Hier war Paul Flake wütend aufgesprungen und hatte sich mit geballten Fäusten auf dem Tisch abgestützt, wobei er beinahe das Mikrophon umgestoßen hätte, dass vor ihm stand.
„Es war keine Affäre, Sie Vollpfosten! Wir haben uns geliebt! Ich habe versucht, sie dazu zu bringen, König zu verlassen, aber sie hat das abgelehnt, angeblich wegen des Kleinen. Heute ist mir klar, dass sie nur nicht auf seine Kohle verzichten wollte, und schon gar nicht auf diese protzige Villa. Zum Vögeln war ihr meine Wohnung gerade gut genug, aber zu mehr auch nicht."
„Sie sollten sich etwas mäßigen“, hatte Wenger ihm mit drohender Stimme gesagt, „wenn Sie kooperativ sind, werde ich Ihre beleidigende Äußerung vergessen.“
Es war Flake egal gewesen. Dann hatte sich auch noch der blonde Moppel eingemischt. „Das scheint ja auch von Frau König aus die ganz große Liebe gewesen zu sein.“
Wieder zog sein Magen sich vor Wut zusammen, als er an die Vernehmung dachte. Irgendwie war er wie erschlagen gewesen. Er hatte die Fragen schließlich beantwortet, nur um schnell rauszukommen. Nun ärgerte er sich darüber.
„Wie war Ihre Beziehung zu Ludwig König, nachdem Sie das Verhältnis mit seiner Frau begonnen hatten?"
„Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Immerhin waren wir früher mal die dicksten Freunde. Und ich mochte ihn. Es war nicht einfach, ihn zu hintergehen, aber ich war Sandra völlig verfallen."
„Grund genug, um ihn loszuwerden, damit der Weg zu Ihrer Geliebten endlich frei ist?" Die Stimme von Wenger war an dieser Stelle laut und eindringlich geworden. Flake war wieder aufgesprungen und hatte gebrüllt. Es hatte ihm einfach gereicht. „Ich habe König nicht umgebracht!“
„Sie sind möglicherweise der Erzeuger der kleinen Valeska König.“ Hier hatte Wenger ihn prüfend angesehen.
„Das müssen Sie mir erst mal beweisen.“
„Kein Problem!“ Die wasserstoffblonde Schickse mit der Sauerkrautfrisur hatte ihm daraufhin ein langes Wattestäbchen in den Mund gesteckt und an der Innenseite seiner Wange herumgefuhrwerkt. Er hatte sich nicht wehren können, denn sie hatte ihm zuvor einen entsprechenden Gerichtsbeschluss unter die Nase gehalten. Den hatte sie noch per Handy während der Fahrt in die Polizeidirektion angefordert und etwas von Gefahr in Verzug gequatscht. Es sei für einen Vaterschaftstest, hatte sie erklärt. Den konnten sie sich sparen, hatte er gedacht, denn er wusste längst, dass er Valeskas Vater war. Auf einer Party bei den Königs hatte er das Mädchen unter einem Vorwand in den Garten gelockt. Irgendwie war es ihm gelungen, ihr ein paar Haare auszureißen. Sie hatte ihn erschrocken und verständnislos angesehen, und er hatte bemerkt, dass sie anfangen wollte, zu weinen. Zum Glück war ihm schnell ein plausible Entschuldigung eingefallen, und im nächsten Moment hatte das Kind den Vorfall schon wieder vergessen. Er hatte die Haare zusammen mit seiner eigenen DNA nach Holland geschickt, weil er keine Genehmigung von Sandra bekommen hätte und so der Test in Deutschland nicht durchgeführt worden wäre. Nach ein paar Tagen hatte er den Beweis in den Händen gehalten. Eigentlich hatte er Sandra damit konfrontieren wollen, aber was hätte das gebracht? Sie wäre nie zu ihm zurückgekommen, das wusste er. Die deutschen Wissenschaftler würden zu demselben Ergebnis kommen wie die niederländischen. Aber er hatte keine Lust, es der Polizei so einfach zu machen. Sollten sie doch den Test bezahlen und warten. Das würde ihm ein paar Tage Zeit geben, um nachzudenken.
„Sie stehen im Verdacht, Ludwig König ermordet zu haben.“
„Bla bla bla! Einen Dreck! Ich habe alles verloren, die Frau, die ich liebe, und nicht zuletzt meinen guten alten Freund! Von mir aus buchten Sie mich doch ein! Das kann mein Leben nicht mehr schlimmer machen.“
Bei dem Gedanken an die Vergangenheit bildete sich ein Kloß in seinem Hals, der bedenklich an Größe zunahm. Was hatten sie nicht zusammen für Mist gebaut, Ludwig und er! Okay, das mit Sandra war nicht in Ordnung, aber was hätte er tun sollen? Er war ihr verfallen. Wer weiß, vielleicht war der Mord an Ludwig ein Wink des Schicksals. Am Ende hatten sie ihn laufen lassen, ihm aber untersagt, aus der Gegend zu verschwinden. Natürlich hatten sie es höflicher ausgedrückt. Er solle sich zu ihrer Verfügung halten. Paul sah da keinen Unterschied.
