1 ...7 8 9 11 12 13 ...27 Danach stand sie eine Weile unentschlossen herum und überlegte ihre nächsten Schritte. Sollte sie auf dem Baum warten, bis die Flugtiere kamen, um ihr Nest zu kontrollieren? Sollte sie diese dann erlegen und als Nahrung verwenden? Sollte sie schleunigst aus dieser Gegend verschwinden, da eventuell die drei Sambolli-Jäger irgendwo vermisst und gesucht wurden? Deutete der Einsatz der relativ primitiven Stachlerwaffen darauf hin, dass die Jäger nicht entdeckt werden wollten und möglicherweise sogar illegal gejagt hatten? Oder sollte sie sich Gedanken machen, wo das Fahrzeug der Jäger stand, es suchen und zur weiteren Flucht benutzen? Wenn sie es fand, konnte sie es denn gefahrlos benutzen oder konnte das Ding – was es auch immer sein mochte – angepeilt werden? Da die Sambolli laut Dr. Muramasa Kontrollfreaks waren, wäre Letzteres wahrscheinlich. Aber die Gelegenheit, damit eine weite Entfernung zwischen sich und das Gefangenenlager zu bringen, war sehr verlockend.
Schließlich zuckte Bérénice die Schultern und schlug den Weg zu dem kleinen Berg ein, der ihr Ziel am südöstlichen Horizont darstellte. Sollte sie auf dem Weg dorthin das Vehikel finden: gut. Sollte sie es nicht: nicht gut, aber nicht zu ändern. Sie hatte keine Lust, die ihr völlig unbekannte Gegend abzugrasen, nur um schlussendlich doch einer Wärtergruppe in die Hände zu laufen. Also, weg von hier! Und Flugtiere gab es sicher auch auf jedem anderen Baum im Dschungel, da musste sie nicht hier verweilen.
Nach sechs Tagen harten Marschierens und Dauerlaufs, unterbrochen von der Jagd auf adlergroße Flugwesen mit seltsamem Federkleid, und der Vermeidung selbst als Jagdbeute zu enden, erreichte Bérénice Savoy deutlich erschöpft den Fuß des kleinen Berges. Sie hatte allerlei kleines, mittleres und großes Getier gesehen, das ihr erstaunlicherweise ausgewichen war, anstatt sie anzugreifen und zu verspeisen. Am zweiten Tag fiel ihr dazu die passende Erklärung ein: Sie war in diesem Dschungel eine unbekannte Größe, ein nicht einzuschätzender Fremdkörper. Die Tiere wichen ihr mit Absicht aus. Sie bedauerte diesen Zustand nicht, ganz im Gegenteil. Doch sie war sich sicher, dass dies nicht auf Dauer so bleiben würde. Schließlich mussten etliche Tiere die schmackhafte Bekanntschaft von Menschen gemacht haben. Vielleicht aber noch nicht in dem Maße, dass es sich von Tier zu Tier bis in diese Gegend herumgesprochen hatte. Die Pflanzenwelt hatte mit ihr nicht solche Probleme. Mehr als einmal musste sie sich mit aufdringlichen Pflanzententakeln, Schlingbüschen und ähnlichem Grobzeug auseinandersetzen. Sie dankte – zum hundertsten Male – Gott und Dr. Muramasa für das Katana.
Bérénice blieb trotz der relativen Ruhe des Dschungels wachsam. Nur zu deutlich hatte sie noch das Getöse des Monsters in den Ohren, das unvermittelt losgebrochen war, als es die Sambolli angegriffen hatte. Aber es musste sich ja dorthin bewegt haben, schließlich glaubte Bérénice nicht, dass sich das riesige Vieh stundenlang im Stillstand versteckt hatte. Ihr wurde bei solchen Überlegungen stets klar, dass sie wirklich unglaubliches Glück gehabt hatte. Und dieses Glück bis jetzt anhielt.
Sie schritt den Vorhügel des Berges hinauf, achtete wie immer auf jede Stelle, wohin sie trat und behielt ständig ihre Umgebung im Auge. Je höher sie stieg, desto leichter konnte sie sich bewegen und – was noch angenehmer war –, desto weiter konnte sie sehen. Als sie mit einem letzten Schnaufen die Spitze des Berges erreichte, bildeten nur wenige Bäume eine lockere Gruppe um sie herum und ein schwacher Luftzug bemühte sich, den Schweißfilm auf ihrer Haut zu trocknen. Bis auf zwei Essigbüsche war der Boden frei. Der ewige Pflanzenteppich aus verrottendem, altem Blattwerk und Bodengewächsen, zeigte einige wenige Stellen, an denen schwarzer Erdboden frei zutage lag. Sie senkte erleichtert ein Knie und legte das Bündel ab, in dem sie ihre wenigen Habseligkeiten verstaut hatte.
