"Schafspelz ist der Tarnname unseres Mannes?"
"Nennen wir ihn doch einfach S., Adrian.”
Ich habe mich oft gefragt, in wie viel Köpfen das Wort "Verrat" schon seinen profanen Abdruck hinterlassen hat, ohne dass daraus etwas Rechtes geworden wäre. Jede Missachtung oder Beleidigung, jede längst fällige Beförderung kann solche Tagträume nach sich ziehen – aber meist bleiben es Träume.
Ich eigne mich wenig zum Verräter. Wenn ich mich ehrlich prüfe, würde ich, um das eigene Leben zu retten, sicher Schritte erwägen, die ich unter normalen Bedingungen ablehne. Verrat setzt religiöses Eiferertum oder tiefempfundenen Hass voraus, beides Gemütsbewegungen, die mir gewöhnlich fremd sind.
Forum würde sich wegen meiner Loyalität keine Sorgen machen müssen. Um sie zu erschüttern, wäre schon ein schwereres Kaliber nötig gewesen als mangelndes Vertrauen. Aber auf ähnlich schwankendem Boden wie die Phantasien eines Tagträumers, den ein vorübersausendes Auto plötzlich in die Wirklichkeit zurückgerufen hat, bewegten sich auch meine Gedanken und Vermutungen, als ich mir die letzten Tage vergegenwärtigte.
Ich ging eine Gracht im Amsterdamer Rotlichtviertel entlang, bog zum Rembrandtsplein ab, und als ich die wütenden politischen Parolen an den Backsteinwänden hinter der Universität las, fragte ich mich, was mich eigentlich bewogen hatte, meine Vorbehalte gegen Sehlen so leichten Herzens über Bord zu werfen. Vielleicht meine Ahnung, dass auch Forum nicht mit der ganzen Wahrheit herausrücken wollte.
Und würde er überhaupt jemals damit herausrücken? Versuchte ich mich einfach nur mit meiner Rolle anzufreunden?
Im Wasser zwischen den Grachtenwänden schwammen gelbe Blätter. Novemberwinde aus Afrika hatten ein unerwartet mildes Herbstwetter zurückgebracht. An den Teerpappedächern der Hausboote steckten kleine Zettel mit Wohnungsangeboten, und zwischen den Regenrinnen und den Bäumen am Ufer waren farbige Girlanden gespannt. Ein schwarzer Hund mit hochgestellten Ohren und struppigem Fell verfolgte meine Schritte zum Eingang der Van - Aaren - Gedächtnisbibliothek .
Ich erinnerte mich, dass ich mich früher vor dem Eingang immer vergewissert hatte, ob ich unbeobachtet war.
Diesmal verzichtete ich darauf, vielleicht um mir zu beweisen, dass ich meine Regeln selbst bestimmte. Das Portal bestand aus zwei hohen Mahagonitüren, die einen Vorraum zur Halle bildeten. Jede Seite hatte runde Plexiglasfenster, ein krasser Stilbruch angesichts der schönen alten Mahagonikassetten, und genauso wenig zum Interieur der Vorhalle schien auch das Gesicht des kahlköpfigen kleinen Mannes hinter einem der "Bullaugen" zu passen, der überrascht seinen Zeigefinger vor die Lippen legte, als er mich erkannte, und mich dann eilig an der leeren Pförtnerloge vorüber in den Packraum führte. Unter seinem blauen Arbeitskittel wölbte sich ein kugeliges Bäuchlein, seine abgewinkelte Linke hielt eine stark parfümierte Zigarette, und seine rechte Hand ruhte zur Faust geballt in der Kitteltasche.
"Das schickt man uns aus aller Welt", sagte er bekümmert und sog heftig am feuchten Mundstück, spie ein paar Tabakflusen aus und fuhr sich ärgerlich über den Mund. "Jeder will der Van-Aaren-Gedächtnisbibliothek Geschenke machen. Dreimal wöchentlich treffen ganze Berge von Kisten und Paketen ein, alle wollen ihren Namen möglichst auf der Stelle als Spender im Bibliotheksverzeichnis sehen. Und wen nimmt man dafür in die Pflicht? Den alten Beil! Beil, komm her und pack die Kisten aus … Beil, zur Post … Beil, wo haben wir das verdammte singapurische Postskriptum? Beil, Jakob – ich sehe nirgends eine Moskauer Ausgabe von … "
"Kann man hier ungestört reden?"
"Kein Ort im alten Amsterdam ist sicherer."
"Jakob, alter Halunke … "
Wir fielen uns in die Arme.
"Ich dachte, dieser Außenposten sei längst aufgegeben worden? Forum erwähnte mal wegen Einsparungen, weil sich das politische Klima geändert habe? Unsere Art von Zeitvertreib wird bald dem Hammer des Auktionators zum Opfer fallen, Jakob. Alternder Agent mit randvollem Gedächtnis aus den Zeiten des kalten Krieges, alles noch in gebrauchsfähigem Zustand, zum ersten, zum zweiten – wer bietet mehr?"
