Karla zog die Augenbrauen hoch.
Ich weiß es nicht. Es war wie eine Eingebung – vielleicht, weil sie so unanständig war. So was, den Herren ihren Pöker zu zeigen! Pfui, Mücke, das tust du aber nie wieder, fremden Onkels deinen Pöker zeigen! Sonst wird die Mummi ganz traurig, nicht wahr? Und du wirst jetzt gleich einschlafen, ja? Mummi muß schnell mit dem Papa weg – aber sie ist gleich wieder da!
Ich schlaf nie und nie, wenn du nicht da bist, Mummi ... sagte die Mücke sehr weinerlich.
Endlose Verhandlungen, Bonbonversprechungen – sieben Minuten vor zwei liefen wir los, und wenn ich schnell gehe, brauche ich zwanzig Minuten ins Büro.
Wir liefen durch die Straßen, Karla auf ihren langen Beinen neben mir – sie sieht aus wie ein Junge, keiner glaubt ihr ein fünfjähriges Mädel (und nun erst eine gnädige Frau!). Es war noch gut, daß es neblig war, wir benahmen uns unglaublich! Wir liefen Trab und schrien uns dabei an – große, sehr erregende Fragen beschäftigten uns: Werden wir erben? Wann werden wir erben? Wieviel werden wir erben?
Das klingt sehr gemein, wenn ich es hier so nackt hinschreibe, es klingt verdammt geldgierig. Und es sieht auch häßlich aus, daß wir dem doch wahrscheinlich soeben erst verstorbenen Onkel Eduard nicht einen bedauernden oder freundlichen Gedanken gönnten.
Aber ich schreibe hier alles so, wie es wirklich war, nieder für unsere Nachkommenschaft, zu unserer Rechtfertigung. Denn wenn fünf Kinder, siebzehn Enkel und alle Urenkelei einmal erfahren, daß Karla und Max Schreyvogel vieles besessen haben, sie aber erben nichts, so könnten sie mit Zorn und Verachtung an uns denken. Das will ich schon um der Karla willen nicht haben, die sich die redlichste Mühe gegeben hat, während ich allerdings – doch das werden wir alles noch an seinem Platz erfahren!
Von Geldgier, liebe Nachkommenschaft, kann bei uns überhaupt keine Rede sein. Wer wie wir an jedem Monatsletzten bare 178 Mark ausbezahlt bekommt, von denen sofort weit über die Hälfte für Miete, Gas, Elektrisch, Zeitung und Läpperschulden abgeht, der hat von Geld überhaupt keinen Begriff. Sondern wenn Karla und ich von Erbschaft und Geld redeten, so meinten wir gar nicht Geld, sondern die Sachen, die wir uns davon kaufen wollten: einen Teppich für die Stube, etwas sehr notwendige Bettwäsche, einen Anzug für mich, der Mücke ein größeres Bettchen und für Karla einen wärmeren Mantel.
Beim kleinen Mann ist Geld etwas ganz anderes als beim großen: Es findet keine Stätte bei ihm, sondern läuft nur durch, ein viel zu eiliger Gast, um auch nur ein Zehntel seiner Wünsche zu erfüllen. Während es beim großen Mann auf dem Bankkonto ruht und er nur einen Scheck auszuschreiben braucht, wenn ihn ein Wunsch besucht – es kommt aber keiner mehr.
Ich kann davon mitreden, ich bin beides gewesen: kleiner Mann und großer Mann. Kleiner Mann bin ich jetzt, da ich dies schreibe, wieder, aber es ist nicht mehr dasselbe wie vor und an jenem Tage, da wir mit aufgeregt roten Backen durch den Nebel in das Büro der Vira liefen. Wer einmal vom Baume der Erkenntnis gegessen hat, bekam einen bitteren Gaumen; wir können alle nicht mehr in der alten herrlichen Unschuld die Spiele unserer Kindheit spielen!
Und was bedeutete uns überhaupt an jenem ersten November Erben?! Wir stellten in der Eile die ›nötigsten‹ Anschaffungen zusammen und waren zu jedem Abstrich bereit. Zwar wußte ich mehr als Karla, durfte es ihr aber nicht sagen, daß nämlich Herr Eduard Schreyvogel-Gaugarten mit der Vira eine Lebensversicherung auf hunderttausend Mark abgeschlossen hatte, denn das war Berufsgeheimnis. Trotz dieses Sonderwissens verstiegen sich meine Erwartungen aber nicht höher als auf zwei- oder dreitausend Mark. Denn ich dividierte meine Hoffnungen noch durch mindestens vierzig mir bekannte Schreyvogel. Vielleicht aber waren es gar siebzig oder achtzig – ich kannte sie bestimmt nicht alle!
