Xander nickte, denn er verstand. Als Wolf träumte man keine menschlichen Träume. Als Wolf waren es Träume vom Jagen oder Laufen, aber nie etwas, was man als Mensch erlebt hatte.
Ryan schloss die Augen, fuhr sich mit den Händen übers Gesicht, durchs Haar und ließ sie dann an seinem Hinterkopf liegen. „Ich werd sie nicht los, Xander. Egal, was ich tue. Nicht mal mein Wolf lässt sie mehr los.“ Er flüsterte noch immer, nun aber mehr zu sich selbst.
Die Hand seines Bruders legte sich auf Ryans Schulter. „Den Rest der Strecke fährst du bei Gero und Noel mit. Ich rede mit ihnen.“
„Was willst du denn sagen? Erzähl ihnen das bloß nicht!“
Xander grinste. „Hab ich jemals was ausgeplaudert?“ Das hatte er nie. Geheimnis war Geheimnis und nicht mal unter Brüdern wurden sie weitererzählt. Und das hier war definitiv als Geheimnis eingestuft.
Ryan seufzte. „Was soll ich tun?“
Xander hob die Schultern und schob die Unterlippe vor. „Lerne, damit zu leben. Was anderes bleibt dir nicht übrig.“ Er klopfte Ryan auf die Schulter und verließ ihn dann. Einen Moment lang stand Ryan einfach da und atmete bewusst ein und aus.
Lerne, damit zu leben , dachte er und wusste, dass es nicht annähernd so einfach war, wie diese vier Worte auszusprechen. Wie soll ich das anstellen? Warum ist es überhaupt, wie es ist? Er hatte schon andere Mädchen geliebt oder war mindestens verliebt gewesen, aber das mit Amber?
Das war kein Verliebtsein oder lieben. Er schüttelte den Kopf. Was es auch immer war, er musste es loswerden. Es machte ihn fertig und wenn es jetzt sogar seinen Wolf beeinflusste, war es einfach zu viel.
Der Wolf war Ryans Zuflucht, seine Auszeit. Egal, was geschah, er konnte sich immer ins Wolfsein flüchten, abschalten und vergessen. Nicht aber bei Amber. Nicht mehr. Und das ärgerte ihn.
„Lerne, damit zu leben“, sagte er laut und wusste, dass es schwer werden würde.
Den Rest der Fahrt brachte Ryan, dank Xander, im Wagen von Gero hinter sich. Xander hatte gemeint, er wolle mal wieder mit Evan reden und so waren Kaya und Ryan zu den Perkun-Brüdern umgezogen und Xander mit Zoe zu Evan.
Es war eine Wohltat, auch wenn Ryans Gedanken trotzdem ständig bei Amber waren. Er überlegte, ob sie eine Ahnung hatte, warum die Brüder wirklich getauscht hatten. Sie hatte ihm einen seltsamen Blick zugeworfen, als er in das andere Auto gestiegen war. Ob sie es ihm übelnehmen würde, wenn sie es herausfand? Oder ob sie es einfach hinnahm?
Am frühen Abend erreichten sie endlich Haverfordwest und damit den Sitz des ansässigen Diamantrudels. Ein älteres Ehepaar begrüßte die Ankömmlinge und führte sie in ihre Zimmer. Alle Pärchen bekamen ihr eigenes, doch Ryan sollte zu seinem mittleren Bruder ziehen.
„Ich will mit Kaya in ein Zimmer“, ließ er die Frau, Mary-Ann, wissen und rückte zu seiner Rudelschwester auf.
„Ich bitte um Entschuldigung, doch wir haben unsere Anweisungen“, gab sie ihm zurück und deutete auf das Zimmer der Jungs. „Für Ms Geving wurde ein Einzelzimmer vorbereitet.“
Ryans Miene wurde düster. „Warum denn?“ Emily und Zoe schliefen auch in einem. Jeder hatte mindestens einen Zimmergenossen nur Kaya nicht. Er wusste, dass sie sich so schon unwohl fühlte. Es würde ihr noch unangenehmer sein, allein ein Zimmer zu bewohnen, dazu eben noch im Haus eines vorherrschenden Rudels.
„Wir haben unsere Anweisungen“, wiederholte Mary-Ann simpel.
„Ryan, bitte leg einfach deine Sachen ab und gut ist“, baute sein Vater sich ein und warf ihm einen eindringlichen Blick zu. Ryan verzog das Gesicht, machte einen Schritt ins Zimmer, warf seine Tasche vor das nächste Bett und hob die Arme, als wolle er fragen: „Zufrieden?“. Tavis schüttelte missbilligend den Kopf, doch Mary-Ann lächelte.
