Unsere Wohnung, sagte Karla schwach.
Also das beste ist, Sie ziehen vorläufig in das Palast-Hotel. Ich werde dort anrufen und Zimmer für Sie bestellen. Eduarda ist Ihre einzige Tochter –? Ihr einziges Kind –? Gut ... Er zählte an den Fingern: Fünf, sechs, sieben Räume werden erstmal genügen. Wir müssen ein Arbeitszimmer für Sie haben, Herr Schreyvogel. Dann ein Konferenzzimmer. Ein Zimmer für Ihren Sekretär ...
Meinen Sekretär ... murmelte ich benommen. In meinem Kopf drehte sich ein Mühlrad. (Es sollte in den nächsten Wochen nicht wieder zum Stillstand kommen.)
Natürlich, einen Sekretär müssen Sie sofort haben, auch zwei, drei Stenotypistinnen ...
Stenotypistinnen für meinen Mann –? fragte Karla mit einem Drohen in der Stimme.
Selbstverständlich! Sie werden Briefe über Briefe bekommen, Sie werden sich vor Arbeit nicht retten können ... Aber wir stehen noch immer auf der Straße. All das bespricht sich viel besser auf meinem Büro. Verehrte gnädige Frau, Ihre Idee mit dem schulfreien Nachmittag (Hähä!) ist ganz reizend, aber Sie sehen selbst: tausend Dinge ...
Wir wollen unsern freien Tag haben! sagte Karla mit aller Energie. Morgen, was Sie wollen, Herr Justizrat, aber heute, der Tag gehört noch uns, nicht wahr, Maxe –?
Ich würde ja auch denken ... sagte ich schwach.
Aber dann gestatten Sie wenigstens, daß ich Ihren Umzug in das Palast-Hotel vorbereite? bat der Justizrat dringend. Sie können doch unmöglich ... Eine Mansarde, überlegen Sie doch nur –! Sie sind doch jetzt ein Millionär, Herr Schreyvogel –!
Und wer soll packen?! rief Karla. Heute stelle ich mich unter keinen Umständen hin und ...
Packen –? fragte der Justizrat erstaunt. Aber doch der Packer des Spediteurs! Ich schicke meinen Bürovorsteher Fiete hin, unter seiner Aufsicht ...
Meine Sachen?! Ein Packer, Ihr Bürovorsteher – daraus wird nichts, Herr Justizrat! Meine Sachen packt keiner als ich!
Aber liebe, gnädige Frau! suchte der Justizrat meine zornige Karla zu beruhigen. (Aber die ›Gnädige Frau‹ machte schon gar keinen Eindruck mehr auf sie.) Sie haben jetzt unendlich viel Sachen, ich sagte schon, dreißig oder vierzig Zimmer voll, herrlich eingerichtet –! Kunstgegenstände, Original-Ölgemälde, teilweise mehrere Quadratmeter groß ...
Kunstgegenstände! rief Karla verächtlich. Von mir aus! Aber meine Wäsche rührt kein Packer von einem Spediteur an! Das sage ich Ihnen! Die habe ich als junges Mädchen Stück für Stück in meiner Hamsterkiste zusammengespart. Und überhaupt, Herr Justizrat, heute nacht wollen wir unbedingt noch in unserm alten Heim schlafen; was morgen wird, das werden wir ja morgen sehen –!
Sie blitzte ihn entschlossen an. Mit all ihrer Leidenschaft lehnte sie sich gegen das Joch auf, das er ihr auferlegen wollte.
Und jetzt adieu, Herr Justizrat. Ich muß nach meinem Kind sehen. Nach meinem Kind sehe ich auch allein, das soll mir kein Packer unter Aufsicht Ihres Bürovorstehers einpacken –!
Karla! bat ich, ganz erschrocken, daß meine Frau mit einem älteren, akademisch gebildeten Herrn so umsprang.
Aber der Justizrat lächelte nur. Sehr verehrte gnädige Frau, sagte er freundlich. Alles, wie Sie und Ihr Herr Gemahl – kurzer Blick auf mich – es wünschen! Ich will Ihnen doch nur behilflich sein! Und nun noch eine allerletzte Frage, ehe ich Sie endgültig gehen lasse: haben Sie Geld?
Geld? fragte ich und sah ihn etwas ängstlich an. Ich hatte mich schon eine ganze Weile davor gefürchtet, daß er von seinem Honorar reden würde.
Aber Karla verstand ihn besser. Geld! sagte sie stolz. Es ist doch grade erst Ultimo gewesen. Wir haben noch fünfundsechzig Mark, Herr Justizrat!
Fünfundsechzig Mark – hähä!
Diesmal war nun ich wirklich sehr nahe daran, wütend auf den Justizrat zu werden.
Aber sie können doch unmöglich ohne Geld herumlaufen ...
Von fünfundsechzig Mark haben wir einen ganzen Monat gelebt, fing Karla sehr scharf an.
