Nein, bestimmt nicht, Herr Direktor, sagte ich ängstlich. Es war ein ganz privater Besuch von Herrn Steppe, das heißt, ich meine, ich darf noch nicht darüber reden ...
Es ist Ihnen also von Herrn Justizrat Steppe Schweigegebot auferlegt worden? Sehr eigentümlich!
Nein, nicht vom Herrn Justizrat, sondern von meiner Frau –. Das heißt, wir wissen noch gar nicht ...
Ich gebe zu, ich benahm mich wie ein Idiot. Karla hatte nur verboten, dem Apostel Paulus etwas zu erzählen. Dem Paulus erzählte ich sofort alles, aber den Direktor jagte ich mit sturer Verschwiegenheit in die schwärzesten Verdächte ...
Herr Kracht betrachtete mich finster aus seinen schwarzen, runden Augen. Zwar ist heute schon der Erste, Herr Schreyvogel, sagte er abgerissen. Wenn mir recht ist, arbeiten Sie bereits seit sechs Jahren bei mir ... Aber wenn Sie sich zu verändern wünschen, jeder Termin ... Da hohe Justizpersonen Sie sogar in Ihrem Heim aufsuchen ... Ich habe nie in meinem Leben auf Dankbarkeit gerechnet, Herr Schreyvogel ... Aber immerhin, ich werde Sie nicht flehend in Ihrer Wohnung aufsuchen ... Ich werde mich nicht um Sie bemühen ...
Bestürzt hörte ich dies bittere, zusammenhanglose Gerede an. Aber ich war so verwirrt, daß ich trotz eines mahnenden Blickes von Freund Paulus wieder im Unsinn ertrunken wäre, wenn Hagenkötter nicht eingegriffen hätte.
Herr Schreyvogel-Gaugarten ist gestorben, sagte er halblaut. Es scheint, unser Schreyvogel hier gehört zu den Erben.
Das heißt, ich weiß noch nichts! rief ich beschwörend.
Herr Direktor Kracht wippte elastisch auf den Zehenspitzen. Selbst ich in meiner Verwirrung sah, wie erleichtert mein Brotgeber war, einem bösen Verdacht Valet sagen zu können.
Aber da muß man ja gratulieren! rief er in einem ganz anderen Ton. Das heißt – und er zog sein Gesicht in ernste Falten –, vor allem ist es meine Pflicht, Ihnen zu dem Ableben Ihres Herrn Onkels zu kondolieren. Mein herzlichstes Beileid, Herr Schreyvogel –!
Herr Direktor, ich danke Ihnen sehr –!
Zum erstenmal lag es mir ob, mit ernstem Nachdruck eine dargereichte Hand zu schütteln und meinem Gegenüber gehalten trauervoll ins gehalten trauervolle Auge zu blicken. Ein Akt, den ich in den nächsten Tagen noch oft wiederholen sollte; bei dem ich mich immer gefragt habe, ob meinem Gegenüber auch so töricht zumute war wie mir.
Und was erben wir denn, mein Lieber? fragte Herr Kracht in ganz anderem, fast fröhlichem Ton. Wir werden doch nicht gar Rittergutsbesitzer? Gaugarten soll ja eine Musterwirtschaft sein. Ich glaube, meine Frau bezieht ihre Winterkartoffeln von dort.
Ein veränderter Kracht, ein menschlicher Kracht. Bis dato hatte er noch nie seine Familie auf dem Büro erwähnt. Wie von einem Zauberstabe angerührt.
Ich weiß noch nichts, sagte ich eilig. Herr Justizrat hat mir nichts gesagt.
Selbstverständlich! Natürlich!! lachte Herr Kracht. Ich habe ja auch nur einen Witz gemacht. Sie haben sich wohl schon als Rittergutsbesitzer gefühlt –? Hähähä –!
Er lachte, die Wendel und die Wenzel lachten natürlich pflichtschuldig mit, und auch ich verzog pflichtschuldig mein Gesicht. Nur Paulus Hagenkötter blieb sterbensernst.
Hier in Radebusch gibt es ja Schreyvögel, wohin man spuckt! fuhr der verwandelte Kracht eifrig fort. Ebenso in den umliegenden Dörfern. Das Erbe wird sich sehr zersplittern. Landbesitz läßt sich zur Zeit schlecht verkaufen, und ob Barvermögen da ist ...
Er stand plötzlich lauschend, als behorche er einen tief in seinem Innern wachwerdenden Gedanken.
Paulus Hagenkötter wußte schon wieder Bescheid. Jawohl, Herr Direktor, flüsterte er. Herr Eduard Schreyvogel hat eine Lebensversicherung bei uns laufen ...
