"Adrian, schön, dass Sie kommen!" Er nahm seinen Arm herunter. "Ich habe einen Blick in Ihr Material geworfen – falls es Sie nicht stört? Ordentliche Arbeit, Kompliment."
"Sie waren in meinem Arbeitszimmer?"
"Dazu musste ich weder den Schreibtisch aufbrechen noch unter den Perserteppichen nach dem Zimmerschlüssel suchen", sagte er lächelnd. "Ihre Frau war so nett, mir behilflich zu sein."
"Sie bringen meine Sammlung in Unordnung, ist Ihnen das klar, verdammt noch mal?"
"Ordnung, das halbe Leben , Adrian … Ich werde Ihnen beim Einsortieren helfen. Nun machen Sie nicht so ein Gesicht. Die Seiten hier auf dem Boden würde ich gern kopieren, wenn Sie einverstanden sind?
Ob Gorbatschows Wirtschaftspolitik scheitert, das ist doch wohl nach der Analyse unserer Finanzfritzen der Dreh- und Angelpunkt, oder? Er kann noch soviel über Freiheit und Pluralismus posaunen, für den Rubel muss es Apfelsinen und Bananen geben, sonst wird's kritisch. Stimmen wir darin überein?"
"Ist das wichtig für unsere Arbeit?"
"Die Dienste schreiben an so etwas wie einem historischen Roman, Amb. Und wir wollen doch auf dem Boden der Realitäten bleiben, oder?"
"Du solltest uns lieber Kaffee machen, Addi", sagte Margrit. Sie begann mit hektischer Röte die Blätter aufzuheben, als seien sie und Sehlen bei einer verfänglichen Situation überrascht worden, und das Peinliche daran werde nun dadurch aus der Welt geschafft, dass man die Indizien einsammelte. "Slava hat schon Wasser eingefüllt, du brauchst nur noch den Automaten anzustellen."
"Ist Slava denn zu Hause?"
"Sie musste gleich wieder weg – zur Wohltätigkeitsveranstaltung im Krüger-Zentrum."
"Ihre Tochter ist ein wahrer Engel", sagte Sehlen. Er griff hinter sich nach dem Likörglas.
Ich entdeckte jetzt erst, dass sie es sich mit meiner Flasche Cointreau gemütlich gemacht hatten. Wenn Margrit trank, lachte sie noch schallender als in nüchternem Zustand. Trotzdem versuchte ich mir nichts von meiner gereizten Stimmung anmerken zu lassen.
Ich dachte an den schlauen Grundsatz, dass das Maß der inneren Freiheit viel größer ist, als man gemeinhin wahrhaben will. Man muss die Freiheit wählen , sie existiert nur soweit, wie man sie tatsächlich praktiziert. Unfreiheit ist der Zustand vor der Wahl, und der Wechsel beginnt damit, dass man sich seine Möglichkeiten bewusst macht. Dazu muss man sich an vorausgegangene Erfolge erinnern können, ihr leuchtendes Beispiel vor Augen haben. Man muss aus dem Stand einen neuen Anfang machen … man kann schallendes Lachen ignorieren .
"Was ist los, Addi?"
"Ja, haben Sie nicht gehört, Amb, worum Ihre Frau Sie gebeten hat? Kommen Sie, trinken Sie erst mal einen Cointreau mit uns. Sie sind ja ganz durchgefroren. Wie versteinert. Das Klima scheint Ihnen überhaupt nicht zu bekommen?"
Ich setzte mich zu ihnen, und wir begannen gemeinsam die Flasche zu leeren. Ich brachte das Zeug immer aus Brüssel mit, weil es dort billiger zu bekommen war. Ein Freund schleuste es durch den Zoll, er bestach die Fahrer auf dem Flughafen. Aus einem Grund, über den ich noch nicht nachgedacht hatte, war es das einzige alkoholische Getränk, mit dem ich mich wirklich anfreunden konnte. Vielleicht lag es an der eigentümlichen Verbindung von herbem und süßem Aroma. Es wirkte wie ein belebendes Heilmittel auf mich, ein Aufputschmittel und Aphrodisiakum.
Zwischendurch verschwand Margrit in der Küche, um den Kaffeeautomaten anzustellen. Sie musste völlig vergessen haben, dass sie eigentlich mich damit beauftragt hatte.
Sehlen erkundigte sich, ob ich auch der Ansicht sei, dass Apfelsinen und Bananen für das sozialistische Lager von existentieller Bedeutung wären. Er balancierte seine Kaffeetasse auf den Fingerspitzen.
