Natürlich muss der Lehrer sein Weltbild haben, sein Morgenland also, und er selbst muss ein Morgenlandfahrer sein, ein Suchender also, der sein Ziel kennt. Ein Pädagoge ist eben nicht nur ein Erziehungsberechtigter, sondern auch ein Erziehungsbedürftiger, er bedarf der erzieherischen Kraft der Kinder. Wenn er ihr Staunen und ihre Lust am Spiel nicht mehr wahrnimmt oder gar störend empfindet und sich längst in toten Buchstaben und Zahlen verfangen hat, dann wird er bestenfalls Wissende aus seiner Schule entlassen können. Das aber ist zu wenig. Wir Menschen sind nichts ohne den Glauben. Ob wir ihn nun Gottglauben nennen oder nicht, es ist der Glaube an uns selbst, an das Gute in uns, an die uns innewohnende lebensgestalterische- und erhaltende Kraft.
Wir hatten in unserem Land eine Zeit, die noch gar nicht so lange zurückliegt, in der wir fest überzeugt waren, dass wir unser Morgenland, eben den Kommunismus, mit ein paar Katzensprüngen heraus aus jahrtausendealter Menschheitsgeschichte erreichen könnten. Das waren gute Tage des Aufbruchs, des Wollens und Glaubens nach den langen Jahren faschistischer Entsetzlichkeit. Jetzt, wo uns der Alltag eingeholt hat, abgestiegen von den Gedankengipfeln in die Mühen der Ebene, sollten wir begriffen haben, dass unser schönes Ziel, eine Welt des Friedens, der Einheit und Gleichheit, eine wahre Herkulesaufgabe ist, an der wohl, solange es Menschen gibt, gearbeitet werden muss. Diese Erkenntnis zeugt von notwendiger Reife, sie sollte uns nicht mutlos machen; denn eine große Zielstellung bedarf einer noch größeren Anstrengung.
Wir schufen und benutzten noch vor kurzem Wortgebilde wie „Sozialistische Menschengemeinschaft“. Sie wurden von oben herab suggestiv gebraucht, um uns immer wieder einzuschwören auf Gemeinsamkeit. Manchmal haben wir sie wohl auch bewitzelt wegen ihrer allgemeinen Größe, dem einen und anderen ist es in dieser „Kollektivierung“ zu eng geworden, und dennoch trugen sie unsere Hoffnung auf Entwicklung. Inzwischen gehen wir vorsichtiger mit Worten um, ja, manchmal ängstigen wir uns, eine gute Sache mit guten Worten zu benennen, und es sieht in der Tat wieder einmal nicht zum Besten aus mit uns Menschen auf unserer Erde. Aber eine Untergangsstimmung lähmt uns nur, wo es doch jeden klugen Gedanken und jede zupackende Hand braucht, um aus den Wirren unserer Zeit herauszufinden. Und dazu braucht es auch die Künste, die Literatur, das Wort eben, Geschichten, Theaterstücke, Gedichte, die uns unbestechlich die Realität spiegeln und mit ihrer poetischen Ehrlichkeit Mut zur Veränderung machen. Es werden dringend Menschenbilder, Welt- und vor allem auch Zukunftsbilder gebraucht, vor allem auch für unsere Kinder, damit sie ihre Welt mitgestalten können. Jetzt zu resignieren wäre ebenso tödlich wie in einen blinden Zukunftsoptimismus zu verfallen.
Wir, die wir uns hier zusammengefunden haben, sind Lektoren, Schriftsteller, Illustratoren und Verlagsmitarbeiter, die mit Wort und Bild, dieser wohl größten menschlichen Errungenschaft, künstlerisch umzugehen wissen. Man könnte auch sagen, unsere Aufgabe ist es, uns zur Wahrheit hinzulügen. Auch wir sind Morgenlandfahrer, und wir erfinden und gestalten Geschichten für Morgenlandfahrer. Und jeder, der mit uns auf dem Weg ist, sollte seinen Platz unter uns finden können. Wir Büchermacher sind Anwälte unserer Kinder. Wir vertreten sie gegenüber denen, die sie zur Durchsetzung eigener Interessen benutzen wollen, mit unserer Lebenserfahrung, Bildung und Fantasie. Wir stellen ihnen keine fertige Welt vor, sondern viele Welten, zu denen sie neue hinzuerfinden und ausmalen sollen. Würden wir uns von der Zukunft, von der Freiheit der Entscheidung lossagen, würden wir uns unseren Kindern entziehen, wir würden sie, und nicht aus materieller Not, wie Hänsel und Gretel in den dicksten Wald schicken, um sie loszuwerden. Haben wir doch nicht soviel Angst um unsern Machtanspruch, gestatten wir doch unseren Kindern in Familie und Schule mehr praktizierte Gleichberechtigung. Ich denke, um eine Überforderung brauchen wir uns beim gegenwärtigen Stand der Dinge nicht zu sorgen. Wenn man die Augen dafür öffnet, so erkennt man, dass Kinder uns viel zu zeigen haben, und wenn man ein Ohr dafür hat, so hört man aus Kindermund längst Verlerntes. Denn auch wir beherrschten einmal die Sprache der Tiere und Pflanzen, wir konnten Steine zum Leben erwecken und es fiel uns nicht schwer, jede Gestalt anzunehmen und mit den Vögeln im Herbst nach Süden zu ziehen.
