Da du so in zwei Typen immer wieder unterscheidest, sind dann solche Bullis bei dir gleich Leiter und die Peter gleich Künstler?
Das ist wohl so. Würde man die Rollen vertauschen, fühlten sich beide nicht wohl, sie wüssten mit ihren spezifischen Neigungen und Fähigkeiten auf fremdem Terrain nicht viel anzufangen. Die Kunst verträgt keinen „Durchreißer“ und eine Leiterstelle (zum Beispiel in der Wirtschaft) keinen „Träumer“. Beide haben zwar mit derselben Welt zu tun, aber mit einer anderen Materie. Die Materie des Praktikers ist das Ding an sich, dessen Gestalt erhalten oder weiter entwickelt werden soll; die Materie des Künstlers ist der Inhalt des Dings, sein Geist und seine Seele, dessen labyrinthischen Wege er ausleuchten will.
Aber sollte nicht ein guter Leiter auch ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen und Gefühlsreichtum, an Verständnis für seine Mitarbeiter und darüber hinaus entwickeln?
Ich weiß nicht, wie ein Leiter später einmal aussehen wird. Mir geht es hier um den erfolgreichen Leiter unter unseren gegenwärtigen Bedingungen. Besäße der im zermürbenden und weit in den Feierabend hineinreichenden Arbeitstag ein großes Maß an Gefühlsreichtum, würde er wohl seine Arbeit, die ihn sachlich, nüchtern und entscheidungsfreudig verlangt, nicht zur Zufriedenheit ausführen können. Der Arzt, wenn er helfen will, kann auch nicht mit jedem seiner Patienten mitleiden oder gar mitsterben. Um sein Amt auszufüllen, wird er zu seinen Patienten Distanz bewahren müssen, vor allem zu dessen Leiden. Diese innere Distanz zum zu behandelnden „Gegenstand“, die sich der Künstler nicht leisten darf, muss der Leiter besitzen. Das heißt ja nicht, dass er gefühlskalt sein muss. Aber während der Künstler wohl eher über sein Fühlen zum Denken gelangt, ist es bei dem Leiter umgekehrt; seine Gefühle sind eher vom Verstand beherrscht. Ich sagte ja schon, dass in solcher Trennung der Gegensätze Menschen nicht existieren, ich treibe es ja nur auf die Spitze, um mich zu verdeutlichen. Die Übergänge sind fließend, nur dass bei dem einen dies und dem anderen das vorherrscht. Verstand und Gefühl reiben sich natürlich in jedem Menschen aneinander, das macht menschliches Leben ja gerade so spannend.
Unsere Gesellschaft als Leistungsgesellschaft scheint in deinen Überlegungen dazu einen zentralen Platz einzunehmen. Auch Peter hatte einmal Bullis Position in der Klasse inne. Das war zu der Zeit, als sein Verhalten noch von einem Leistungsstreben auf allen Gebieten gekennzeichnet war. Mit dem Nachlassen dieses Leistungsstrebens und dem Ausbleiben öffentlicher Anerkennung verlor er nicht nur seine Position in der Klasse, sondern auch einen Großteil seiner Freunde, was sowohl mit moralischen Normen, die in unserer Gesellschaft gültig sind, zu tun hat als auch mit der Frage, wie wir die Nachfolgenden erziehen sollten, welche Werte zu vermitteln sind. Das berührt das Verhältnis von Ideal und Wirklichkeit. Welchen Wert, welche Möglichkeiten misst du dabei der Literatur zu?
Bei der Erziehung des Menschen, ihn auf den Weg des Suchers zu bringen und dort zu begleiten, messe ich der Literatur große Verantwortung zu. Allerdings vergibt sie ihre Möglichkeiten und betreibt Verrat an der Kunst, wenn sie die Wirklichkeit verzerrt und sich des risikoreichen Auftrags der Wahrheitsfindung entledigt, wenn sie ein Menschen- und ein Gesellschaftsbild zeichnet, das sich geschönt darbietet, von ein paar Randproblemen interessant gemacht. Die sollen dann den unbestechlichen Blick auf die Wirklichkeit vorspiegeln. Der „positive Held“ des Sozialistischen Realismus ist dann nur noch ein Kulissenschieber für Potemkin’sche Dörfer. So wird Literatur oberflächlich und unwahr, sie verliert schließlich das Vertrauen ihrer Anhängerschaft.