Seine Gedanken kreisten in seinem Kopf und schienen sich immer schneller und unkontrolliert drehen zu wollen, während er in Richtung Straßenbahnhaltestelle lief. Er würde die 3 zum Rathaus nehmen. Von dort die Buslinie 411 nach Lamme, wo sein weinroter Nissan Qashqai auf dem Parkplatz des Autohauses stand. Es würde schon geschlossen sein, wenn er ankäme. Der Juniabend war lau, und Paul freute sich auf den Spaziergang durch die Lammer Wiesen, die zwischen der Bushaltestelle und dem Autohaus lagen. Das würde ihm helfen, seine Gedanken zu sortieren. Vielleicht würde er nach dem ganzen Theater noch auf ein Bier in seine Wolfenbütteler Stammkneipe Thilo‘s Altstadteck gehen, die gegenüber dem geschlossenen Karstadt-Kaufhaus lag. Bald würden sie diesen nutzlosen Schandfleck endlich abreißen! Als Kind hatte er schon in Wolfenbüttel gewohnt und mit angesehen, wie das Kaufhaus gebaut wurde. Dann war er mit seinen Eltern nach Braunschweig gezogen. Seine Mutter, die zuvor Lehrerin am Anna-Vorwerk-Gymnasium gewesen war, hatte sich mit ihrer Chefin überworfen und sich nach Braunschweig versetzen lassen. Er hatte ihr das nie verziehen, denn dadurch waren plötzlich alle seine Freunde weg gewesen, und es hatte ewig gedauert, bis er neue gefunden hatte.
Paul Flake stieg in die Straßenbahn. Er war immer noch aufgebracht und musste aufpassen, dass er rechtzeitig rauskam, um den richtigen Bus zu erreichen. Die Computerstimme sagte den nächsten Stopp an, und er drückte den Halteknopf. Dann stieg er aus und lief zur Bushaltestelle. Er musste nicht lange warten.
Nach einer Weile erreichte der Bus Lamme. Paul Flake stieg aus und ging in Richtung des breiten Spazierweges, der durch die Wiesen führte. Er genoss den beginnenden Sonnenuntergang, der den Himmel im Westen in ein lilafarbenes Licht tauchte. Es waren den ganzen Tag über angenehme dreiundzwanzig Grad gewesen. Paul Flake mochte warmes Wetter. Um ihn herum zirpten die Grillen und die üppige Blütenpracht auf der Wiese, die den hellgrau belegten Kiesweg rechts und links begrenzte, verströmte einen wunderbaren frühsommerlichen Duft. Genussvoll sog er ihn ein. So langsam legte sich seine Wut, und er entspannte sich. Plötzlich hörte er hinter sich ein Brummen, das langsam näher kam. Bis jetzt war er vollkommen allein auf dem Spazierweg gewesen. Er drehte sich in die Richtung, aus der das Geräusch kam, und sah einen silbernen XTrail, der langsam auf ihn zukam. Er sah den Fahrer an. Er kannte ihn und winkte ihm zu, doch dieser reagierte nicht. Paul Flake zuckte verwundert die Schultern und wollte dem Wagen gerade Platz machen. Doch der XTrail war schneller geworden. Zu spät wurde ihm bewusst, dass der Geländewagen genau auf ihn zuhielt. Er hörte noch den Aufprall und spürte, wie sich der metallene Kuhfänger in seine Beine wühlte, die krachend brachen. Wie ein nasser Sack fiel er rücklings auf den Boden. Er merkte, wie sein Gesicht von dem scharfkantigen Unterboden des Fahrzeugs zerrissen wurde, als es über ihn hinwegfuhr. Er schrie auf vor Schmerz. Verzweifelt versuchte er, dem tonnenschweren Ungetüm zu entkommen, indem er sich mit letzter Kraft wegrollte. Doch der Wagen wendete in Windeseile und kam zurück. Flake lag nun quer auf dem Weg. Mit Entsetzen sah er das silberne Monster auf sich zu rasen. Der Fahrer hielt noch einmal an, als wolle er sich an der Hilflosigkeit seines blutüberströmten Opfers ergötzen. Dann hörte Paul Flake, wie der Motor laut aufheulte. Das letzte, was er in seinem Leben spürte, war das Brechen seiner Rippen.
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