Im Märchen „Hänsel und Gretel“ kann die Familie nur durch ein Wunder gerettet werden. – Und endlich erblickten sie von weitem ihres Vaters Haus. Da fingen sie an zu laufen, stürzten in die Stube hinein und fielen ihrem Vater und ihrer Mutter um den Hals. Der Mann und die Frau hatten keine frohe Stunde gehabt, seitdem sie die Kinder im Wald gelassen hatten. Gretel schüttete sein Schürzchen aus, dass die Perlen und Edelsteine in der Stube herumsprangen, und Hänsel warf eine Handvoll nach der anderen aus seiner Tasche dazu. Da hatten alle Sorgen ein Ende, und sie lebten in lauter Freude zusammen.
Wir wissen, dass aus „Perlen und Edelsteinen“, wenn man sie denn schon gewonnen hat, nicht eitel Freude entsteht. Das Geschmeide von dazumal müssen wir heute von der Haut in unsere Herzen bringen. Dafür bedarf es unter anderem auch vieler Bücher, die uns die Welt verstehen lassen und sie zu verändern helfen.
10. Und es muss blaue Hunde geben (1986)
Das Gespräch führte: Michael Hinze
1975 brachten Sie die „Mühsal des Schreibens“ auf die Formel: „Lieber schwere Möbel tragen als tausend unbeschriebene Seiten.“ Ist diese Last leichter geworden?
Nein. Aber vielleicht bin ich mir inzwischen auch der Freuden der Schreibarbeit etwas bewusster geworden. Denn es ist ja keine Strafarbeit, zu der mich irgendwer zwingt. Eigentlich kann dabei niemand außer mir selbst Druck auf mich ausüben. Es ist ein Beruf, der wie jeder andere auch ernst zu nehmen ist, wobei man in der Übung bleiben sollte, wenigstens ab und an über sich zu lachen.
Nach wie vor überkommt mich jedoch das schlechte Gewissen, wenn ich nichts zu Papier bringe. Meine Eltern mussten sich schwer arbeitend ihr Leben verdienen. Und mir erging es nicht anders in verschiedenen Berufen, die ich ausübte. Ich fühle mich unzufrieden, nutzlos belastet, wenn ich nicht gearbeitet habe. Irgendwie schuldig. Hier wirkt wohl die Erziehung nach; es hat mich keiner gelehrt, faul zu sein, was ja für Zeiten der Entspannung gut und richtig, ja notwendig ist.
Weshalb schreiben Sie?
Nicht eine abstrakte Idee führt mich zu einer Geschichte, sondern ein starkes Gefühl, das aus einer Beziehung zu einem oder mehreren Menschen, also auch zur Gesellschaft insgesamt entstanden ist. Wut und Verzweiflung können dabei ebenso starke Motive wie Freude und Lust sein. Zweifel und Gewissheit sind dabei sich bekämpfende Geschwister.
Es ist doch so: Hätte ich ein sonniges Gemüt, würden mich Konflikte abstoßen und nicht anziehen. Wollte ich Menschen und Welt belassen, wie sie sind, und wäre nicht darauf aus, sie zu bessern, müsste ich nicht versuchen, Leben durch Kunst zu kompensieren. Ich gehöre wohl zu den ewig Unzufriedenen, die keine Nörgler sein wollen und sich durch Fleiß und Engagement aus diesem misslichen Zustand, an Ideale gebunden zu sein, befreien wollen. Der Besserwisser hat nur eine Entschuldigung: das Bessermachen.
Mir scheint, dass in all Ihren literarischen Arbeiten ein großer autobiografischer Anteil steckt?
Ja. Mit dem Schreiben von Geschichten habe ich - nach langem Suchen - eine Möglichkeit gefunden, diese Unruhe in mir in eine Form zu bringen, ähnlich wie bei einer Uhr, wo sie ein kompliziertes Getriebe in Gang setzt, das dann die Zeit anzeigt. Es ist wohl immer wieder der gleiche Typus Mensch, den ich losschicke, der wie im Märchen die Prüfungen des Lebens bestehen muss, bevor er (vielleicht) aus den Händen seiner Schönen den goldenen Apfel erhält.
Читать дальше