Von Geldgier kann also nicht die Rede sein, das muß ich doch zu unserer Ehre sagen. Wir waren genau wie die Kinder vor der Tür vom Weihnachtszimmer am Heiligen Abend. Ist es nicht das große, goldgezierte Puppentheater aus dem Schaufenster geworden, so freut uns doch ebenso der bunte Hampelmann. Und überhaupt ist die Vorfreude auf den Lichterbaum mit dem goldenen, sich langsam drehenden Flitterstern an seiner Spitze schon Freude genug!
Was aber den armen, vermutlich soeben verblichenen Onkel Eduard anlangte, so kannten wir ihn von Person überhaupt nicht, und es wäre bare Lächerlichkeit gewesen, von uns Trauer zu verlangen. Auch brieflich hatte er sich uns nie weiter mitgeteilt, als daß er auf die Nachricht von Geburt und Taufe unserer ›Eduarda‹ einen Sack Zwiebeln und eine Kiste Zitronen gesandt hatte – mit dem höhnischen Brieflein: so könnten wir doch leichter weinen über das entgangene Patengeschenk und uns angenehmer trösten bei einem Kontoristengehalt!
Damals hatte ich getobt über das eklige Raubein und mir geschworen, ihm nie wieder eine Zeile zu schreiben – was ich auch wirklich nicht getan habe. Und ich habe gegrollt mit meiner lieben Mutter, daß sie uns in ihrer Vorsorglichkeit überredet hatte, die Mücke Eduarda zu taufen, nach dem Satz: nützt es nichts, so schadet es nichts – und das Kind bekommt es vielleicht einmal leichter!
Arme Mutter, du bist glücklich, du hast es nicht mehr erlebt, daß deine Kinder in den Genuss deiner Vorsorglichkeit kamen! Und armer, alter, ekliger Onkel Eduard – heute verstehe ich besser, daß du solch ein Raubein und Menschenfeind wurdest! Wer krank und einsam immer nur Schnorrer und Erbschleicher um sich spürt – der muß sein Herz verhärten!
3. Kapitel
Feindschaft zwischen Karla und dem Apostel Paulus – Der böse Subdirektor K. H. Kracht – Eine Haselnuß für dreiunddreißigtausend Mark
Mit Schrecken merke ich eben beim Überlesen des Geschriebenen, daß ein mir recht unangenehmer trauervoller Ton aus meinem Bericht über diesen ersten November klingt.
Das ist mir aber gar nicht recht. Trauer und Wehmut empfinde ich wohl heute, rückschauend, beim Niederschreiben. Aber an jenem Tage waren wir noch ganz ahnungslos glücklich, ich habe es ja schon gesagt: wie Kinder vor der Weihnachtsstube!
Betrübt bin ich heute, daß so selig Begonnenes so unselig ausging, aber damals hatten wir beide Herz und Hirn voll der schönsten Träume, voll unglaublicher Erwartungen – bis zu einem Markwert von Dreitausend. Und beide einen nicht zu stillenden Lebensappetit. Unser Vitaminhaushalt war sicher nicht völlig in Ordnung, aber wir hatten trotz spärlicher Vitamine die allerschönsten roten Backen – auch Hoffnungen sind Vitamine, unerläßlich einem jeden Leben –!
Ich komme nun auf den Apostel Paulus.
Neun Minuten nach zwei! rief ich vor der Tür der Vira. Kracht wird krachen!
Maxe! rief Karla dagegen. Die Mücke schläft jetzt bestimmt! Ich laufe schnell noch einmal in die Sandgasse und sehe mir das Haus an! Welches Haus –?
Ach! Aber du, Maxe! Das vom Notar Steppe natürlich! Zu denken, daß er da vielleicht oben sitzt und vielleicht schon weiß, was wir vielleicht erben werden –! Also, ich lauf ganz schnell, in zwanzig Minuten spätestens bin ich wieder bei der Mücke! – Tjüs, Maxe!
Tjüs, Kerlchen!
Sie lief schon, ihre Absätze tanzten klipp-klapp über das Pflaster. Sie drehte sich noch einmal um, sie rief: Und daß du mir dem Apostel Paulus noch nichts erzählst! Der verdirbt uns doch bloß allen Spaß mit seinem Unken!
Knapp entging sie dem Anprall gegen einen älteren Herrn, denn sie hatte von mir fortlaufend zu mir hingeredet. Sie winkte, sie wehte um die Ecke.
Ich betrat das Büro.
Fräulein Wenzel und Fräulein Wendel – diese beiden ähnlichen Namen und unähnlichen jungen Damen haben sich erst auf unserm Büro kennengelernt – saßen schon schmetternd hinter ihren Maschinen. Paulus Hagenkötter sah von seiner Kartothek hoch, nickte mir mit seinem langen weißen Gesicht ernst zu und fragte: Wieder mal das Essen nicht rechtzeitig fertig gewesen? Herr Kracht hat schon zweimal nach dir gefragt!
Читать дальше