Den rechten Teil des Raumes nahm ein circa zwei Meter langer rechteckiger Esstisch ein, dessen Platte aus klarem Glas war. Das Gestell bestand aus ovalen, matt schwarz lackierten Streben. Er sah die vier glänzenden Schraubgewinde mit den schwarzen Silikonplättchen, auf denen die Glasplatte ruhte. Durch sie war der Tisch höhenverstellbar. Er hatte das gleiche Stück schon einmal in einem Fachgeschäft für Designermöbel gesehen, als er mit seiner Ex-Frau das Haus eingerichtet hatte. Susanne besaß einen exklusiven Geschmack, doch am Ende hatten sie sich für ein weniger teures Modell entschieden.
Um den Tisch herum standen acht cremefarbene Charles-Eames-Stühle. Das Ensemble wurde von einer weißen Drahtseilleuchte erhellt, obwohl es erst Mittag war und durch die riesige Fensterfront, die den Blick auf einen im japanischen Stil angelegten Garten freigab, genügend Licht in den Raum kam. Sandra König bot den beiden Kaffee an, den er und seine Kollegin dankend ablehnten. Auffordernd sah er Gaby an. Sie räusperte sich.
„Wir müssen Ihnen leider eine traurige Mitteilung machen", sagte sie. „Ihr Ehemann ist heute Morgen von einem Jogger tot am Kreuzteich in Riddagshausen aufgefunden worden. Mein herzliches Beileid!"
Während die Kollegin die Todesnachricht überbrachte, beobachtete Norbert genau deren Reaktion. Sandra König schien nicht im mindesten schockiert. Es hatte eher den Anschein, dass sie über das Ableben ihres Mannes bereits Bescheid wusste. Sie wollte offenbar nicht gleich antworten, sondern schien Zeit gewinnen zu wollen. Norbert und seine Kollegin wurden gebeten, auf der Lederlandschaft Platz zu nehmen.
„Irgendwann musste das ja mal passieren." Sandra König seufzte und setzte sich ebenfalls. Norbert sah Gaby bedeutsam an, bevor er begann, seine Fragen zu stellen.
„Wie kommen Sie darauf?"
„Nun...“, sie schien gelangweilt und betrachtete ihre frisch manikürten Fingernägel, „wie Sie unschwer erkennen können, sind wir nicht gerade arm. Die Menschen sind neidisch. Sie sehen nur, was wir haben, aber nicht, wie hart der Weg zu diesem Reichtum war. Mein Mann hat als kleiner - wie heißt das heute? - KFZ-Mechatroniker begonnen und sich immer weiter hochgearbeitet. Wir haben uns vor zehn Jahren kennen gelernt. Ludwig war damals schon dreiundvierzig. Ich habe in unserem Stammhaus in Lamme als Bürokraft angefangen. Es war Liebe auf den ersten Blick."
Norbert Wenger fragte sich unwillkürlich, ob sich dieser Satz auf das Mordopfer oder dessen Autohaus bezog. Sandra König lächelte indes verträumt, als sie sich an diese Zeit erinnerte.
„Waren Sie seine erste Ehefrau?"
„Nein, Ludwig war verheiratet, als wir uns kennen lernten. Seine Ex-Frau heißt Juliane. Sie wohnt in Broitzem. In der Großen Grubestraße. Die Hausnummer weiß ich leider nicht. Sie hat dort ein eigenes Haus, wo sie mit ihrem Sohn lebt. Der ist natürlich mittlerweile erwachsen und hat eine eigene Wohnung. Ludwig hat Juliane das Haus gekauft, nachdem er sich von ihr getrennt hat. Er hat sie und den Jungen ausbezahlt, zweieinhalb Millionen Euro für sie und nochmal anderthalb Millionen an Unterhaltszahlungen für Steffen. Er wollte, dass es ihnen an nichts fehlt, das Gewissen, Sie verstehen? Er wollte es immer allen recht machen. Ludwig war so ein guter Mensch." Sandra König nahm ein Taschentuch aus einer verchromten Metallbox auf dem Tisch und tupfte sich die Augen, die allerdings, soweit Norbert Wenger es erkennen konnte, keinerlei Tränen aufwiesen. Ein guter Mensch, der seine Familie wegen einer rattenscharfen, jüngeren Brünetten verlässt und seine Ex auszahlt. Ich nenne das freikaufen, dachte er. Er verkniff es sich, den Gedanken laut zu äußern, obwohl es ihn reizte.
„Haben Sie Kinder?" Er legte die Betonung auf das Wort Sie. Die Antwort kannte er allerdings bereits.
„Wir haben einen achtjährigen Sohn, Jonas, und eine fünfjährige Tochter. Sie heißt Valeska."
