Die Verwaltungsangestellte Ms. Clementi Earhart, eine spindeldürre junge Frau, deren fahle Blässe kaum von der der Patienten zu unterscheiden war, tat ihr Bestes, die Führung so knapp und dabei so aufschlussreich wie möglich zu gestalten. Begonnen wurde in der Empfangshalle im Erdgeschoss, in der sich auch der Friseursalon befand, und von der man in den Flügel mit der Küche und den Speisesälen gelangte. Im gegenüberliegenden Flügel lagen die Ruhesäle oder Liegehallen, licht- und luftdurchflutet mit angrenzender Sonnenterrasse, in denen die Kranken bis zu sechs Stunden am Tag die frische Luft und die Sonne genießen sollten, und die umfangreiche Bibliothek, die allen zur Verfügung stand.
In der ersten Etage waren die meisten Patienten untergebracht. Dort gab es sogar eine eigene Kinderstation, eine kleine Kapelle, eine weitere Sonnenterasse und mehrere Aufenthaltsräume für die Krankenschwestern und das Pflegepersonal. Ein ausgeklügeltes Ventilationssystem sorgte für die nötige Frischluftzufuhr und eine konstante Lufttemperatur. Auf den Gängen zu den Patientenzimmern befanden sich mehrere Becken, die als Ausguss dienten. Mildred ahnte schon den Zweck dieser Becken, wagte aber nicht nachzufragen, das wollte sie am Abend bei ihrer Zimmergenossin tun.
Der dritte Stock beherbergte mehrere Behandlungsräume wie die Röntgenabteilung, die Badeabteilungen, die Zahnarztpraxis und die Verwaltungsräume, während sich in der vierten, für die Patienten nicht frei zugänglichen Etage die Operationssäle, die Forschungsabteilung und geheimnisvolle Räume, um deren Verwendungsweck sich viele Gerüchte rankten, wie Mildred später erfahren sollte, befanden.
Die Führung endete im Kellergeschoss des Hauses, das für die Handwerker am interessantesten war, denn dort gab es neben dem Büro des Hausmeisters und denen der Wartungsangestellten die Transformatorräume, die Aufzugwartung, die Wäscherei, die Kühlräume für Fleisch und andere Nahrungsmittel, aber auch das Leichenschauhaus, wie die neuen Krankenschwestern schaudernd feststellten.
Am Abend lernte Mildred erwartungsgemäß ihre Mitbewohnerin kennen. Sally Wilson war ein hübsches, junges Ding mit wachen Augen, glänzenden schwarzen Haaren, die sie in der Mitte ebenso gescheitelt trug wie Mildred, deren Haare aber aschblond waren. Sally hatte lustige Grübchen in den Wangen und ihr Lachen wirkte einfach ansteckend.
»Na, was hat dich denn hier in unser Panoptikum verschlagen?«, fragte sie frei heraus, »ist ein Verehrer zu zudringlich geworden, der nicht nach deinem Geschmack war, oder wollten deine Eltern einen Esser weniger zu Hause haben?«
»Eher Letzteres. Mein Vater ist schon länger tot, und mit meiner Mutter habe ich mich nie sehr gut verstanden. Wenn es nach ihr gegangen wäre, würde ich auch in den folgenden Jahren bei meinen Geschwistern Mutterstelle vertreten oder allenfalls in der Fabrik mein Geld verdienen.«
»Verstehe, aber du fühlst dich zu Höherem berufen. Willst der Menschheit einen Dienst erweisen, stimmt’s?«
»Was ist falsch daran?«
»Nichts, wir haben alle unsere Ideale. Nur, bist du sicher, stark genug für diese Aufgabe zu sein?«
»Das kommt auf einen Versuch an.«
»Ich weiß ja nicht, wo du vorher gearbeitet hast, aber ich gehe davon aus, dass es sich um eine normale Klinik gehandelt hat. Und da werden die Patienten in den meisten Fällen mehr oder minder geheilt entlassen. Hier verlassen sie eher liegend mit einem Tuch bedeckt das Haus.«
»Ich weiß, dass die Sterblichkeitsrate bei Tuberkulosekranken sehr hoch ist. Gerade deshalb möchte ich ihnen die letzte Zeit so angenehm wie möglich gestalten.«
»Deshalb also der Madonnenmittelscheitel …«
»Das musst du gerade sagen, du trägst ihn doch auch, aber mit deinen rabenschwarzen Haaren erinnerst du mehr an Snow White (Schneewittchen).«
»Dein Glück, dass du nicht an die böse Königin gesagt hast.«
Die beiden Frauen sahen sich an und prusteten los. In diesem Moment stand schon fest, dass sie gute Freundinnen werden würden.