Hunderttausend Mark! rief Herr Kracht klagend. Und ich freue mich noch für Sie, Herr Schreyvogel! Sicher sind Prämien noch nicht zur Hälfte der Versicherungssumme eingezahlt! Solche Leute sterben immer früh. Laufen Sie doch, Schreyvogel, holen Sie den Prämienberechnungsbogen! Wir wollen sehen ... Aber wenn die letzte Prämie nicht auf die Stunde pünktlich bezahlt ist – wir weigern uns! Wir prozessieren mit der Erbmasse! Und ich kondoliere Ihnen noch, Schreyvogel, mir selbst hätte ich kondolieren sollen! Das ist ein Schlag! Und ich habe gedacht, wir bekämen mal einen guten Jahresabschluss! Hunderttausend Mark Auszahlung, für Ihren Onkel, Herr Schreyvogel! – Wer hat die Versicherung gebracht? Unser Agent Bouterweck! Ich sage ja, Bouterweck ist ein Unglückshuhn; die Sterblichkeit unter den Fällen, die er bringt, ist katastrophal! Wieviel sind also eingezahlt?
Siebenundsechzigtausend mit Zins und Zinseszins.
Es ist ja etwas besser, als ich gedacht habe, aber immerhin, wir legen dreiunddreißigtausend Mark drauf! Dreiunddreißigtausend, Herr Schreyvogel – für Ihren Onkel! Warum sind wir nicht rückversichert? Ja, ich weiß, Fräulein Wendel, Sie brauchen mir nichts zu erzählen, ich kenne meine Policen! Ich habe mich damals erkundigt: Junggeselle, gönnt sich nichts, nie krank gewesen – hundert Jahre hätte der Mann alt werden müssen! Aber natürlich, kaum versichern wir den Mann, stirbt er schon nach zwölf Jahren! – Bouterweck, natürlich, da sind Sie endlich, Sie Unglückshuhn! Jetzt, wo es zu spät ist, kommen Sie! Haben Sie schon gehört, Schreyvogel-Gaugarten ist gestorben, und mein Kontorist hier ist lachender Erbe ...?
Jawohl, tief bedauerlich – das heißt, also mein herzlichstes Beileid, Herr Schreyvogel!
Wieder nahm ich eine Hand, wieder sah ich in ein gehalten trauervolles Auge.
Dann sagte Bouterweck: Es war ein unberechenbarer Unglücksfall, Herr Kracht. Ich kann wirklich nichts dafür ...
Das sagen Sie immer, Bouterweck!
Also, der Mann hat eine Nuss geknackt, mit den Zähnen, verstehen Sie, Herr Kracht! Mit den Zähnen! Der Zahn bricht ab, er verschluckt ihn, der Zahn setzt sich im Blinddarm fest, Entzündung, Nimsdorf will noch operieren, Patient weigert sich hartnäckig. Schließlich doch Operation, zu spät, völlige Vereiterung, exitus letalis!
Exitus letalis! wiederholt Herr K. H. Kracht. Ich sage es meinen Kindern auch immer! Merken Sie es sich für Ihr Leben, meine Damen und Herren: nie Nüsse mit den Zähnen knacken! Dreiunddreißigtausend Mark kostet uns diese mit den Zähnen geknackte Haselnuss!
4. Kapitel
Streit um einen Nußknacker – Erbschafts-Phantasien – Karla fordert Verfügung über ›unser‹ Geld
Der gegen Abend dichter gewordene Nebel hatte die Freundinnen Karlas unserm Heim ferngehalten, zum Segen unserer inneren Ruhe. Es wäre nicht abzusehen gewesen, wohin drei oder vier junge Mädchen und Frauen unser Erbschifflein mit dem Wellenschlag ihrer Zungen getrieben hätten!
In der Kammer murmelte sich die kleine Mücke stets leiser und undeutlicher in den Schlaf – sie hatte die drei Seidenhüte schon wieder vergessen über der Oma Böök, unserer Mansardennachbarin, die bei ihr mit Märchen eingehütet hatte.
Unser einziger Gast an diesem friedvollen Abend war Paulus Hagenkötter, und er sorgte dafür, daß wir uns nicht in Erbschaftsphantasien verloren; seine Phantasie ging andere Wege.
Wenn ihr von eurem Erbteil über das Notwendigste fünfhundert Mark erübrigen könntet, sagte er und rieb sich langsam zwischen den Knien seine knochigen Hände, so wüßte ich eine Idee für euch, die so vieles einbrächte, daß ihr die ganze Erbschaft entbehren könnt. Ja, sie machte uns alle drei bestimmt zu reichen Leuten!
Erzähle, Paulus! bat ich.
Karla schoß über ihre Häkelei fort einen schnellen, scharfen Blick auf Paulus, aber sie schwieg, wie meistens, wenn sie ohne weiblichen Beistand zwischen uns Männern saß.
Die Idee ist mir gekommen, sagte Paulus nachdenklich, als Bouterweck von der Todesursache deines Onkels erzählte. Alle Menschen knacken Nüsse gerne mit den Zähnen, wenn sie auch hundertmal wissen, es tut nicht gut. Ich habe mir einen kleinen Apparat überlegt, billig in der Herstellung, zwei Stahlblechplatten, mit Scharnier und Feder schräg zueinander gestellt und auf die Zähne aufzusetzen – damit knackt jeder Mensch sich seine Nüsse im Munde und schadet seinen Zähnen doch nicht. Warte, ich zeichne es dir auf ...
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