Bei der Erwähnung des Namens umspielte ein liebevolles Lächeln Sandra Königs Lippen. Es war klar, welchem Kind diese Frau den Vorzug gab. Sie seufzte dramatisch.
„Die Kinder sind samstags immer bei meinen Eltern, damit ich mal einen Tag in der Woche für mich habe. Sie haben mich gerade dabei ertappt, wie ich mich für die Shoppingtour mit meinen Freundinnen zurechtmache."
Sie warf einen Blick auf ihre Flauschpantoffeln und sah Norbert dann entschuldigend an. Er musste sich große Mühe geben, seinen aufkeimenden Widerwillen zu verbergen. Mein Gott, was war diese Frau kaltschnäuzig! Er beschloss, ein wenig mehr Schwung in die Befragung zu bringen. „Wo waren Sie gestern zwischen dreizehn und siebzehn Uhr?“
Er machte sich nicht die Mühe, zu verbergen, dass er Sandra König für verdächtig hielt.
„Lassen Sie mich mal nachdenken“, die Frage schien sie nicht zu verunsichern, „freitags hole ich Jonas von der Schule ab und Valeska aus dem Kindergarten. Das ist immer so gegen Mittag. Danach fahre ich mit den Kindern zum Einkaufen. Gestern waren wir bei Global auf der Hamburger Straße, weil wir noch meine Mutter besuchen wollten. Die Kinder habe ich dann bei ihr gelassen, weil ich von siebzehn bis neunzehn Uhr meinen Frauen-Yogakurs im Elixina habe. Danach bin ich mit zwei Freundinnen, die den Kurs mit mir besuchen, noch auf einen Absacker ins Taviano gefahren. Johanna Meyerhoff, eine der beiden, hat mich gegen einundzwanzig Uhr nach Hause gefahren. Meine Mutter kann das bestätigen, sie hat mir die Kinder nach Hause gebracht. Wir sind in unserer Hauseinfahrt aufeinandergetroffen."
Seine Frage schien Sandra König überhaupt nicht zu verunsichern. Er hatte noch nicht einmal erwähnt, dass Ludwig König ermordet worden war. Dennoch war seine Witwe selbstverständlich davon ausgegangen.
„Und der Name Ihrer Frau Mutter ist...?"
Norbert schmunzelte, denn Gaby Grothewohl konnte es sich offensichtlich nicht verkneifen, ihrer Frage einen gespielt näselnden Unterton beizufügen.
„Oh, natürlich, sie heißt Wilhelm. Petra Wilhelm, mein Vater ist der Hausverwalter in dem Wohngebiet, Ulrich Wilhelm. Am Schwarzen Berge 29 d, in der Nähe der Hamburger Straße."
„Danke, ich weiß, wo das ist", antwortete Gaby. Das ist ja die allerfeinste Wohngegend, dachte Norbert ironisch. Irgendwie kam ihm in diesem Zusammenhang der Begriff hochgeschlafen in den Sinn. Er konnte sich gut vorstellen, dass Sandra König, geborene Wilhelm, angesichts des Reichtums von Ludwig König so etwas wie Liebe empfunden hatte.
„War Ihre Ehe glücklich?"
Die junge Frau schien über die Frage erst nachdenken zu müssen. „Was verstehen Sie unter glücklich? Wir haben eine wundervolle Tochter und einen hübschen Sohn. Wir sind gesund und gut situiert. Unsere Freunde gehören zu den besten Kreisen Braunschweigs, ja, ganz Niedersachsens. Mein Mann ist - war - eine bekannte Persönlichkeit. Natürlich ist nach zehn Jahren und zwei Kindern die Luft raus, wenn Sie verstehen, was ich meine", sie lächelte vielsagend, „aber insgesamt...ja, ich würde sagen, ja, wir waren glücklich miteinander."
„Waren Sie einander auch treu?"
Seine Frage kam wohl so unerwartet, dass Sandra König ihn mit großen Augen ansah. Sie zögerte mit der Antwort eine Spur zu lange, wobei sie den Blick senkte und nervös an ihrem Kleenix herumpulte, während sie sprach.
„Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Ludwig jemals eine Affäre hatte", sagte sie. „In unserer Ehe war er absolut monogam, im Gegensatz zu seiner Verbindung mit Juliane. Er wird schon irgendetwas bei ihr vermisst haben, sonst hätte er sich nicht mir zugewandt. Er trug mich auf Händen. Niemals hätte er unseren Hochzeitstag vergessen. Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass er mir immer treu war."
„Und Sie?"
Die Witwe blickte auf. Norbert sah Sandra König direkt in die Augen. Diese zögerte wieder. Dann seufzte sie ergeben.
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