»Und, wo bist du gelandet? Bei den kleinen Engelchen?«, fragte Sally.
»Nein, ich bin ja keine ausgebildete Kinderkrankenschwester. Ich bin im Ostflügel bei den eher minderbemittelten Patienten eingeteilt worden.«, antwortete Mildred.
»Sei froh, mich hat man zu den Betuchten gesteckt. Kein Zuckerschlecken, sag ich dir. Du glaubst nicht, was diese reichen, todkranken Wei … diese Art von Frauen für eine Energie entwickeln, einen herumzukommandieren, wenn sie kurz davor sind, ihr Dasein auszuhauchen.«
»Ich mag nicht, wenn du so redest. Es zeigt doch nur, dass der Tod keinen Unterschied zwischen Arm und Reich macht.«
»Wie unser aller Wohltäter, Chester Fillmore.«
»Wer ist das? Der Direktor?«
»Nein, der heißt Dr. McClintock. Mr. Fillmore gehört das Ganze hier, und von ihm stammt auch die Idee.«
»Entschuldigung, bisher habe ich nur den Personalchef, Mr. Wright, kennen gelernt.«
»Wie wir alle. Hat dir der feine Jasper schöne Augen gemacht?«
»Weiß ich nicht, ich glaube nicht.«
Sally kicherte. „So was merkt man doch. Vor dem musst du dich in Acht nehmen. Der ist hinter allem her, was einen Rock trägt. Dabei hat seine Frau ein wachsames Auge auf ihn. Sie arbeitet auch in der Verwaltung.«
»Was denn, die Blasse, Dürre von vorhin? Ach nein, die hieß ja Earhart und ist noch Miss.«
»Ja, das dürfte die Einzige sein, bei der er es noch nicht versucht hat, deshalb genießt sie auch das Wohlwollen von Fidelia Wright.«
»Sag mal, was hat es eigentlich mit den Becken auf den Gängen auf sich?«, fragte Mildred, der die Ausführungen über die Ehe der Wrights etwas peinlich waren, »die sind doch wohl kaum zum Händewaschen, oder?«
»Nein, du Unschuldsengel, darin sollen die Patienten ihr Sputum entsorgen, das sie zuvor in Spuckflaschen wie dem Blue Henry aufgefangen haben. Und es gehört zu deinen Aufgaben, diese Handlung zu überwachen.«
»Die Oberschwester hat so etwas angedeutet. Aber was ist der Blue Henry?«
»Den Begriff hat man in Deutschland geprägt und die Einwanderer haben ihn mitgebracht. Es handelt sich um einen Taschenspucknapf, der aus blauem Glas gefertigt und deshalb Blauer Heinrich genannt wird. Ein Mann namens Peter Dettweiler hat ihn 1889 vorgestellt. Bei uns hat man ihn kurzerhand in Blue Henry umgetauft.«
»Wie sinnig, blue bezeichnet ja nicht nur die Farbe, sondern auch das Traurigsein. Ich kann mir vorstellen, dass hier viele von sich sagen, deprimiert zu sein - I’m feeling blue.«
»Eben, passt doch. Apropos Oberschwester, wie gefällt dir unsere Rhonda?«
»Och, ich habe schon liebenswürdigere Frauen kennen gelernt.«
»Das dachte ich mir. Aber lass dich nicht täuschen, hinter der rauen Schale verbirgt sich ein weicher Kern. Im Grunde genommen ist sie ganz in Ordnung. Sie wird etwas dick aufgetragen haben, damit du ihr den entsprechenden Respekt erweist.«
»Da braucht sie bei mir keine Sorge zu haben. Ich bin nicht der Typ, der sich Vorgesetzten gegenüber aufsässig verhält.«
»Man muss sich aber auch nicht alles gefallen lassen. Die sind nämlich auch nur Menschen, und machen mitunter Fehler.«
»Ich werde es im Hinterkopf behalten.«
Mildred fing an, ihre Sachen auszupacken und ihre wenigen Kleider in den Schrank zu hängen.
»Wenn du noch Bügel brauchst, bedien dich auf meiner Seite«, sagte Sally, »ich nehme an, die Pelze und Abendroben werden dir noch nachgeschickt?«
»Nein, das ist alles, was ich habe. Bei sechs Geschwistern bleibt einem nicht viel, aber ich werde wohl kaum in die Verlegenheit kommen, hier an irgendwelchen offiziellen Anlässen teilnehmen zu müssen.«
»Sag das nicht. Einmal im Monat dürfen wir unsere Schwesterntracht gegen Goldlamé und edles totes Getier auf den Schultern eintauschen.«
Читать дальше