»Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?«
Sally lachte herzhaft.
»Du musst nicht alles glauben, was man dir erzählt. Nein, auch in deiner Freizeit erwartet man von dir, dass du dich in Sack und Asche kleidest.«
»Da bin ich aber erleichtert. Ich hatte nicht die Absicht, meinen Verdienst in aufwendige Garderobe zu investieren.«
»Ist auch nicht nötig. Aber wenn du Lust hast, können wir öfter mal tauschen. Das Blaugeblümte gefällt mir ganz gut.«
»Hört, hört. Was ist eigentlich mit meiner Vorgängerin passiert? Ich meine die, die vor mir mit dir zusammen gewohnt hat. Ich hoffe, sie hat sich nur beruflich verbessert oder geheiratet, und ist nicht selbst krank geworden?«
Für einen Moment herrschte völlige Stille im Raum. Sally schien zu überlegen, was sie sagen sollte.
»Ellen ist eines Tages gegangen. Wohin, weiß keiner so genau.«
»Demnach seid ihr nicht so gut ausgekommen? Ich meine, wenn nicht einmal du als ihre Zimmernachbarin …«
»Du fragst zu viel. Lass uns langsam zur Ruhe kommen. Morgen früh ist die Nacht vorbei. Und hier muss man ausgeruht sein, um den Tag bewältigen zu können.«
Mildred ließ sich ihre Verwunderung über die plötzlich schroffe Art von Sally nicht anmerken. Sie spürte nur, dass sie einen wunden Punkt berührt haben musste. Zu dieser Zeit war ihr das Ausmaß ihrer Vermutung noch in keinster Weise bewusst, doch das sollte sich bald ändern.
Mildred war mit drei anderen Krankenschwestern für die Station der mittelschweren Fälle zuständig. Die Patienten waren Frauen, die nicht über sonderlich viel Vermögen verfügten, deshalb waren sie jeweils zu sechst oder acht untergebracht und teilten sich die Kosten für das Zimmer. Auch waren ihre Speisesäle weniger prunkvoll als die der reichen Patienten, aber keine von ihnen hätte im Traum daran gedacht, sich darüber zu beklagen. Sie waren Chester Fillmore und seinem System unendlich dankbar, denn sie sahen eine große Chance, durch die neuen Behandlungsmethoden von ihrer Krankheit geheilt zu werden. Die meisten jedenfalls, denn es gab auch weniger euphorische Gemüter unter ihnen, die genau wussten oder zumindest ahnten, dass das Mountain View Sanatorium ihre letzte Station sein würde.
Zusammen mit ihrer Kollegin Hetty brachte Mildred gerade zwei Patientinnen, die im Rollstuhl saßen, weil sie zu schwach zum Laufen waren, in einen der Liegesäle, als ihnen ein leichenblasses Mädchen am Fahrstuhl begegnete, das artig knickste. Die Kleine musste etwa acht Jahre alt sein, deshalb trug sie ein blassrosa Kinderkleidchen mit Rüschen und passenden Schleifen in ihrem zu Korkenzieherlocken geformten, dünnen, blonden Haaren. Die hübsche Aufmachung konnte allerdings nicht von ihren vom Fieber geröteten Augen ablenken. Statt eines Spielzeugs oder einem Täschchen hatte auch sie ihren Blue Henry dabei.
»Ich denke, Minnie, du wärst im Bett besser aufgehoben«, sagte Hetty freundlich, »du siehst gar nicht wohl aus.«
»Ach, im Bett ist es langweilig«, war die prompte Antwort, »ich möchte lieber etwas auf die Sonnenterrasse.«
»Gut, aber da legst du dich gleich hin, ja?«
»In Ordnung«, sagte Minnie, lief schnell davon und wäre um ein Haar mit einem etwa gleichaltrigen, hübschen, dunkelhaarigen Jungen zusammengestoßen, der weitaus weniger aufwendig gekleidet war, und gerade um die Ecke bog. Die beiden Kinder fassten sich an den Händen und machten, dass sie davonkamen.
»Mir scheint, da bahnt sich eine junge Liebe an«, sagte Mildred lächelnd.
