Langsam öffnete er die Autotür und stieg aus. Er ging um seinen Wagen herum in Richtung Heck, wo Flake auf dem Spazierweg lag. Er vergewisserte sich noch einmal, dass er nicht beobachtet wurde, und fühlte Flakes Puls. Da war nichts. Er packte Flakes Handgelenke und zog ihn zu seinem Kofferraum. Sein jahrelanges Krafttraining machte sich nun bezahlt, denn ohne regelmäßige Besuche im Fitnessstudio hätte er sein Projekt nicht zu Ende führen können. Er packte Flake unter den Armen und hievte den toten Körper ins Auto. Er blickte sich noch einmal um, konnte aber nicht erkennen, dass er etwas vergessen oder verloren hatte. Er musste aufpassen. Jede Unachtsamkeit konnte das vorschnelle Ende seines Projekts bedeuten. Er stieg wieder ein und startete den Motor. Niemand hatte etwas bemerkt. Nummer Zwei, dachte er triumphierend. Aus dem Augenwinkel sah er draußen am Wegesrand etwas aufblitzen. Wahrscheinlich ein Stück Alufolie oder ein Coladosenring. Dass die Leute ihren Müll nicht zu Hause entsorgen konnten! Er gab Gas. Bald würde er den toten Flake zu dem Platz im Prinzenpark bringen, den er für ihn ausgesucht hatte.
Nach der Vernehmung von Paul Flake traf sich das gesamte Team zum Vergleichen der ersten Ermittlungsergebnisse im Besprechungsraum. Norbert Wenger war von seinem Chef Dieter Frankenstein zum Leiter der neuen MoKo Nissan ernannt worden, wie die Ermittlungsgruppe sich fortan nannte. Gleich danach hatte Frankenstein zu einer Fortbildung fahren wollen, obwohl bei Mordermittlungen so etwas wie eine Reisesperre bestand. Doch der Chef folgte nur seinen eigenen Regeln, was ihn im FK1 nicht eben beliebt machte. Auch sonst war Frankenstein ein rücksichtsloser, egoistischer Typ, der auch nicht davor zurückschreckte, den einen oder anderen Kollegen vor versammelter Mannschaft herunterzuputzen. Norbert und sein Team machten sich über den Namen oft lustig, zumal der Chef mit der literarischen Figur eine unübersehbare Ähnlichkeit hatte. Nur dass er viel kleiner war.
Norbert hatte die Fotos des Mordopfers Ludwig König im lebendigen und toten Zustand sowie der beiden Verdächtigen Sandra König und Paul Flake an den Flipchart geheftet und mit einem schwarzen Edding Verbindungslinien und Kommentare aufgezeichnet. Er blickte in die Runde und wartete, bis er die volle Aufmerksamkeit aller Kollegen hatte.
„Okay, Leute, lasst uns überlegen, was wir bisher wissen. Das Mordopfer ist zum Zeitpunkt seines Todes dreiundfünfzig Jahre alt. Der Todeszeitpunkt ist von Zutschke bei der Obduktion auf circa siebzehn bis achtzehn Uhr festgelegt worden. Todesursächlich sind eine Rippe, die sich beim Überrollen ins Herz gebohrt hat, und eine, die die Aorta durchtrennt hat. Außerdem hat das Opfer massive Prellungen und Quetschungen am Oberkörper, die inneren Organe sind allesamt gerissen oder geplatzt. Zutschke sagt, selbst ihm sei bei dem Anblick schlecht geworden."
Er zeigte mit dem Edding auf die Fotografien aus dem Rechtsmedizinischen Institut. Danach tippte er mit dem dicken schwarzen Filzstift auf Sandra König.
„Die Ehefrau des Opfers ist seine ehemalige Sekretärin. König war verheiratet, als sie bei ihm anfing. Seine Ex-Ehefrau Juliane ist Baujahr 1968, sein Sohn Steffen aus erster Ehe ist inzwischen dreiundzwanzig. Als König und seine jetzige Frau sich kennen lernten, war sie zweiundzwanzig, heute ist sie zweiunddreißig. Sie haben einen gemeinsamen achtjährigen Sohn, Jonas. Die fünfjährige Tochter Valeska ist mutmaßlich das Kind von Paul Flake, mit dem Sandra König vor sechs Jahren ein Verhältnis hatte. Das Ergebnis des Vaterschaftstests steht noch aus. Paul Flake ist der Geschäftsführer im Stammhaus der Nissan König GmbH in Lamme. Er ist heute noch dort tätig, Ludwig König hat laut Aussage der Witwe nichts von der Affäre gewusst. Sandra König ist eine geborene Wilhelm, die Eltern passen häufig auf die Kinder auf. Sie wohnen am Schwarzen Berge 29 d. Sandra König hat für die Tatzeit ein Alibi, sie war im Elexina beim Frauen-Yoga, danach am Bohlweg im Taviano, das hat Max nachgeprüft."