"Die Van-Aaren-Bibliothek ist nicht mehr, was sie mal war, Adrian."
"Aber sie arbeitet noch?"
"Als gewöhnliche Bibliothek."
"Heißt das, es gibt keine Verbindungen mehr über den großen Teich?"
"Ein paar Informationen rauschen schon noch herein, und sie werden auch ordentlich von mir nach Paris oder München weitergeleitet, wie in alten Zeiten. Aus der Zentrale ist eine Ein-Mann-Postleitstelle geworden. Die Bibliotheksleitung wurde vorigen Winter durch studierte Bücherwürmer ersetzt. Niemand von denen ahnt etwas von meiner Aufgabe. Ich bin Beil, das tumbe Faktotum. Beil hier, Beil da."
"Hast du schon von Quands Entlassung gehört?"
"Wir fallen alle, einer nach dem anderen. Kegel mit leicht angeschlagener Oberfläche, zum Aussortieren bestimmt. Eines Tages wird man die Rollläden herunterlassen und aus den Diensten Altenheime und Pflegeanstalten für geistig Behinderte machen."
"Klingt mir etwas zu pessimistisch, Jakob. Sie werden nie ganz auf uns verzichten können."
"Manchmal glaube ich, ich hätte nur geträumt. Was ist aus unseren großen Vorstellungen von Politik geworden? Unseren Idealen. Dort die Mauer mit den Teufeln und hier die glanzvollen Ritter ohne Furcht und Tadel, die sie das Fürchten lehren werden. Da kommt ein einzelner Mann im Schafspelz aus dem hintersten Winkel der Republik, legt sich ein wenig mit altbekannter Rhetorik und kleinen politischen Geschenken ins Zeug, die ihn wenig kosten, ganz im Gegenteil, er entrümpelt nur sein Haus damit – und schon glauben wir ihm, Addi, werfen wir die Schwerter weg und werden zu Friedensengeln. Fünfzig zu fünfzig, vielleicht sogar weniger, stehen seine Chancen, dass er politisch überleben wird. Vom Erfolg seiner Wirtschaftsreformen ganz zu schweigen. Und wie viel Durcheinander hat er schon im eigenen Laden angerichtet?"
Ich setzte mich auf einen der Hocker, die zwischen den Bücherregalen und einer Sendung afrikanischer Bildbände über die Serengeti standen. Das Plakat an der Wand zeigte eine traurig dreinblickende Giraffe. Beil lehnte neben der hohen Bibliotheksleiter, sein Gesicht gedankenverloren der Decke im Lagerschacht zugewandt; wegen des schwachen Lichts war nicht zu erkennen, wo ihre letzten Sprossen endeten.
"Gibt es Nachrichten, Jakob?"
"Irgend etwas ist im Gange."
"Große Sache?"
"Sehr große."
"Schon eine kleine Interpretation auf Lager?"
"Wie man's nimmt."
"Ich frage aus persönlichem Interesse."
"So? Doch nicht, weil dein eigener Stuhl wackelt? Forum ist ohne dich ein Nichts. Das gäbe einen prächtigen Offenbarungseid, wenn man dich aus dem Dienst entfernte, Adrian! Er müsste Farbe bekennen, er müsste vor aller Welt eingestehen, dass er ein elender Stümper ist."
" Schafspelz – sagt dir der Name was?"
Beil fuhr sich über den kahlen Hinterkopf, doch seine Hand löste sich sofort wieder, als finde sie dort keine Ruhe, und schraubte sich dem unsichtbaren Leiterende entgegen. "Ein Teil des Materials, das über den großen Teich kommt, macht hier immer noch Zwischenstation. Die Dechiffrierung liegt beim Adressaten, wie in alten Zeiten. Hält man dich etwa an der kurzen Leine?"
"Ist ausnahmslos alles chiffriert, was durch deine Hände geht?"
"Ein paar Krumen fallen immer mal wieder für den Postboten ab."
"Was Verdauliches dabei?"
"Topsecret. Man erkennt's an der Art der Verschlüsselung."
"Du machst mich wirklich neugierig."
"Welches andere Vergnügen haben wir denn noch? Vorgestern waren Luise und ich im Van-Gogh-Museum. Wir standen vor den Bildern und fragten uns, warum ein Mann, der es nicht unter seiner Würde fand, sich selbst ein Ohr abzuschneiden, plötzlich so hoch gehandelt wird, dass man jeden seiner Pinselstriche mühelos vergolden könnte. Wir kamen zu keinem Ergebnis. Seine Welt ist grau und ziemlich verrückt. Von all den leuchtenden Farben der Reproduktionen bleibt wenig übrig, wenn man sich die Originale ansieht. Luise und ich wurden sehr nachdenklich, wir dachten darüber nach, was wir eigentlich verkehrt gemacht hatten – wo liegt der Fehler, Adrian?"
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