»Sieht ganz so aus. Die beiden lassen keine Gelegenheit aus, sich zu treffen, denn sie wohnen natürlich räumlich voneinander getrennt und haben nicht einmal denselben Speisesaal.«
»Na ja, hier wird schließlich zwischen den Geschlechtern getrennt, selbst bei Kindern.«
»Das ist nicht der einzige Grund. Minnie ist die Tochter eines Filmstars und hat ein eigenes Zimmer, während Leander mit neun anderen Jungen zusammen untergebracht ist.«
»Oh, verstehe, dann gibt es sicher immer einen Auflauf, wenn die Mutter zu Besuch kommt.«
Hetty senkte ihre Stimme zu einem Flüstern. »Das ist bisher nicht passiert. Die Dame war nur ein einziges Mal hier, um Minnie abzuliefern. Wahrscheinlich hat sie Angst vor einer Ansteckung und davor, dann nicht mehr ihrer so wichtigen Arbeit nachgehen zu können.«
»Und um diese schrecklichen Frauen anzuschauen, soll man auch noch Eintrittsgeld bezahlen«, sagte Mrs. Stinson, eine ältere Dame mit feinen Gesichtszügen, die zwar todkrank war, aber noch ausgezeichnet hören konnte.
»Sie müssen ja nicht hingehen«, lachte Hetty.
»Das werde ich bestimmt nicht tun. Hoffentlich wird nicht eines Tages hier im Hause eines der Machwerke dieser Dame gezeigt.«
»Die Gefahr besteht nicht. Die Filme sind nicht jugendfrei.«
»Auch das noch. Wenn jemand gänzlich ohne Moral ist, zeigt sich das eben in vielen Dingen.«
»Jetzt sind Sie aber ungerecht, meine Liebe«, sagte die andere Dame im Rollstuhl, die kaum jünger und nicht weniger durchsichtig war, »vielleicht hat sie wirklich keine Zeit, sich um ihre Tochter zu kümmern.«
»Noch so eine Bemerkung und ich kündige Ihnen die Freundschaft, Mrs. Whitson, was kann es für eine Mutter Wichtigeres geben als sich um das eigene Kind zu kümmern?«
»Jetzt vertragen Sie sich wieder, die Damen. Eine Landwandgöttin, die zu Klaviermusik lächerlich übertriebene Bewegungen macht und dabei viel Geld verdient, ist es nicht wert, sich aufzuregen«, sagte Hetty, und Mildred musste ihr lächelnd zustimmen.
Als Mrs. Stinson und Mrs. Whitson auf ihren Liegestühlen unter warmen Decken ruhten, schlug Hetty vor, einen Kaffee in der Cafeteria zu trinken.
»Müssten wir das nicht in der Kantine tun?«, fragte Mildred.
»Ach woher, der Kontakt zwischen Patienten und Personal ist durchaus erwünscht.«
Später saßen die beiden Frauen in der Sonne und genossen die kleine Pause.
»Gehörst du zu den Ersten, die hier angefangen haben?«, fragte Mildred.
»Ja, es hat noch nach Farbe gerochen, als ich hier ankam.«
»Dann kanntest du doch bestimmt meine Vorgängerin. Ich meine die, die vor mir mit Sally zusammengewohnt hat.«
»Du meinst Ellen Hayes? Warum fragst du nicht Sally nach ihr?«
»Habe ich ja, aber Sally hat so seltsam reagiert …«
»Ja, das ist eine merkwürdige Geschichte. Ellen war von heute auf morgen verschwunden, und mit ihr all ihre Sachen. Verabschiedet hat sie sich von niemandem. Nicht einmal von Sally und Mr. Wr …« Hetty brach ab, als beiße sie sich auf die Zunge.
»Du meinst aber jetzt nicht Jasper Wright, oder? War da etwas im Busch zwischen den beiden?«
Hetty grinste. »Das hast du aber jetzt nicht von mir, hörst du?«
Mildred nickte eifrig.
»Ellen war ein bildschönes Ding. Das ist natürlich auch ihm aufgefallen. Es hieß, die beiden hatten ein Verhältnis und Ellen sei sogar schwanger gewesen. Es gibt Leute, die wollen sie erhängt in einem Raum gesehen haben. Das ist der auf unserem Flur, der immer abgeschlossen ist. Anfangs hat er als Sterbezimmer gedient. Heute soll er angeblich nur Putzkammer sein. Aber ich habe da noch niemanden hineingehen oder mit einem Besen herauskommen sehen. Den Schlüssel soll die Oberschwester haben.«
Mildred hatte schreckgeweitete Augen.
»Und das ist noch nicht alles«, sprach Hetty weiter, »andere wollen sie sogar in der Leichenhalle gesehen haben. Man könnte denken, alles nur Gerede, aber das Seltsame ist, dass all Jene, die etwas Derartiges gesehen haben wollen, inzwischen nicht mehr hier arbeiten. Man munkelt, dass sie gekündigt und mit einer größeren Summe abgefunden wurden. Aber pscht, von mir hast du das, wie gesagt, nicht.«
»Aber das kann doch alles nur Unsinn sein«, sagte Mildred, mehr, um sich selber zu beruhigen, »wie soll man unbemerkt eine Leiche aus dem Haus geschafft haben, die jeder kannte?«
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