. Die von Männern dominierte Welt zeigt uns bis auf den heutigen Tag eine Menschheitsgeschichte voller Kriege und Mord und Totschlag. Die Männer können sich einfach nicht „kultivieren“, sie kommen aus ihrer gewalttätigen Pascharolle nicht heraus, ihr Ego will ständig mit Unterwerfungen und Dominanzgehabe gefüttert werden. Frauen können auf die friedvolle Präsenz ihrer Mütterlichkeit bauen, sie besitzen kraftvolle Impulse zum Bewahren des Lebens, und ihr Selbstwertgefühl beziehen sie nicht aus Gewalttaten. Sie sollten endlich mehr Macht ausüben, ohne dabei in die Hosenrolle zu schlüpfen. Dabei würden sie nur an Weiblichkeit verlieren, und alles bliebe wie gehabt.
Im Annehmen dieser Thematik sehe ich auch eine Fundgrube für die Literatur, auch für die Kinder- und Jugendliteratur. Wenn Bücher bewusstseinformend in Gesellschaftsprozesse eingreifen können, dann doch vor allem bei Kindern. Alle Grundsteine für ein durchs Leben tragendes Fundament werden ja in den ersten Lebensjahren gelegt.
Ob nun der Held eines Buches ein Mädchen oder ein Junge ist, hat für die Details der Geschichte sicher viele Konsequenzen. Aber im Wesentlichen bewegen sich in meinen Überlegungen Jungen und Mädchen charakterlich aufeinander zu: Jungen sind auch verträumt und sensibel, Mädchen rebellisch und tatkräftig, die Geschlechter sind ja einander verwandt und dennoch verschieden. Ich erfinde also kindliche und jugendliche „Helden“, die sich selbst und somit auch die Erwachsenen herausfordern, die aus dem Laufgitter ausbrechen und sich auf eigenen Wegen versuchen. Vielleicht ist das bei Mädchen spannender, weil man es von ihnen weniger erwartet.
Ihr neues Buch, „Annabella und der große Zauberer“, erzählt wieder von einem ungewöhnlichen Mädchen. Annabella entdeckt das „Warum?“ als Schlüssel zu wichtigen Lebenserkenntnissen. Sie variieren damit wieder ihr Grundthema – diesmal für Leute, die gerade das Lesen gelernt haben.
Annabella ist ein Widerspruchsgeist, eine kleine Rebellin. Sie ist nicht bereit, die Welt so hinzunehmen, wie sie ihr zur schnellen Anpassung vorgesetzt wird. Die alte Frau, bei der sie mit ihren Eltern lebt, lehrt sie, ihre Fantasie zu gebrauchen. Aber Annabellas Fantasiegeschichten kollidieren mit dem wirklichen Leben. Das „Warum?“ wird für sie zur weltbewegenden Frage, es hilft ihr Brücken zu bauen von der Realwelt in eine Fantasiewelt und zurück. Damit fordert sie die unumstößlich installierte Erwachsenenwelt heraus, die strikte Einordnung und letztendlich Unterwerfung verlangt. Dem sperrt sich Annabella nicht, weil sie böse ist oder stören will, sondern um zur Selbstbehauptung Erfahrungen zu sammeln.
Was können Ihre Leser außerdem in der nächsten Zeit von Ihnen erwarten?
1987 wird im Verlag „Neues Leben“ die Erzählung „Frau Butzmann und ihre Söhne“ erscheinen. Das ist eine Geschichte, die danach fragt, ob bei der rasanten technischen Entwicklung uns „Naturwesen“ genügend Zeit bleibt, dies alles zu verarbeiten und schließlich nicht selbst zum Ding zu werden. Der Verlag „Tribüne“ bereitet die Herausgabe der Erzählung „Das Kind aus dem Brunnen“ vor, der „Postreiterverlag“ das Kinderbuch „Margit mit der Stupsnase“. Außerdem habe ich zwei Theaterstücke geschrieben, über ihre Aufführung ist noch nicht entschieden.
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