"Wir hier im Paradies wissen gar nicht mehr zu schätzen, was wir haben. Das ist unser größtes Manko: der Abnutzungseffekt . Wir schwimmen in Reichtümern und drohen, darin zu ertrinken, weil wir die Orientierung verloren haben. Ich gehe manchmal durch die Kaufhäuser, Amb, zwischen den beladenen Tischreihen hindurch – daraus mache ich mir einen Spaß –, und versuche mir darüber klarzuwerden, was das alles bedeutet. Videokameras, Radiorekorder, Taschenrechner, Quarzuhren, Computer, elektronische Übersetzungshilfen.
Eine Abteilung weiter belgische Trüffel, neuseeländische Avocados, französische Weinbergschnecken, chilenischer Rotwein.
Und je mehr ich in den Anblick dieser Feiertagserfindungen versinke, desto besser verstehe ich die leuchtenden Augen unserer armen Brüder in der Dritten Welt. Ein paar von unseren Kulturpriestern, die in Kritik machen – nach welchen Maßstäben eigentlich? frage ich Sie –, wollen uns die Freude daran verderben. Anbetung der goldenen Götzen, Sie wissen schon?
Aber sind alle diese Dinge denn nicht eigentlich Gott, Amb? Im besten, im einzigen Sinne? Wenn wir schon mal dabei sind, Theologie zu treiben. Verkörpern sie nicht das Höchste, was wir erreichen können? Ist der Rest nicht bloß schöne Rhetorik? Ein Spiel mit Worthülsen – Selbsttäuschung? Wenn nicht das , was dann eigentlich? Wozu ein armes Kind aus dem Brunnen retten, wenn es später als Erwachsener nicht mal an einem Swimmingpool irgendwo in Acapulco liegen und sich eisgekühlte Cocktails servieren lassen kann?
Etwa, um hehren Gedanken nachzugehen? Sich selbst davon zu überzeugen, wie unerhört sozial nützlich man ist?
Früher, als Kind, hatten viele Dinge eine ganz eigene Ausstrahlung für mich, sie erschienen in anderem Licht.
Ein grünblauer Aschenbecher war nicht einfach nur ein Stück billiges Glas, sondern ein Edelstein aus fernen Ländern, und ein simpler Brieföffner hatte die Aura des großen Geheimnisses. Er war Waffe und Zauberstab, er kündete von vergangenen und zukünftigen Taten. Wir haben viel von dieser spontanen Bejahung verloren – man hat sie uns ausgetrieben, Amb."
Das alles klang wie ein später Rechtfertigungsversuch. Margrit kam aus der Küche mit einer Platte billigem Aufschnitt, drei hartgekochten Eiern und aufgebackenem Fladenbrot zurück. Sie kaufte beim türkischen Lebensmittelhändler immer das Brot vom Vortag, um ein paar Pfennige zu sparen; ihrer Meinung nach war es aufgebacken genauso gut wie frisches Fladenbrot. Man durfte nur keinen Tag länger damit warten, dann wurde es zu trocken. Das Ganze sah geradezu bedrückend ärmlich aus. Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen, so auffallend legte es ihre sparsame Platte darauf an, Sehlens materialistischen Visionen hohnzusprechen. Die Jagdwurst war beschlagen, und auch die Gurkenscheiben hatten einen blassgrünen Schimmer angenommen, als sei alles mit denselben Krankheitskeimen infiziert.
"Na also, Sie lachen ja schon wieder, Amb. Was ist Ihnen denn eigentlich so auf den Magen geschlagen? Ihre Frau sagte mir, dass Sie eine empfindliche Verdauung haben?"
"Hatten Sie das hier schon vermisst?" Ich zog den unbeschriebenen Umschlag mit dem leeren Blatt aus der Tasche. "Hab's damals in Holland vergessen, an Sie weiterzugeben, als ich den Briefkasten leerte."
Er kniff die Augen zusammen und streckte seine Hand aus. Nachdem er den Brief untersucht hatte, legte er unauffällig seinen Finger vor die Lippen und bedeutete mir, ihm zur Veranda zu folgen. Margrit, die noch mit den Schnittchen beschäftigt war, sah uns fragend nach. Das Brotmesser in ihrer Hand schwebte über der Aufschnittplatte. Sehlen öffnete die Verandatür und sog schnaubend die kühle Abendluft ein.
"Das ist ein großer Augenblick, Amb", sagte er, als wird draußen am steinernen Verandageländer standen. Man hörte das Läuten von Kirchenglocken, in das sich heiseres Hundegebell mischte. Aus dieser Entfernung sahen die Hausdächer zwischen den Baumkronen wie Zeltlager aus. "Unser Mann im Kreml arbeitet jetzt. So viele Monate der Vorbereitung – und nun der Sieg. Halleluja. Ich werde richtig sentimental, mein Lieber." Er wischte sich mit angewinkeltem Zeigefinger eine unsichtbare Träne aus dem Augenwinkel. Ich kam mir fast ein wenig schäbig vor bei dem Gedanken, ihm Informationen dieses Kalibers so lange vorenthalten zu haben.
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