Natürlich, natürlich! sagte der Justizrat eilig. (Er hatte Karla gegenüber keine glückliche Hand.) Sie werden in den nächsten Tagen Geld brauchen, auch kleinere Wünsche befriedigen wollen, trotzdem ich von größeren Anschaffungen abraten möchte, ehe Sie nicht gesehen haben, was alles Sie besitzen ... Aber vielleicht ein moderner Anzug für den Herrn Schreyvogel, ein Pelzmantel für die junge Frau ...
Wir sahen den listigen Verführer an wie die Kinder den Weihnachtsmann. Jetzt, jetzt legte er auch Karla das Joch auf den Nacken!
Wie gesagt, Sie brauchen Geld. Die Bankkonten Ihres Herrn Onkels werden erst nach Ausstellung des Erbscheins freigegeben. Aber ich bin Ihnen gerne behilflich ...
Ich habe noch nie Geld gepumpt –!
O Gott, kein Darlehen! Er hob flehend die Hände. Ich bin doch vorläufig noch Ihr Vermögensverwalter und – seine Stimme wurde sehr süß – hoffe es auch weiter zu sein, wenn ich Ihr Vertrauen erringen sollte ...
Wir sahen ihn atemlos an. Daß ein so würdiger alter Herr solche Verbeugung vor uns machen, uns so zwingend anlächeln würde – es war erstaunlich!
Ich habe hier einen kleinen Scheck. Er drückte mir das Papier in die Hand. Am Bankschalter einzulösen, Herr Schreyvogel. Gleich am Markt, die Landschaftliche Bank – ich habe Ihren Besuch schon angezeigt. Und jetzt – einen recht vergnügten Tag –!
Er zog seinen Hut mit unendlicher Höflichkeit, er lächelte uns an, es sollte wohl freundlich aussehen, aber er lächelte wirklich, als hätte eine Ziege Zahnschmerzen. Er ging. Wir starrten ihm nach, wir starrten ihm atemlos nach.
Dann sahen wir einander an.
Karla bewegte mit einem schwachen Lächeln die Lippen, aber sie sagte keinen Ton. Ich hob die linke Hand mit dem Scheck gegen das Gesicht, ließ sie dann aber entschlusslos wieder sinken.
Es war uns wie in einem Traum. Gleichzeitig wandten wir die Köpfe. Wir sahen die kleine, schwarze Gestalt des Justizrats durch den Nebel wie Rauch die Straße hinabgehen – eine Ecke, fort war er, wie aufgegangen in Rauch!
Gleichzeitig wandten wir einander die Gesichter wieder zu.
Es ist doch wirklich wahr –? flüsterte ich.
Zeig mal den Scheck, antwortete Karla leise.
Gemeinsam neigten wir uns über das grünliche Papier, den ersten, auf uns ausgestellten Scheck unseres Lebens ...
Fünftausend Mark, flüsterte ich atemlos nach einer langen Zeit.
Fünftausend Mark, klang ihr Echo.
Wir starrten weiter. Die Zahlen verschoben sich vor meinen Augen, die Nullen flossen ineinander, die Fünf griff über den Rand des Blattes, mein Herz fing rasend an zu pochen.
Dein Motorrad ... flüsterte ich.
Geld für Paul ... sagte sie.
Reisen ... nach dem Nordkap, nach Indien, in die Südsee ...
Abendkleider, ein Paddelboot ...
Ich sah sie an. Ich glaube, Karla, es ist wirklich wahr ...
Ja! nickte sie entschlossen. Da steht fünftausend Mark, wir sind richtige Millionäre ...
Sie schluckte. Dann, tapfer: Aber, nicht wahr, Maxe –?
Nicht wahr, Kerlchen –?
Es ändert nichts, für uns, meine ich ...
Es bleibt alles so, wie es ist ...
Zwischen uns, ja.
Und auch für die kleine Mücke.
Ja, für die natürlich auch.
Wir standen, hatten uns die Hand gegeben. Es war irgendwie feierlich, sehr groß. Größer als unsere Trauung damals. Als hätten wir uns erst jetzt endgültig und für immer einander versprochen ... Ich sehe uns da noch stehen, vor der häßlichen, geschwärzten Backsteinfassade des Amtsgerichts Radebusch. Es war neblig, naßkalt, ziemlich windig. Ich sehe uns da stehen, ich in meinem billigen, aber wunderbar gebügelten Sonntagsanzug von der Stange und mit dem rehbraunen Überzieherchen, der uns einmal äußerst schick vorgekommen war, der sich dann aber gar nicht gut getragen hatte. Und Karla mit ihren langen, schlanken Beinen, das blasse Gesicht mit den leuchtenden Augen über einem graumelierten, schmalen Kragen aus Lammfell, ein Filzhütchen schief aufgesetzt. Menschen gingen vorüber, aus und in das Amtsgericht, sie achteten nicht auf uns – auf uns junge, ahnungslose Hühner ...
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