Aber gerade Literatur sollte doch in die Tiefe gehen, dorthin, wo eben außer ihr niemand hingelangt. Nur so kann sie zu Selbstbewusstsein gelangen und es weiter geben. Literatur, die sich und ihren Arbeitsplatz Leben ernst nimmt, wird immer unbequem sein, da wir uns ja nie in einem Idealzustand befinden werden. Ich meine, dass wir in unserer DDR-Literatur so manchem gewichtigen Problem aus dem Weg gehen, dass wir in unserem Optimismus und Zukunftsglauben uns sehr oft Gegenwärtigem und Vergangenem gegenüber entweder als blind oder schönseherisch erweisen. Das Gute wollen heißt doch nicht: das Schlechte übersehen. Wenn ich mich in der Welt zurechtfinden, sie gar verbessern will, muss ich erkennen, wie sie ist. Wenn ich mir aber DDR-Literatur betrachte, sehe ich wenig an wirklich großer Literatur, an Dichtung. Das liegt wohl nicht am mangelnden Talent unserer Schriftsteller. Ein Hauptgrund ist wohl, dass kritische Literatur (und welche große Literatur setzte sich nicht kritisch mit ihrer Zeit auseinander) von manchem, der über ihre Veröffentlichung zu entscheiden hat, immer noch als entwicklungshemmend anstatt als entwicklungsnotwendig angesehen wird. Schon im Vorfeld von Literatur entstehen für die Autoren und Verlage zu viele Schwierigkeiten, die es oft unmöglich machen, dass ein literarisches Vorhaben zur Dichtung reifen kann. Die Geschichten bleiben dann meist klein und flach ausgelotet. Da nützt auch eine Meisterschaft im Handwerk des Schreibens nichts. Der Leser flüchtet sich entweder aus dem Realleben in diese „bessere“ Wirklichkeit, oder aber er wendet sich ab von einer Literatur, die ihm keine Erkenntnishilfe leistet.
Nun will ich keinesfalls denen das Wort stärken, die ihr eigenes Versagen auf gesellschaftliche Schuld abwälzen, „die ja könnten, wenn sie nur dürften“. Ich meine, dass es viel von mir selbst, von meiner Kraft, meinem Mut, meiner Ausdauer und Hoffnung abhängt (Eigenschaften, die ein wirkliches Talent im reichen Maß haben muss), ob ich mir selbst und der Gesellschaft, in der ich mich befinde, aus dem Erleben der Wirklichkeit die Wahrheit abringe. Denn das war und ist für jeden, vor allem auch für den Künstler, ein harter Kampf, und wird immer einer sein. Die Gesellschaft aber sollte mich in dieser Auseinandersetzung, in der wir uns ja alle befinden, als Partner mit ausgeprägter Individualität gelten lassen; sie sollte es mir möglich machen, mein Befinden im Mittelpunkt der Welt anzuzeigen. Wir können dann ja über Erfahrenes streiten, und wenn es tief sitzt und wir es als wahr empfinden, wird es uns dazu zwingen. Das Ringen um Wahrheit, eben um Menschlichkeit, wird uns weiter und vor allem einander näher bringen und stärken. Ich sehe darin die einzige Möglichkeit, um gemeinsam voranzukommen.
Dem zuletzt Gesagten möchte ich voll zustimmen. Anderes reizt mich zum Widerspruch. Ich denke, dass das Auf-den-Grund-dringen und das Bemühen des Autors - wie du gesagt hast -, sich selbst und der Gesellschaft aus dem Erlebten die Wahrheit abzuringen, die eigentlichen Kriterien und Voraussetzungen für das Entstehen von Literatur sind, die die Menschen bewegt und die eigene Zeit überdauert. Überall, wo das der Fall ist, haben wir auch bedeutende Werke der DDR-Literatur, und diese Bücher waren immer auch kritisch, setzten sich streitbar mit erkannten Widersprüchen in der Wirklichkeit auseinander, griffen Überlebtes und Erstarrtes an. Es scheint mir also nicht am kritischen Blick zu liegen, wenn etwas nicht als entwicklungsfördernd angesehen wird, sondern vielmehr am ungenügenden Durchdringen der gesellschaftlichen Realität. Das allerdings ist angesichts der immer komplizierter werdenden und vielschichtiger verlaufenden Entwicklungsprozesse auf nationaler wie internationaler Ebene äußerst schwierig. Veränderungen in der Literaturlandschaft unseres Landes sind wohl in erster Linie gerade darauf zurückzuführen.
In den letzten Jahren hat sich in der DDR-Literatur die Tendenz verstärkt, über die Darstellung der Befindlichkeit und der Verhaltensweisen des Individuums im Alltag, in Familie und Beruf der neuen Qualität unseres Lebens und damit den Werten des Sozialismus nachzuspüren. Dabei gestalten die Autoren häufig Geschichten aus dem Leben sogenannter „kleiner Leute“. Ich möchte hier nicht die in der Literaturwissenschaft viel diskutierte Frage nach den Gewinnen und Verlusten im Zusammenhang mit dieser Erscheinung stellen, zumindest kann festgestellt werden, dass damit etwas Neues in unsere Literatur eingebracht wird. Mir fällt auf, dass auch deine Geschichten am überzeugendsten da gestaltet sind, wo du die Frage nach dem Glücksanspruch des Einzelnen und den Möglichkeiten seiner Verwirklichung mit dem Darstellen des Alltags der „kleinen Leute“ verbindest.
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