Kayas Zimmer lag ziemlich weit abseits und war das Letzte auf dem Flur. Ryan kam nicht umhin zu bemerken, dass es wohl Absicht der Diamanten war. Zwar hatten seine Eltern gemeint, der Rat wäre aufgeschlossen, doch es schien seine Grenzen zu haben.
Mary-Ann und ihr Begleiter führten die Thalans durch das Haus und zeigten ihnen die für sie relevanten Räumlichkeiten. Sie verabschiedeten sich mit der Bitte, dass alle zum Abendessen kommen sollten und ließen das Rudel dann allein im Hauptflur stehen.
Charlotte wandte sich ihren Wölfen zu. „Ihr dürft tun, was immer ihr wollt. Seid nur pünktlich zum Essen zurück und ich bitte euch, tadellos aufzutreten. Es wird ein förmliches Dinner, bei dem alle vorgestellt werden.“
Ihre Kinder nickten.
Tavis fügte an: „Es wird einige Dinge geben, die euch unpassend erscheinen und die euch sicherlich nicht gefallen werden.“ Sein Blick flog kurz zu Ryan. „Bitte nehmt es nicht persönlich und seht es als gegeben. Solange wir hier sind, haben wir uns zu fügen. Der Rat setzt eine gewisse Umgangsform voraus und wir werden diese einhalten, bis wir sie verlassen.“ Abermals glitt sein Blick über die Gruppe vor ihm. „Die Zeremonie ist für morgen Mittag angesetzt. Wenn alles so läuft, wie es soll, werden wir Übermorgen früh wieder abreisen. Bis dahin erwarten wir vollen Gehorsam.“
Wieder nickten alle.
„Gut“, war es wieder Charlotte, die sprach. „Dann geht jetzt und benehmt euch.“ Sie wandte sich an ihren Mann und hakte sich bei ihm ein. Gemeinsam ließen sie den Rest des Rudels zurück.
„Und was machen wir jetzt?“, fragte Noel in die folgende Stille.
„Was wir wollen.“ Gero hob die Hände und warf einen Blick in die Runde.
„Ich will laufen“, ließ Ryan die anderen wissen und wandte sich um. Er wartete nicht, ob sich jemand anschloss. Er würde auch allein gehen. Sein Wolf drängte nach außen und er gab ihm gerade nur zu gern nach.
Lupis Mâne nôbilitâs
Sehnsüchtig wünschte Ryan sich ihre Abreise herbei. Das abendliche Essen war die reinste Tortur gewesen. Die Diamant waren durchaus aufgeschlossen und dadurch auch sehr viel angenehmer zu ertragen als die Azur, doch sie waren sichtlich und spürbar die reinste, älteste und vornehmste Klasse der Werwölfe.
Sie legten sehr großen Wert auf Umgangsformen und Manieren und sie verboten sich jedwede Art von Entgleisungen. Das fing beim Benutzen des Bestecks an und zog sich bis hin zum Umtrunk nach dem Essen.
Es war anstrengend aufzupassen, sich auch wirklich keinen Fauxpas zu leisten. Beim Frühstück am nächsten Morgen ging das weiter. Als Noel loslachte und sich mit seinem Kaffee bekleckerte, weil Gero einen Witz gemacht hatte, hatten ausnahmslos alle Diamant missbilligende Blicke in die Richtung der Brüder geworfen.
Charlotte hatte Noel stumm aufgefordert, sich umziehen zu gehen, und Gero hatte einen bösen Blick von Tavis bekommen. Keiner der anderen Thalans hatte sich auch nur getraut, den Brüdern in die Gesichter zu schauen.
Am stillsten von allen war Kaya, obwohl sie sonst diejenige war, die als erste über die Witze und Ausfälle der Perkun-Brüder lachte oder sogar einstimmte. Sie gab sich alle Mühe, nicht aufzufallen, auch wenn sie von den Diamanten am wenigsten überhaupt beachtet wurde.
Ryan hatte bei ihr geschlafen, obwohl sein Dad es ihm verboten hatte, und er saß beim Essen neben ihr, obwohl sein Platz an der Seite Xanders gewesen wäre. Diese zwei Dinge waren die einzigen Fehltritte, die er sich eingestand. Er würde Kaya nicht alleinlassen. Nicht nachdem sie sich so viel Mühe gegeben hatte, für ihn da zu sein.
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