Sie hatte einige Versuche gebraucht, bis sie die Anweisungen Dr. Muramasas auch in brauchbare Gegenstände hatte umsetzen können. Aber sie schrieb dies nicht ihrer Ungeschicklichkeit zu, sondern eher der Tatsache, dass sie den Bastelarbeiten nur einen Bruchteil ihrer Aufmerksamkeit und Blicke schenken konnte. Den überwiegenden Teil davon widmete sie der Beobachtung. Sie hatte keine Lust, eine perfekte Schlafstätte herzurichten, nur um dann von einem unbemerkten Raubtier verspeist zu werden.
Sie trat aus der Baumgruppe heraus und versuchte, im aufsteigenden Dunst des Dschungels irgendeine Auffälligkeit im endlosen Grün zu finden. Minutenlang ließ sie ihre Augen sich an das Licht über den Bäumen gewöhnen. Die vielen Stunden und Tage im Dämmerlicht des Bodens machten sich bemerkbar. Die Sonne von Samboll – ihr fiel momentan der Name nicht ein – war wie immer dunkelgelb, aber jetzt erschien sie ihr viel heller als sonst. Doch so lang sie auch blickte, sich Zeit nahm und die flache Bergkuppe komplett umrundete: Sie konnte nichts entdecken, was der genaueren Untersuchung wert wäre. Deutlich frustriert setzte sie sich nieder und blickte starr voraus.
Sie saß noch keine Minute, da fing es unvermittelt zu regnen an. Die Tropfen fielen leise nieder, nur die Aufschläge auf das Blattgewirr erzeugten Treffergeräusche. Innerhalb weniger Augenblicke legte der Regen so an Kraft zu, dass ein anschwellendes Rauschen entstand, das sich bis zu einem gleichmäßigen Prasseln steigerte, als die Tropfen an Größe und Zahl enorm zunahmen. Bérénice war ohnehin durchgeschwitzt und genoss für einige Augenblicke das frische Wasser. Sie wagte es sogar, für einige Sekunden die Augen zu schließen, riss sie aber sofort wieder auf, als ihr bewusst wurde, dass sie bei dem Lärm sich nur noch auf ihre Augen verlassen konnte. Sehen konnte sie in dem dicht fallenden Regen keinen Angreifer. Ernüchtert stand sie auf und blickte erschrocken in alle Richtungen.
Sie hatte die Bergkuppe erneut halb umrundet, als ihr ein seltsamer Effekt auffiel. Im rechten Winkel zu ihrer bisherigen Fluchtrichtung nach rechts, also in etwa Westsüdwest erzeugte der strömende Regen ein für einen Dschungel unnormales Bild. In einer Distanz von circa 300 Metern traf der Regen auf eine Kugel, die aus der Ebene der Baumwipfel ein wenig hervorragte. Die eigentliche Kugel war tatsächlich nicht zu sehen, nur die auftreffenden Tropfen und das abfließende Wasser bildeten eine auffällige Schale.
Ein Schutzschirm, erregte sich Bérénice und griff sofort nach ihren Waffen. Doch mitten in der Bewegung hielt sie inne und schalt sich selbst einen Narren. Beide Waffen würden ihr nicht bei einem Energieschirm helfen. Eine Station?, überlegte sie, denn für einen Personenschirm war er viel zu groß. Sie packte ihre Habseligkeiten zusammen und eilte den Berghang hinunter. Der Regen erzeugte – zum üblichen Pflanzendickicht – einen weiteren Sichtschutz. Also wollte sie die Chance nutzen und sich an den Schutzschirm heranschleichen. Sie achtete dabei darauf, trotz aller Aufregung und Hast, die Fauna und Flora nicht zu vergessen, und zog vorsichtshalber das Katana vom Rücken. Wenige Minuten später hatte sie eine künstliche Lichtung erreicht, auf der der Schutzschirm regennass vor ihr stand. Sie war nicht so dumm gewesen, den Wald zu verlassen, sondern stand hinter einer verfilzten, triefenden Lianenpflanze versteckt und strengte ihre Augen an.
Die Lichtung war zu kreisrund und die Pflanzen auf dem Boden zu regelmäßig plattgedrückt, als dass sie natürlichen Ursprungs sein konnte. Auch der Rand der Lichtung deckte sich bis auf einige Meter mit der Wand des Energieschirmes. Der Schutzschirm musste also – zumindest für kurze Zeit – größer als jetzt gewesen sein. Vielleicht hatte man damit einen Freiraum zwischen dem Dschungel und dem Objekt – was immer es auch war – schaffen wollen. Leider war die Wasserschicht so dicht, dass sie nicht hindurchblicken konnte. Sie würde das Ende des Regens abwarten müssen. Also zog sie sich wieder ein wenig zurück, erklomm einen Baum und verbarg sich im dichten Blattwerk. Nicht ohne vorher zu prüfen, ob sich darin oder auf dem Baum irgendein Lebewesen befand, das ebenfalls vor dem immer stärker werdenden Regen Schutz suchte.
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