„Die hat doch genug Kohle, um einen Auftragsmörder zu engagieren." Der schlaue Rolf klang frustriert und verärgert. „Für mich ist die trotzdem verdächtig."
„Habt ihr ihre Eltern schon befragt?"
Norbert blickte zu Klaus Lorenz. Im FK1 wurde er wegen seiner Blasenschwäche nur Klorenz genannt. Er nahm das klaglos hin, und Norbert hatte manchmal den Eindruck, dass der Spitzname ihm gefiel. Klorenz war Ende Fünfzig, und danach sah er auch aus, denn er machte sich nicht das Geringste aus modischen Outfits. Seinen grauen Bürstenhaarschnitt ergänzte ein kurzer, grauer Kinnbart. Er trug graue Klamotten, dunkelgraues Oberhemd, darüber eine hellgraue Strickweste, graue Cordhosen, die wegen seiner Leibesfülle von grauen Hosenträgern gehalten werden mussten, graue Lederschuhe mit Kreppsohlen an den grau kariert besockten Füßen. Nur seine Augen. Die waren blau. Ein strahlendes Blau. Wie das Blau im Eintracht-Logo. Klorenz war glühender Fan des Vereins und versäumte kein Heimspiel. Armer Klorenz! Trotz seiner Augenfarbe hatte die Eintracht den Einzug in die erste Bundesliga verpasst. Obendrein gegen den Erzrivalen aus Wolfsburg! Seitdem schien Klorenz noch grauer geworden zu sein.
„Nein. Aber da sind wir dran." Gaby hatte Klorenz‘ Frage beantwortet. Norbert hatte sich so sehr seinen Gedanken über den grauen Kollegen hingegeben, dass er vergessen hatte, zu reagieren. Verwirrt sah er zu Erkan Yildiz hinüber, der sich nun zu Wort meldete.
„Wer ist denn die attraktive Blondine in unserer Mitte?", fragte er neugierig. Dabei stützte er seine Ellbogen auf dem Tisch ab, faltete die Hände und legte seinen Kopf darauf, um gleichzeitig kokett mit den Augen in Richtung Gaby Grothewohl zu klimpern. Norbert lachte.
„Unser Quotentürke muss mal wieder flirten.“
Yildiz sah ihn an und grinste.
„Mein osmanischer Charme ist eben unwiderstehlich.“
Er blickte wieder zu Gaby und wartete.
Sie lächelte und neigte den Kopf leicht zur Seite.
„Gaby. Gaby Grothewohl.“
„Grotewohl. Wie der Otto?“
Sie sah Yildiz unsicher an.
„Otto?“
Yildiz schüttelte den Kopf.
„Egal. Bemerkenswerter Name jedenfalls.“
Gaby schlug sich gegen die Stirn.
„Ach du meinst Otto Grotewohl! Nein, der schrieb sich nur mit t. Mein Name wird mit th geschrieben.“
Norbert sah, dass der Anflug von Verlegenheit aus Gabys Gesicht wich und sie sich wieder Yildiz zuwandte.
„Meine Freunde nennen mich Geegee. Geegee wie Bee Gees, die Popgruppe. Ich habe bis jetzt als Hauptkommissarin bei der Sitte in Hannover gearbeitet, aber das war mir zu langweilig. Ich brauche Totschlag und Tragödien. Und ich brauche meine Heimatstadt. Ich hoffe, wir werden gut zusammenarbeiten."
„Na dann, hoś geldiniz! Heißt übrigens herzlich willkommen. Das ist alles, was ich auf Türkisch sagen kann.“ Yildiz hob entschuldigend die Schultern.
„Aber du bist doch Türke. Warum kannst du dann kein Türkisch?“ Gaby war verwirrt.
„Ich bin kein Türke. Ich bin Deutscher. Von Geburt an. Auch meine Eltern sind hier geboren, beides waschechte Braunschweiger. Ich habe nur türkische Vorfahren. Deshalb nennen mich hier alle den Quotentürken.“
Er sah Norbert an, lachte kurz und wandte sich dann wieder Gaby zu. „Wir sind hier in der Polizeidirektion sehr international. Sogar unser Chef ist aus der Fremde zu uns gekommen, aus dem Regierungsbezirk Schwaben. Das liegt im tiefsten Bayern! Aber im Gegensatz zu mir beherrscht Norbert die Sprache seiner Ahnen perfekt.“
Norbert warf Yildiz einen säuerlichen Blick zu, stimmte dann aber in das Gelächter der Kollegen ein.
Max Kaltofen holte die MoKo schließlich zurück in die Ermittlungsarbeit. „Wie sieht es mit den Nachbarn aus? Vielleicht haben die etwas von dem Verhältnis von Flake und Sandra König mitbekommen. Ich finde, der Mann hat eindeutig das stärkste Mordmotiv, das man nur haben kann. Kohle und Sex. Wir sollten in dieser Hinsicht auf jeden Fall am Ball bleiben."
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